Wasser-Experte: "Wir brauchen mehr Parks in den Städten"

Interview  Wasser-Experte Friedrich Hetzel erklärt, was nötig ist, um die Folgen des Klimawandels abzumildern. Eine "wasserbewusste Stadtentwicklung" sei immer noch in den meisten Kommunen kein Thema, bemängelt er. Das Bauen rein nach Bedarf für neuen Wohnraum resultiere häufig in "Betonwüsten".

Email
Überflutetes Wohnviertel nach einem Starkregenereignis. Foto: dpa

Der Starkregen im Westen der Republik mit stellenweise 200 Litern pro Quadratmeter Niederschlag war ein "extremes Naturereignis, das mit dem Klimawandel zusammenhängt", sagt Friedrich Hetzel von der Deutschen Vereinigung für Wasserwirtschaft, Abwasser und Abfall (DWA). Er erläutert, was Kommunen präventiv tun sollten.

 

Wir haben schmerzhaft erfahren müssen, dass unser Land offenbar nicht ausreichend auf solche extremen Wetterereignisse vorbereitet ist. Wie beurteilen Sie die Lage?

Friedrich Hetzel: Wir müssen lernen, mit solchen Extremen besser umzugehen. Dafür brauchen wir unterschiedliche Anpassungsstrategien: bei der Bauplanung, bei der Überflutungsvorsorge und beim Katastrophenschutz.

 

 

Viele regional Verantwortliche sagen, es werde schon seit Jahren sehr viel für den Hochwasserschutz getan und Rückhaltebecken gebaut.

Hetzel: Das ist auch so. Es wird viel getan, insbesondere Kommunen an großen Flüssen, die schon seit Jahrzehnten mit Flusshochwasser umgehen müssen, haben viel investiert. Aber es geht nicht nur um Hochwasservorsorge, sondern, vor dem Hintergrund der durch den Klimawandel hervorgerufenen Extreme, um eine Überflutungsvorsorge. Und da haben viele Kommunen noch große Defizite.

 

Stichwort Bauplanung. Wie weit sind Kommunen diesbezüglich?

Hetzel: An das Thema wasserbewusste Stadtentwicklung denken wenige Kommunen. Klar, es gibt einzelne tolle Beispiele, aber meistens wird einfach dem Bedarf nachgegangen, schnell Wohnraum zu schaffen, ohne sich über ein städtisches Wassermanagementkonzept Gedanken zu machen. Das Ergebnis sind dann häufig versiegelte Betonwüsten. Und viel Fläche, die man eigentlich dringend als Grünfläche bräuchte, wird den Autos überlassen. Alternative Mobilitätskonzepte sind Fehlanzeige. Ein attraktiver ÖPNV und ausgebaute sichere Radwege sollten zu einer drastischen Reduktion von Individualverkehr führen und damit zu Flächengewinn. In vielen Ländern klappt das schon hervorragend.

 

 

Auch in unserer Region mit dem Neckar und zahlreichen kleinen Nebenflüssen gibt es aktuell Diskussionen um die Planung neuer Bau- oder Gewerbegebiete in Flussnähe. Was sollten die Verantwortlichen bei der Planung beachten?

Hetzel: Man muss sich schon die Frage stellen, ob bestimmte Gebiete angesichts der zunehmenden extremen Wetterphänome noch als Baugebiete ausgewiesen werden können. Fließwegekarten helfen bei solch einer Entscheidung. Mit ihnen kann man gut simulieren, wo das Wasser abfließt. Unsere Experten beraten dazu. Manchmal wird man sich dann auch gegen ein Baugebiet entscheiden müssen – zumindest aber hochwasserangepasst bauen.

 

Wie kann so etwas aussehen?

Hetzel: Denken Sie zum Beispiel an die Pfahlbauten vom Bodensee. Man würde auf den Keller verzichten und das Erdgeschoss auf Pfähle aufbocken. In den Niederlanden gibt es auch schon aufschwimmende Häuser. Klar ist: Im Ahrtal hätte man den Sachschaden angesichts dieser Naturgewalten nicht verhindern können – nur, indem man da gar nicht baut. Aber vor 50 oder 60 Jahren wusste man noch nicht, was kommt. Was man hätte verhindern müssen, ist die hohe Opferzahl.

 

Wie?

Hetzel: Ernst nehmen und in die Region übersetzen, was der Wetterdienst prognostiziert hat. Und darauf basierend entsprechend gefährdete Gebiete evakuieren. Eine Überflutungsvorsorge bringt in ruhigen Zeiten verschiedene Ämter und Einsatzkräfte an einen Tisch. Ein Ergebnis dieser runden Tische muss dann ein Konzept sein, wie man die Anwohner frühzeitig warnt und wie ein koordiniertes Vorgehen abzulaufen hat. Wenn man feststellt, dass man gar keine Sirenen mehr installiert hat, wird es höchste Zeit, diese wieder anzubringen. Wir können durch frühes Warnen und Evakuieren Menschenleben retten. Und ich kann nur an die Kommunen, die diesmal nicht betroffen waren, appellieren: Der nächste Extremniederschlag kann auch bei euch runter gehen, kümmert euch jetzt!

 

 

Wobei sicher nicht alle gleich stark gefährdet sind.

Hetzel: Bisher hat immer die Wahrnehmung vorgeherrscht: Wir sind ja weit weg vom Fluss. Aber solche unglaublichen Regenmengen verursachen Schäden, nicht nur am Fluss. Deshalb sollten Kommunen anhand einer Risikokarte durchsprechen: Wohin schießt das Regenwasser ab einer gewissen Niederschlagsmenge? Auf der Basis kann man dann gezielte Maßnahmen zum Schutz entwickeln, das können manchmal auch kleine Dinge sein.

 

Auch Hitzewellen werden in Folge des Klimawandels heftiger ausfallen und häufiger auftreten. Welche Anpassungsstrategien gibt es dafür?

Hetzel: Wir brauchen mehr Parks in den Städten, mehr Fassaden- und Dachbegrünung als Verdunstungsflächen. Mehr Blau und Grün in der Stadt bedeutet auch mehr Lebensqualität. Und hierfür brauchen wir Flächen, um etwa das Wasser ortsnah versickern zu lassen. Das Stichwort lautet wasserbewusste Stadtentwicklung. Aber auch was das betrifft, sind wir leider noch nicht so weit wie manch andere Länder.

 

Zur Person

Dr. Friedrich Hetzel ist Geoökologe und Abteilungsleiter Wasser und Abfallwirtschaft bei der Deutschen Vereinigung für Wasserwirtschaft, Abwasser und Abfall e.V. (DWA) in Hennef.


Valerie Blass

Valerie Blass

Autorin

Valerie Blass ist Autorin im Politik-Team. Ihr besonderes Interesse gilt Themen aus dem Bereich Gesundheit.

Kommentar hinzufügen