ZDF-Wetterexperte: "Die Klimakrise schreitet schneller voran als erwartet"

Heilbronn  Özden Terli, Moderator in der ZDF-Wetterredaktion, spricht im Stimme-Interview über die aktuellen Wetterverhältnisse und den Zusammenhang zur Erderwärmung.

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Özden Terli. Foto: ZDF

Es ist ein Sommer der Extreme. Während Mensch und Natur in Nordamerika unter einer Hitzewelle leiden, wüten in Deutschland Unwetter. Özden Terli, Wetter-Experte beim ZDF, erklärt, woran das liegt.

 

Hitzewelle in Nordamerika und Unwetter in Deutschland. Warum ist das Wetter zur Zeit so extrem?

Özden Terli: Das liegt am Jetstream, der regelrecht zerfleddert ist. Normalerweise weht der von West nach Ost und treibt die Tiefs über das Land. Aber aktuell haben sich Zentren gebildet und damit Tiefs und Hochs, die fast stationär sind und liegen bleiben. So wie Tief Bernd, das feucht-warme Luft aus dem Mittelmeer zu uns gelenkt hat. Über Nordamerika wiederum hatte sich das Hoch, dieser Hitzedom, festgesetzt und sich fortwährend verstärkt.

 

Inwiefern lässt sich ein Zusammenhang zwischen den Wetterextremen und dem Klimawandel herstellen?

Terli: Der Jetstream verhält sich nicht mehr wie in der Vergangenheit, wie etwa vor 15 Jahren und weht nicht mehr so, wie man es von ihm erwarten würde. Die Ursache ist die Arktis. Sie hat sich dreimal stärker erwärmt als der Rest des Planeten. Der Temperaturunterschied zwischen den mittleren Breiten und der Arktis ist damit besonders in den Sommermonaten nicht mehr so groß. Das führt dazu, dass dieses Starkwindband schwächelt und auch stationär wird und mit ihm, wie bereits erwähnt, die Hochs und Tiefs. Das führt zu Extremwetterereignissen.

 

Könnte man in Anbetracht der aktuellen Vorkommnisse sagen, dass die Klimakrise schneller voranschreitet als erwartet?

Terli: Was Kohlendioxid und die Erdtemperatur angeht, spiegeln die Berechnungen aus den 80er Jahren so ziemlich genau die Werte aus der Gegenwart wider. Allerdings sieht es bei diesen Wetterextremen wie zum Beispiel dem Starkregen in Deutschland so aus, dass sie unterschätzt wurden. Man kann deshalb sagen, dass die Klimakrise teilweise schneller voranschreitet, als wir erwartet haben. Wir müssen davon ausgehen, dass diese Einschläge immer heftiger werden. Tatsache ist, es wird immer wärmer werden, wir hören ja nicht auf, Kohlendioxid in die Atmosphäre zu pusten.

 

Werden die Wetterextreme in zehn Jahren noch schlimmer werden?

Terli: Davon kann man ausgehen. Es wird im Moment ja nur diskutiert, was an Klimaschutzmaßnahmen umgesetzt werden soll, das steht alles nur auf dem Papier, manches noch nicht mal konkret. Wie andere Industriestaaten auch hat Deutschland über Jahrhunderte einen großen Anteil an dieser Klimakrise zu verantworten. Jetzt stehen wir in der Verantwortung, da gegenzusteuern.

 

Was muss passieren, um Schlimmeres abzuwenden?

Terli: Wir müssen auf die fossilen Energieträger so schnell wie möglich verzichten. Da führt kein Weg dran vorbei. Nur Elektroauto fahren wird nicht reichen. Jedes zehntel Grad, dass die Erderwärmung erhöht, ist ein Zehntel zu viel. Wir sehen ja die Auswirkungen und in was für einer dringlichen Lage wir sind. Es wird wärmer werden und die Wetterextreme werden zunehmen. Es ist ein Spiel mit dem Feuer, im wahrsten Sinne des Wortes, insbesondere wenn man die Brände in Kalifornien und Sibirien sieht.

Zur Person

Özden Terli wurde 1971 in Köln geboren. Von 1997 bis 2007 hat Terli Meteorologie in Berlin studiert. Studienbegleitend hat er bei wetter.com, Pro 7, Sat1 mitgearbeitet und Wetterberichte fürs Fernsehen, Zeitungen und Internet verfasst. Seit 2013 ist Terli Redakteur und Moderator in der Wetterredaktion des ZDF. 

 

 


Lisa Könnecke

Lisa Könnecke

Volontärin

Lisa Könnecke arbeitet seit Februar 2020 als Volontärin bei der Heilbronner Stimme.

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