Von wegen finsteres Mittelalter: Burgen und Schlösser aus der Region

Region  Fachbuch-Autor Nicolai Knauer aus Massenbachhausen über die Faszination von mittelalterlichen Bauwerken und eine absolute Sensation in der Region.

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Lange galt das europäische Mittelalter als finster und unkultiviert. Doch mittlerweile hat die Forschung ein neues Licht auf die Epoche zwischen Antike und Neuzeit geworfen – auch dank mittelalterlicher Bauwerke, wie sie sich in der Region zuhauf finden. Wenn es nach Experte Nicolai Knauer geht, müssen sich Burgen und Schlösser vor ihren altertümlichen Vorgängern keinesfalls verstecken.

Wann waren Sie eigentlich zuletzt in einer Burg, Herr Knauer?

Nicolai Knauer: Gute Frage (lacht). Vor ein paar Wochen war ich zu einem Drehtermin auf der Burg Steinsberg bei Sinsheim-Weiler. Dort sollten für den Rhein-Neckar-Kreis eigentlich Gästeführer ausgebildet werden. Weil das wegen Corona aber nicht stattfinden konnte, haben wir einen kleinen Film gedreht, den sich die angehenden Gästeführer nun über das Internet anschauen können, um sich zu schulen.

Mal spricht man von Burgen, mal von Schlössern – worin liegt eigentlich der Unterschied?

Knauer: Das kommt auf die Perspektive an. Aus heutiger Sicht ist ein Schloss ein wehrtechnisch wenig ausgebauter, repräsentativer Adelssitz, während eine Burg eher eine Festungsanlage zur Verteidigung ist. Im Mittelalter wurden beide Begriffe aber fast synonym verwendet.

Was fasziniert die Menschen heute noch an Jahrhunderte alten Steinen?

Knauer: Das ist eine Frage, die ich mir auch immer wieder selbst stelle. Zunächst sind gerade die Burgen, die auf Bergen stehen, für unsere Region etwas sehr Markantes. Es sind Bauwerke, die besonders wahrgenommen werden und etwas Majestätisches haben. Auch wenn man sich die gewaltige bauliche Leistung vorstellt, der es bedurfte, um so eine Burg dort zu errichten. Hinzu kommt das Sagenumwobene und Geheimnisvolle. Und das Phänomen Burg wird natürlich auch häufig mit Rittertum assoziiert, was gerade für Kinder sehr faszinierend ist.

Burgen auf Bergen gibt es in der Region viele. Stimmt die Vermutung, dass es im Kraichgau deutlich mehr solcher Bauwerke gab als etwa in und um Heilbronn?

Knauer: Im Kraichgau sind vielleicht mehr Bauwerke übriggeblieben. Aber wenn man das Heilbronner Stadtgebiet betrachtet, gab es dort ursprünglich deutlich mehr Anlagen als die, die heute noch sichtbar sind. Sontheim hatte eine Burg, in Kirchhausen gab es mindestens drei Burganlagen und auch in Klingenberg und Böckingen befanden sich Bauwerke. Und natürlich die Burg in Horkheim. Im Kraichgau hat sich aber in vielen kleinen Dörfern mehr erhalten, während Heilbronn im Krieg schlimm zugerichtet wurde und auch durch seine städtische Ausdehnung einiges geschluckt und beseitigt hat.

Spielen die fruchtbaren Böden der Region für die hohe Burgen-Dichte eine Rolle?

Knauer: Ja, auf jeden Fall. Insgesamt betrachtet gibt es bei uns, auf die Fläche gerechnet, drei- bis viermal so viele Burgen wie etwa im Odenwald. Das ist auf die fruchtbaren Böden zurückzuführen, wegen denen die Menschen hier schon lange und zahlreich gesiedelt haben.

Wird denn das touristische Potenzial, das sich aus dieser hohen Anzahl an mittelalterlichen Bauwerken ergibt, heute angemessen ausgeschöpft?

Knauer: Ich würde sagen, dass man das noch ausbauen könnte. Ich denke da etwa an das Kirchhausener Schloss, das eines der besterhaltenen Renaissance-Bauwerke im Umkreis ist. In solchen Fällen könnte man touristisch sicherlich mehr machen, das Interesse ist vorhanden.

Wie könnten solche touristischen Attraktivierungen aussehen?

