Stimme-Leser erkunden das Trainingscenter bei Audi

Neckarsulm  Die Lesersommer-Aktion bei Audi ermöglicht einen Einblick in das moderne Trainingscenter des Autoherstellers. Hier werden Mitarbeiter vor allem im "Sehen lernen" geschult.

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Wie werden die Mitarbeiter am Band bei Audi auf ihre Arbeit vorbereitet? Wie kann man üben, ohne die Produktion auszubremsen? Sechs Leserinnen und Leser bekamen trotz der derzeit geltenden verschärften Corona-Maßnahmen bei Audi interessante Antworten auf solche Fragen.

Den Einschränkungen in der Corona-Krise begegnet Audi kreativ. Was nicht live erlebt werden kann, wird am Mittwochnachmittag eben digital erlebbar gemacht. Zum Beispiel mit Virtual Reality: Im Trainingscenter lernen Mitarbeiter und an diesem Tag auch die Teilnehmer des Lesersommers mit einer VR-Brille auf dem Kopf und zwei Controllern in den Händen, wie man einen Arbeitsplatz optimiert und was das an Effizienzgewinn bringen kann.

Im Dauerlauf bei der Arbeit

Timo Lohrer aus Heilbronn probiert es aus. 38 Meter legt er zurück, um ein Lenkrad in einen A8 einzubauen. Sicherungsclips müssen entfernt, das richtige Lenkrad angeschraubt, der Airbag angeschlossen und eingerastet werden. Dazu werden auch die Barcodes der Teile gescannt, damit nichts Falsches verbaut wird. Gar nicht so einfach, doch auch von den Trainern bekommt der Stimme-Leser viel Lob.

Dann werden Regale verschoben, die Höhen der Fächer angepasst, alles näher an das Auto herangeholt. Man sieht, dass der 50-Jährige Erfahrung mit Produktionsthemen hat. Er arbeitet bei der Heilbronner Firma Marbach im Werkzeugbau. Als Lohrer das Lenkrad abermals eingebaut hat, steht auf der Anzeige 14 Meter. Auch der Zeitgewinn ist spürbar. Applaus von den Mitstreitern.

Eigenentwicklung wird mit Preis ausgezeichnet

Das Programm ist eine Eigenproduktion aus Neckarsulm, in der ein Jahr Entwicklungsarbeit steckt, wie Trainings-Experte Martin Wimmer erzählt. Inzwischen wird das System auch in Ingolstadt eingesetzt und erhält in diesem Jahr sogar einen Sonderpreis des jährlich vergebenen Präventionspreises des Konzerns.

Denn auch im Hinblick auf den Arbeitsschutz werden hier wichtige Fähigkeiten vermittelt. "Wir üben mit den Teilnehmern das Sehenlernen", sagt Diana Müller, Koordinatorin des Audi-Trainingscenters. So sollen anschließend nicht nur lange Laufwege, Verschwendung und ineffiziente Prozesse erkannt werden, sondern auch ungesunde Körperhaltungen. Arbeitsschutz spart letztlich auch Geld.

Die Nutzfläche in den Gebäuden hat sich in 70 Jahren verzehnfacht

Lange Laufwege sind nicht nur am Arbeitsplatz ein Thema. Das Werk Neckarsulm ist in den vergangenen Jahrzehnten stark gewachsen, wie Werkführer Erwin Göbbel bei der Fahrt durch die Hochhausschluchten erläutert. "Wir nennen das hier Klein-Manhattan", sagt er am nördlichen Ende des Werksgeländes, wo der Karosseriebau ein knapp 50 Meter hohes Gebäude für sich beansprucht.

Auch andere Zahlen sind beeindruckend. Die Nutzfläche in den Gebäuden lag nach dem zweiten Weltkrieg bei knapp 70.000 Quadratmetern. Heute ist sie zehn Mal so groß.

Kein Zutritt zu den Werkhallen für Betriebsfremde

Ein Zugang ist für Werksfremde derzeit verboten. Gesundheitsschutz für die Mitarbeiter steht an erster Stelle. Annamaria Morvai aus Obersulm freut sich trotzdem, ein paar Einblicke in das Werk zu bekommen. Vor drei Jahren war sie bereits eine Woche bei der Aktion "Mädchen für Technik", die Audi hier regelmäßig veranstaltet. Seitdem kann sie sich Audi als Arbeitgeber durchaus vorstellen.

"Allerdings habe ich mich noch nicht endgültig entschieden, in welchen Bereich ich gerne möchte." Für die 17-Jährige steht im kommenden Jahr erst einmal das Abitur an.

Trainiert wird bei Audi auch mit Lego - 30 aufwendige R8 kann ein Team in zwölf Minuten zusammenbauen, wie Trainerin Isabell Chetta erzählt.

Steffen Schuler erklärt, warum man einen Akkuschrauber auf unterschiedlichste Arten halten sollte, um sein Handgelenk zu schonen. Und zum Abschluss erlebt die Gruppe, wie ein autonomes Transportfahrzeug das Montageband simuliert. Hier können die Teams unter anderem auf Neuanläufe vorbereitet werden.

Vor 42 Jahren schon einmal am Band gestanden

Für Martin Eckstein aus Bretzfeld werden Erinnerungen wach. "Nach der Bundeswehr habe ich 1978 für kurze Zeit hier am Band gearbeitet", erzählt der 62-Jährige. Damals sei er kaum eingearbeitet worden. "Am ersten Tag habe ich den Tankstutzen am Porsche 924 eingebaut. Wenn etwas nicht geklappt hat, dann ist man eben hinterhergelaufen." Offensichtlich habe sich seitdem viel verändert. "Jedenfalls mussten wir uns damals sehr viel mehr bewegen", sagt Eckstein.

 

Einen Weg gespart

Sechs Trainer schulen am Audi-Standort Neckarsulm neue Mitarbeiter ebenso wie erfahrene Kräfte. Dabei kommen zunehmend neue Lernmethoden wie Virtual Reality zum Einsatz. Das VR-System stellt realistisch dar, worauf es bei den Arbeitsschritten ankommt. "Wir haben die komplette Physik dahinter", sagt VR-Experte Martin Wimmer. Man könne Gegenstände werfen oder fallen lassen, auch das Auto beschädigen. Stimme-Leser Klaus Czubatynski probiert es gleich aus und spart sich einen Weg, indem er den Schrauber einfach auf den Werkzeugwagen zurückwirft. Das Gelächter ist groß. "Funktioniert!"

 

Christian Gleichauf

Christian Gleichauf

Chefkorrespondent Wirtschaft

Christian Gleichauf schreibt über Menschen, Unternehmen und wirtschaftliche Entwicklungen in der Region Heilbronn-Franken. Seit dem Jahr 2000 ist der gebürtige Südbadener bei der Heilbronner Stimme.

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