Wein-Villa-Winzer hoffen auf Buga-Feeling am Neckar

Heilbronn  An diesem Donnerstag öffnet die Heilbronner Wein-Villa an der Neckarbühne ihren neuen Weinausschank. 15 Winzer schenken Weine aus, es gibt auch Snacks. Ein Wartberg-Hüttchen folgt am Wochenende.

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Wegen Corona mit Abstand und Hygieneregeln: Jürgen Sawall (v.l.), Karl Seiter, Daniel Drautz öffnen heute den Wein-Villa-Stand an der Neckarbühne.

Foto: Andreas Veigel

Schon lange forderten Vordenker wie Kaufmann Wolfgang Palm einen Wein-Stand in Heilbronn-City, also mitten in Baden-Württembergs ältester Weinstadt. Mit der Buga 2019 realisierten auch die Wengerter, welches Potenzial in einem permanenten Ausschank über das Weindorf hinaus steckt - und sie entdeckten die Neckarbühne, wo die Stadt auf Initiative des Wirts Köksal Kilic bereits einen Bebauungsplan in der Schublade hatte.

Abgespeckte Pläne

Während Kilic für einen vom Büro Mattes Riglewski Wahl geplanten, 1,2 Millionen Euro teuren Pavillon keinen Investor gewinnen konnte, ebnete WG-Chef Karl Seiter mit guten Beziehungen und Cleverness den Weg für ein abgespecktes 300.000-Euro-Projekt der 15 Wein-Villa-Wengerter. Zum Jahrestag der Buga-Eröffnung, also am 17. April, sollten an dem vom Büro Ruppert und Posovszky konzipierten Holzkubus die ersten Korken knallen. Doch durch Corona musste alles vorerst auf Eis bleiben. Mit der aktuellen Lockerung für Ausschankstätten darf nun auch am Neckar Wein fließen.

Von Donnerstag an werden täglich, außer montags, ab 16 Uhr - wochenends ab 14 Uhr - bis Oktober 20 Weine, Saft und Wasser angeboten: das Zehntel ab 2,50 Euro, das Viertel ab 4,50 Euro. Es gibt aber auch Flaschen ab 16 Euro. In das wechselnde Sortiment der Wein-Villa werden sich ab Ende Juli donnerstags Vertreter der Württemberger Jungwinzer-Gruppe Wein.Im.Puls mit eigenen Tropfen und Live-Musik einklinken. Ab 2021 sind auch Aktionen mit der Dualen Hochschule, der Weinbauschule Weinsberg sowie der Hochschule Heilbronn im Gespräch.

Sawall und Hemrich pflegen gute Nachbarschaft

Gleichzeitig bietet das von Jürgen Sawall und Florian Hemrich geführte Küchenteam der Wein-Villa, deren Stammsitz sich in der Cäcilienstraße befindet, Happen an: Aufstriche auf dem Vesperbrett, Wengerter-Fladen, insgesamt sprechen die beiden von "schwäbischen Tapas". Wie Sawall und Hemrich, aber auch Karl Seiter, Daniel Drautz, Justin Kircher und Martin Heinrich im Namen der Wengerter betonen, wolle man den benachbarten Wirten der Neckarmeile keinesfalls Konkurrenz machen. "Im Gegenteil", so Seiter gestern vor der Presse, "wir hoffen uns gegenseitig zu befruchten". Prompt kommt Nachbar Kilic mit zehn Espressi an. Nicht zuletzt Sara Furtwängler von der Heilbronn Marketing sieht darin ein programmatisches Zeichen.

"An einem der schönsten Flecken der Stadt wollen wir die Weinkultur pflegen und touristisch voranbringen", sagt Furtwängler. So werde der Stand unter anderem in Führungen eingebunden, die ab Samstag eine weitere Anlaufstation bekommen: Am Wasserhochbehälter auf dem Wartberg werden die Wein-Villa-Wengerter mit dem Verkehrsverein bis Oktober wochenends einen weiteren neuen Stand betreiben. Drei Flaggen signalisieren die Öffnungstage.


Kommentar: Zwischentöne am Weinstand

Endlich! Trotz Corona wird vieles lockerer. Nun ist auch der Weg für zwei Weinstände in Heilbronn frei. An der Neckarterrasse geht"s heute Nachmittag im Tagesbetrieb los, auf dem Wartberg wird ab Samstag jeweils wochenends Wein angeboten.

Eigentlich müssten jetzt alle Weinzähne mit der Zunge schnalzen, weil damit ein alter, durch die Buga forcierter Wunsch in Erfüllung geht. Doch vor dem ersten Sektkorken werden schon Misstöne laut. Freunde des "Riverside", das früher "Stadtfischer" hieß, beklagen, dass der Wirt Köksal Kilic ausgebootet worden sei; schließlich sei der Weinpavillon am Neckar seine Idee gewesen. Nun. Erstens hat die Idee viele Väter. Zweitens ist es nicht ganz nachvollziehbar, warum der Ideenquell letztlich trotz vieler Gespräche keinen Investor für sich und seine hoch ambitionierten Pläne aus dem Architekturbüro Mattes Riglewski Wahl gewinnen konnte.

Offenbar waren die Argumente eines Karl Seiter stärker, seine Cleverness größer und seine Kalkulation solider. Und: Er verhandelte nicht für sich, sondern für 15 Heilbronner Betriebe, inklusive einer WG mit 1400 Mitgliedern, kurzum: für den Heilbronner Weinbau.

Ähnlich sieht es auf dem Wartberg aus. Dort hat Mathias Haag in dem historischen Steinhäuschen seiner Familie vorgemacht, was in anderen Regionen längst üblich ist: Weingläser im Weinberg. Ihm war aber auch von Anfang an klar, dass er die Genehmigung in einem Schutzgebiet jenseits aller Hygienevorschriften nur befristet bekam, mit der Maßgabe, dass die Wein-Villa 400 Meter weiter eine rechtlich wasserdichte Lösung realisiert.

In beiden Fällen wurde eine für Heilbronn gute Lösung gefunden. Für Kilic und Haag mag das bitter sein. Aber vielleicht können sie am Erfolg dennoch teilhaben: indem man sie in die Konzepte einbindet, Kilic mit seiner Küche und seinem Espresso – Haag als eloquenten Vorzeige-Weingärtner.

Und die ambitionierte Wein-Architektur? Marketing-Chef Steffen Schoch schwebt nach wie vor eine Art Experimenta des Weins vor. Nur ein Traum? In Heilbronn sind spätestens mit der Buga schon ganz andere Ideen wahr geworden.


Kilian Krauth

Kilian Krauth

Autor

Kilian Krauth kümmert sich um die Heilbronner Kommunalpolitik, um historische und kirchliche Themen sowie um den Weinbau der Region und weit darüber hinaus.

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