WG Heilbronn kann Corona-Minus bisher verschmerzen

Heilbronn  Die Genossenschaftkellerei Heilbronn kann mit sechs Prozent Einbußen wegen Corona leben. Auch die Bilanz von 2019 kann sich sehen lassen. Ex-Geschäftsführer Karl Seiter steht neuem Führungsteam 2021 weiter beratend zur Seite.

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Neuer Verkauf, neues Lager, neue Rebschule, neues Weingarten-Lokal: Nachdem die Genossenschaftskellerei zuletzt stark gewachsen ist, stehen vorerst keine größeren Investitionen an.

Foto: Archiv/Mugler

Eigentlich sei die Genossenschaftskellerei Heilbronn ja "ganz positiv" ins Jahr 2020 gestartet, berichtet der nationale Vertriebsleiter Rainer Weber. "Aber Mitte März dachte ich plötzlich, die Welt steht still." Nach dem mit vielen Unwägbarkeiten verbundenen Corona-Lockdown ist die größte deutsche Genossenschaft mit eigenem Wein inzwischen wieder in ruhigem Fahrwasser. Die Umsatz- und Absatzeinbußen dürften in den ersten acht Monaten 2020 bei jeweils sechs Prozent liegen. Davon, aber auch von der guten Jahresbilanz 2019, berichtete die WG-Spitze am Montag der Presse.

Neues internes Führungsteam

Auch einen "anderen Lockdown", so Vorstandsvorsitzender Justin Kircher, habe der Betrieb im März gemeistert: die kurzfristige Trennung von Geschäftsführer Michael Eißler. Er hätte eigentlich nach einer halbjährigen Einarbeitungsphase in die Fußstapfen von Karl Seiter treten sollen, welche sich am Ende als zu groß erwiesen. Die hausinterne Lösung habe sich bewährt. Kircher betreibt seinen Vorstandsvorsitz inzwischen hauptamtlich.

Der 56-jährige Weber betreut der Geschäftsführung den nationalen Vertriebspart, Daniel Drautz (29), der sich über die Führung des Buga-Wein-Villa-Standes profiliert hat, ist jetzt fürs Personal, Controlling und für Finanzen zuständig. Und als Berater steht dem Trio Karl Seiter zur Seite: Offiziell bis Ende 2020, "als Gast und Berater aber wohl noch einige Zeit darüber hinaus", so sagte der 68-Jährige am Montag auf Anfrage.

Dass der überraschende Führungswechsel nichts mit wirtschaftlichen Problemen zu tun gehabt hat, betonten die WG-Chefs bei Vorlage ihres Geschäftsberichts von 2019, der Corona-bedingt erst jetzt und bisher ohne Mitgliederversammlung veröffentlicht wurde.

Umsatz sinkt, Traubengeld bleibt konstant

Demnach sind die Umsatzerlöse 2019 nur leicht auf 27,2 Millionen Euro gesunken. Der Absatz stieg gleichzeitig um 3,55 Prozent auf 8,57 Millionen Liter. Der Durchschnittserlös sank von 3,59 Euro auf 3,48 Euro. Das wichtigste Parameter aber, das Traubengeld, also die Auszahlungsleistung an die Mitglieder, liege relativ konstant bei 13.300 Euro/Hektar, wobei der Württemberger Schnitt hier bei nur noch bei 11.000 Euro/ha liege. Die Zahl der Mitglieder sei durch das Ausscheiden kleiner Betriebe zwar leicht auf 1307 gesunken, die Gesamtrebfläche aber um rund 24 auf 1454 ha gestiegen: weil manche Mitglieder neue Flächen übernommen haben, aber auch durch Neueintritte, die ihre Trauben bisher an Privatkellereien abgeliefert hatten. 2020 seien schon 50 ha hinzugekommen, weshalb man im Juli sogar einen vorläufigen Aufnahmestopp verhängen musste. "Das will ja auch alles verkauft sein", erklärte Seiter.

Am Markt gut behauptet

Insgesamt habe man sich also in einem hart umkämpften Markt behaupten können, nicht zuletzt durch zahlreiche touristische Aktivitäten im Umfeld und auf der Buga, sagte Drautz. Bundesweit sei der Pro-Kopf-Verbrauch um 0,4 Liter auf 20,1 Liter/Jahr gesunken. Gleichzeitig werde weltweit 40 Millionen Hektoliter Wein zu viel produziert und Deutschland sei Importland Nr. 1, weshalb nur 15 Prozent der Weinflaschen über drei Euro kosten.

Bei Weißwein habe die WG sogar leichte Preiserhöhungen von zehn bis 20 Cent durchsetzen können, denen 2021 weitere folgen sollen. "Kostensteigerungen und Inflation haben wir damit aber längst nicht aufgefangen", so Seiter. Mit einem Weißweinanteil von einem Drittel könne man gut auf den aktuellen Verbrauchertrend reagieren, sehr erfolgreich angelaufen seien ein Sauvignon blanc und ein Muskateller der Marke Edelis, aber auch der neue Schiller der Jungwinzer-Gruppe Triebwerk. Mit dem neuen Trollinger "Ursprung" wolle man das Profil der Traditionssorte modern weiterentwickeln, und zwar nicht nur im eigenen Haus, sondern bald auch mit der Weinbauschule Weinsberg und einem Projekt, das für andere Württemberger Betriebe offen ist.

 

Großlagen und Bezeichnungen

Die Genossenschaftskellerei Heilbronn ist mit 1454 Hektar (ha) die größte deutsche Genossenschaft mit eigenem Wein. Die Fläche hat sich seit dem Jahr 2007 mehr als verdoppelt: durch fast geräuschlose Fusionen mit Neckarsulm-Gundelsheim (35 ha), Flein-Talheim (300), Lehrensteinsfeld (120), Unterheinriet (60), Unteres Jagsttal (30) und Grantschen (122) und durch den Eintritt von Wengertern, die ihre Trauben bei anderen WGs oder Kellereien abgaben oder den eigenen Wein bisher selbst verkauften. Die Marken der größeren WGs werden zum Großteil weitergeführt.

Damit verbunden sind auch entsprechende Orts- und Lagennamen. Mit dem neuen Bezeichnungsrecht, das womöglich schon ab 2021 gilt, aber eine fünfjährige Übergangsfrist beinhaltet, wäre dies nicht mehr überall möglich. Vor allem Großlagen stehen auf der Kippe, wodurch vielen WGs in der Vermarktung Probleme entstehen würden. Es besteht noch viel Klärungsbedarf.


Kilian Krauth

Kilian Krauth

Autor

Kilian Krauth kümmert sich um die Heilbronner Kommunalpolitik, um historische und kirchliche Themen sowie um den Weinbau der Region und weit darüber hinaus.

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