Wie Eltern versuchen, mit dem Tod des eigenen Kindes umzugehen

Villingen-Schwenningen  In einer Nachsorgeklinik im Schwarzwald lernen verwaiste Eltern, mit dem Tod des eigenen Kindes zu leben. Etwa 150 Mitarbeiter helfen mit therapeutischen Angeboten, Betroffenen dabei, wieder ins Leben zurückzufinden.

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"Dass das Kind vor einem stirbt, passt nicht in die biologische Reihenfolge", sagt Wehrle. Foto: dpa

Ein Kind zu verlieren, sei für Eltern ein Schock, der unglaublich lange anhalte. "Manchmal ein Leben lang", sagt Roland Wehrle, Geschäftsführer der Nachsorgeklinik Tannheim im Schwarzwald. Dort erfahren Familien von schwer erkrankten Kindern und Eltern, die ein Kind verloren haben, sowie Geschwister von Verstorbenen Unterstützung. "Dass das Kind vor einem stirbt, passt nicht in die biologische Reihenfolge", sagt Wehrle. Aufgabe der Reha-Klinik mit etwa 150 Mitarbeitern und therapeutischen Angeboten sei es, Betroffenen dabei zu helfen, ins Leben zurückzufinden.

In der Krise entzweit

Trauer ist individuell. Weil Männer und Frauen oft unterschiedlich auf den Tod reagierten, passiere es beispielsweise, dass Paare sich nicht mehr verstehen. "Gerade dann, wenn sie in der Krise als Familie zusammenstehen wollen." Einen Unterschied macht es Wehrle zufolge, ob die Tochter oder der Sohn an einer Krankheit wie Krebs oder Mukoviszidose stirbt oder durch einen plötzlichen Verkehrsunfall. "Das Kind geht morgens aus dem Haus und kommt nie wieder", sagt Wehrle.

Die Leichname weisen mitunter schwere Verletzungen auf und sind verstümmelt. Eltern erhalten keine Möglichkeit, sich von ihrem Kind zu verabschieden. "Ein Abschiedsritual fehlt, wie es bei einer Krankheit möglich ist." Wehrle stellt außerdem fest, dass Mütter und Väter häufig Schuldgefühle plagen. Sie fragten sich, ob sie den Unfall hätten verhindern oder etwas anders machen können. Das Was-wäre-wenn beschäftigt die Eltern.

Familien befinden sich Wehrle zufolge vier Wochen in der Reha. Mit sieben weiteren Familien oder Elternpaaren bilden sie eine Gruppe. In Sitzungen tauschen sie sich aus. Sport und Freizeitangebote runden den Aufenthalt ab. "Wir sind von der Nachfrage überrascht worden", sagt der Geschäftsführer. Die Wartelisten für Betroffene sei lang. In Deutschland gibt es ihm zufolge keine weitere vergleichbare Einrichtung.

Emotionale Gesprächsrunde 

Die gemeinsamen Gesprächsrunden der Eltern beschreibt Wehrle als hochemotional. "Alle verstehen den Schmerz." Es werde unendlich viel geweint, aber auch viel gelacht. Eltern beispielsweise, die um das Leben ihres erkrankten Kindes kämpften, erfahren, dass Eltern von verstorbenen Kindern weiterleben können.

In der Reha sollen Betroffene aus dem Tief herausfinden. "Sie sollen so viel Energie gewinnen, dass sie ihr Leben wieder in die Hand nehmen können", nennt Wehrle ein Ziel. Sie seien durch den Tod des Kindes so aus dem Alltag geworfen, dass sie häufig auch beruflich in Schwierigkeiten gerieten. Hilfreich sei es, das verstorbene Kind durch Rituale und Symbole in das Familienleben einzubinden. Die guten Erinnerungen zu bewahren, getreu dem Gedanken: "Das verstorbene Kind möchte, dass es den Eltern gut geht." Nicht hilfreich sei, wenn Freunde und Bekannte nach einer Zeit sagen, jetzt müsse es mal gut sein mit der Trauer. Der Klinik-Chef widerspricht: "Nein, das wird nicht mehr gut."


Heike Kinkopf

Heike Kinkopf

Reporterin

Heike Kinkopf ist Redakteurin im Reporterteam der Heilbronner Stimme. Diese Einheit berichtet über das tagesaktuelle Geschehen in der Region und kümmert sich um investigative Recherchen.

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