Wie strikt wurden die Corona-Regeln an der SRH-Klinik befolgt?

Bad Wimpfen  Die hohe Zahl an Corona-Infizierten im SRH Gesundheitszentrum Bad Wimpfen gibt weiter Rätsel auf. Seit Freitagabend steht die Klinik unter Quarantäne. Was Patienten schildern, steht zuweilen im Gegensatz zu dem, was die Klinik sagt.

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Seit Freitagabend steht das SRH Gesundheitszentrum in Bad Wimpfen unter Quarantäne.

Foto: Mario Berger

Die Kritik an der SRH Klinik in Bad Wimpfen reißt nicht ab.  Am Wochenende wurde bekannt, dass fast 200 Patienten und Mitarbeiter mit dem Coronavirus infiziert sind.  Patienten und Angehörige fragen sich, wie es geschehen konnte, dass sich das Virus ungehemmt ausbreitet. Aussagen von Klinik, Gesundheitsamt des Landratsamts Heilbronn und Patienten zeichnen in einigen Punkten ein unterschiedliches Bild. Ein Knackpunkt offenbart sich in der Frage, wie strikt die Vorgaben zum Schutz vor einer Ausbreitung des Coronavirus umgesetzt und kontrolliert worden sind.

"Bei jeder Mahlzeit - morgens, mittags und abends - saß ich an einem anderen Tisch mit immer anderen Patienten", erzählt eine 53 Jahre alte Frau, die nach einer schweren Lungenoperation zur Reha nach Bad Wimpfen gekommen ist. Zwar seien die Patienten mittags zu unterschiedlichen Zeiten verköstigt worden, um die Zahl der Menschen im Raum zu verringern. Doch gleichzeitig habe man den Speisesaal durch Absperrungen verkleinert. Nun ist die Frau mit dem Coronavirus infiziert. Seit mehr als einer Woche hält sie sich isoliert in ihrem Zimmer auf.

Patient sagt, dass bei Neuankömmlingen kein Fieber gemessen wurde

Ein 50 Jahre alter Patient, der inzwischen wieder zu Hause ist, wunderte sich über Neuankömmlinge, bei denen nicht einmal Fieber gemessen worden sei. Patienten berichten übereinstimmend, dass viele ihrer Mitpatienten sich draußen mit Bekannten und Verwandten trafen und in den nahen Lebensmittelmarkt einkaufen gingen. Einige Patienten berichten außerdem, dass sie von Therapeuten ohne Mund- und Nasenschutz behandelt worden seien. "Ich denke, man hätte das Ausmaß eindämmen können", lautet das Fazit einer Patientin mit Blick auf die vielen infizierten Patienten und Mitarbeiter der Klinik.

Dem Heilbronner Kreisgesundheitsamt wurde nach Angaben des Pressesprechers Manfred Körner am 2. April gemeldet, dass bei zwei Mitarbeitern positive Befunde vorliegen. "Im Zuge unserer Ermittlungen ergab sich, dass zwei weitere Mitarbeitende und vier Patienten der Kardiologie Symptome zeigten." Alle symptomatischen Personen wurden abgestrichen, die Kontaktpersonen ermittelt, getestet und Quarantäne angeordnet. Im weiteren Verlauf wurde die gesamte Einrichtung mit allen Patienten und Mitarbeitenden getestet. "Insgesamt wurden über 600 Tests durchgeführt", sagt Körner.

Verfügt wurde unter anderem, dass immer das gleiche Personal stets im gleichen Bereich arbeiten muss. Ab Auftreten der ersten Fälle durften alle Mitarbeiter in der gesamten Einrichtung nur noch mit Mund-Nasen-Schutz arbeiten.

Mitarbeiter hätten Schutzvorkehrungen eingehalten

"Schutzregeln werden von den Mitarbeitern penibel eingehalten. Dies wird durch die zuständigen Bereichsleitungen kontrolliert", teilt SRH auf Stimme-Anfrage mit. Bis zur Verkündigung der Quarantäne-Verordnung sei es nicht isolierten Patienten gestattet gewesen, das Haus zu verlassen. Es habe keine Möglichkeit gegeben, die Freiheit der nicht-symptomatischen Patienten einzuschränken. "Dies ist nach Eintreten der Quarantäne-Verordnung selbstverständlich vollständig unterbunden worden", teilt die Sprecherin mit. Trotz aller Sicherheitsvorkehrungen sei es leider nicht gelungen, das Gesundheitszentrum Covid-19-frei zu halten.

Die vielen Corona-Fälle in der Reha-Klinik beschäftigen den Bad Wimpfener Bürgermeister. Er wendet sich in einer Mitteilung an die Bürger der Stadt. Diese ist auf der Website des Rathauses nachzulesen. Claus Brechter appelliert an die Bürger, die Verhaltensregeln zum Schutz vor dem Virus zu befolgen. Das Schreiben geht nach Brechters Angaben an die Kirchen und an die Mitglieder des Gemeinderats mit der Bitte, es zu verbreiten. Kritik kommt von Bettina Scheid-Mosbacher, Wise-Stadträtin und Fachärztin für Allgemeinmedizin. "Unsere Fraktion wird diese E-Mail nicht weiterleiten und verbreiten. Es stehen falsche Behauptungen drin."

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In Brechters Mitteilung heißt es, die Testergebnisse aus der Reha-Klinik zeigten, "wie hoch die Dunkelziffer der tatsächlichen Infektionen in unserer Gesellschaft sein muss". Eine Aussage, die auch SRH-Klinikleiter Professor Dr. Dr. Volker Hömberg gegenüber dieser Redaktion getroffen hat.

Scheid-Mosbacher kritisiert: "Die Annahme, dass die hohe Zahl der positiven Testungen die Dunkelziffer in der Bevölkerung spiegelt, ist eine reine Hypothese." Die Kontaktsituation im Klinikalltag könne nicht mit dem öffentlichen Leben gleichgestellt werden. Sie und ihre Fraktionskollegen bezweifeln, dass alle Patienten, die seit dem 2. April auf dem Klinikgelände unterwegs waren, bereits getestet waren.

Appell des Bürgermeisters stößt auf Kritik

Noch gibt es keine repräsentative Studie für Deutschland, die verlässliche Daten zum Infektionsgrad liefert. Solch eine Untersuchung bereitet das Robert-Koch-Institut vor. Wissenschaftler wollen in mehreren großangelegten Studien herausfinden, wie weit das Coronavirus in Deutschland tatsächlich verbreitet ist. Sie gehen der Frage nach, wie viele Menschen eine Infektion durchgemacht haben und jetzt zumindest für eine gewisse Zeit immun sind. Erste Studienergebnisse werden im Mai erwartet.

"Ich habe nicht den Anspruch, eine wissenschaftliche Aussage zu treffen", erklärt Brechter die Mitteilung. Er habe ausdrücken wollen, wie wichtig es sei, Abstand zu halten und die Corona-Regeln einzuhalten.


Heike Kinkopf

Heike Kinkopf

Reporterin

Heike Kinkopf ist Redakteurin im Reporterteam der Heilbronner Stimme. Diese Einheit berichtet über das tagesaktuelle Geschehen in der Region und kümmert sich um investigative Recherchen.

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