Knauer: In einem ersten Schritt ginge es vor allem darum, sich einmal genau anzuschauen, was habe ich eigentlich vor der Haustür. Leingarten mit der sogenannten Frankenschanze aus dem späten Frühmittelalter ist etwa so ein Fall. Dass es sich dabei einst um den Amtssitz des Grafen des Gartach-Gaus handelte, wird von den meisten übersehen. Es gibt zwar ein kleines Schildchen, aber das sieht man erst, wenn man davor steht. Die Leingartener merken langsam, dass sie da wirklich etwas ganz besonderes haben.

Und sonst?

Knauer: Man könnte solche Dinge in andere Tourismus-Formen einbinden; etwa in den Rad-Tourismus. Generell gibt es für alles eine ansprechende Art der Präsentation. Auch mit Informationstafeln und durch Führungen könnte man die Regionalgeschichte präsent machen.

Sind Burgen für Privatpersonen heute noch als Wohnhäuser beliebt?

Knauer: Beliebt sind sie sicherlich; die Leute leben gerne dort und schätzen die Entspannung. Aber ein Punkt ist ganz klar: Man muss es sich leisten können. Und daran sind schon manche gescheitert, denn die Kaufpreise sind oft nicht das Problem. Erst wenn es darum geht, die Anlage in Schuss zu halten oder sie wieder instand zu setzten, wird es oft schwierig. Vor allem sollte man selbst auch Hand anlegen können. Denn alle anfallenden Arbeiten von Handwerkern erledigen zu lassen, das kann sich wirklich nur jemand mit sehr dickem Portemonnaie leisten.

Welche Geheimnisse waren den steinernen, mittelalterlichen Zeitzeugen bislang noch nicht zu entlocken? Wo gibt es noch etwas zu erforschen?

Knauer: Überall (lacht)! Denn es ist ja noch gar nicht so lange her, dass damit begonnen wurde, das Mittelalter so intensiv wie jetzt zu erforschen. Zuvor waren oft nur die Römer oder Ägypter interessant und das Mittelalter galt als finster und unkultiviert. Doch inzwischen hat man gemerkt, dass dieses Bild völlig falsch ist.

Sind die historischen Wohn- und Verteidigungsbauten – auch mit Blick auf ihre Langlebigkeit – Ausdruck dieser durchaus vorhandenen Kultur?

Knauer: Bei den Bauleistungen, die damals vollbracht wurden – gerade, wenn man auch noch Kirchen und Dome hinzuzählt –, würde ich behaupten, dass sie den großen Hochkulturen des Altertums in Baumasse und -techniken nicht nachstehen. Aber in Bezug auf Dachkonstruktionen gibt es beispielsweise kaum Informationen darüber, welcher Ziegel wann eingesetzt wurde. Daneben gibt es Archive, die noch gar nicht richtig ausgewertet sind. Das alles verlangt natürlich sehr, sehr viel Zeit, aber schrittweise entsteht ein anderes Bild, als das, was man möglicherweise durch Hollywood-Filme vor Augen hat.

Wenn Sie Auswärtigen nun drei mittelalterliche oder frühneuzeitliche Besuchsziele im Heilbronner Land empfehlen müssten, welche wären das dann?

Knauer: Auswärtige würde ich sehr gerne einladen, sich das Deutschordensschloss in Kirchhausen anzuschauen. Vor allem von außen ist es eines der besterhaltenen Bauwerke weit und breit und ein absolutes Highlight aus der Spätphase, das auf den Überresten einer Burg erbaut wurde. Des Weiteren gehört sicherlich die Kaiserpfalz in Bad Wimpfen dazu. Die ist mit ihrem Palas, was hochmittelalterliche Standards angeht, das Höchste was man im ganzen Umkreis findet. Und auch die Burg in Lauffen würde ich empfehlen. Dort steht noch der originale Wohnturm – höchstwahrscheinlich aus vor-salischer Zeit, um 1000 herum. 95 Prozent der Burgen, die es heute noch gibt, sind zu dieser Zeit noch gar nicht erbaut. Eigentlich ist es eine absolute Sensation, dass der Turm noch da ist.

Zur Person:

Nicolai Knauer (51) ist in Massenbachhausen aufgewachsen und lebt seit 1996 mit seiner Familie in Heilbronn-Kirchhausen. Der gelernte Grafikdesigner forscht seit mehr als 25 Jahren zu Schlössern und Burgen, ist Fachbuch-Autor und leitet immer wieder Führungen und Kinderferienprogramme. Zeitweise war er auch stellvertretender Vorsitzender des Heimatverein Kraichgau. bmn


Nils Buchmann

Nils Buchmann

Volontär

Nils Buchmann arbeitet seit Oktober 2020 als Volontär bei der Heilbronner Stimme.

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