Viele Apotheker hängen seit Monaten in der Luft

Offenau  Nach der Insolvenz eines Abrechnungsdienstleisters warten Selbstständige weiterhin auf das ausgefallene Geld. Matthias Lingen aus Offenau ist einer der Betroffenen. Von der Politik gibt es bislang nur zinsgünstige Darlehen.

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Matthias Lingen fehlen 107.000 Euro. Die Bank bat ihm Kredite an. Foto: Gajer

Apotheker können nicht alles machen, deshalb übernehmen Dienstleister die Abrechnung der Rezepte mit den Krankenkassen. Einer davon war das Unternehmen AvP, das im Herbst 2020 Insolvenz angemeldet hat. Wie wichtig solche Firmen für den alltäglichen Betrieb im Gesundheitsweisen sind, zeigt die Situation von Matthias Lingen.

Der Apotheker in Offenau ist einer der Betroffenen in der Region. Lingen bestellte auf eigene Rechnung die Medikamente, schickte monatsweise die Rezepte an AvP, und von dort kam dann rechtzeitig das Geld, um die Rechnung für die Arzneimittel zu bezahlen. Kam. Die Medikamente eines Monats bezahlte Matthias Lingen, die Einnahmen dafür fehlen ihm aber durch die Insolvenz. Bei ihm sind das 107.000 Euro. Das sei weit mehr als Jahresgewinn seines kleinen Betriebs, sagt er.

Der Offenauer Apotheker erhielt keine Unterstützung

Matthias Lingen vermisst die Unterstützung durch die Politik und die Verbände. "Ich habe keinerlei Unterstützung bekommen." Er muss warten, bis das Insolvenzverfahren vorangeht. Nur: Wie viel Geld erhält er? Was steht überhaupt zur Verfügung, um die Forderungen der Apotheker wie Matthias Lingen zu begleichen. "30 Prozent? 70? Kommt überhaupt etwas?"

Ihn überraschte die Insolvenz. Schnell musste er damals zur Hausbank gehen, um überhaupt die Rechnungen für die Arzneimittel begleichen zu können.

Von der eigenen Hausbank enttäuscht

Das weitere Verhalten des Instituts enttäuscht ihn aber sehr. Die Bank, der er seit Jahren treu ist, bat ihn für weitere Gespräche in die "Abteilung für Sanierungsfälle". Matthias Lingen entsetzt dieser Umgang, denn schließlich habe er nicht falsch gewirtschaftet. "Man fühlt sich als Kunde schlecht behandelt."

Der baldige Ruhestand wird wohl nicht zu realisieren sein

Matthias Lingen, 60 Jahre alt, hatte eigentlich vor, in fünf, sechs Jahren in den Ruhestand zu gehen. Das wird jetzt wohl nicht mehr möglich sein, da er einen Kredit für die ausgefallenen Einnahmen noch über mehrere Jahre abzahlen muss. Bald mit der Arbeit aufhören, "das wird nichts werden", befürchtet er. "Dann werde ich hier stehen, bis ich umfalle." Wie ihm gehe es vielen Kollegen, berichtet er. Die Betroffenen hätten geschaut, dass sie irgendwie das Geld zusammenkratzen. Depressive Phasen hätten sie. "Das ist höchst unbefriedigend."

Aus seiner Sicht wäre es aber für die Bundespolitik ein Leichtes gewesen, die Apotheken zu unterstützen. Matthias Lingen berichtet von den Einnahmen, die er im Dezember für die Ausgabe der Schutzmasken bekommen hat. 14 500 Euro seien das gewesen, viel weniger hätten es bei ihm sein können. Hätte man also bundesweit die Bezahlung für die Apotheken nach unten angepasst, wäre genug Geld für die AvP-Geschädigten übrig gewesen, rechnet er aus.

Und jetzt sollen Apotheken auch noch impfen

Die Arbeit in der Offenauer Apotheke, direkt an der Ortsdurchfahrt gelegen, geht nicht aus. Jetzt soll es auch Corona-Schnelltests in Apotheken geben. "Für solche Arbeiten sind wir gut genug", sagt Matthias Lingen, und das klingt resigniert. Er kann es nicht machen. Ohnehin würde er es nur anbieten, wenn seine Angestellten geimpft wären - sonst könne er die Tätigkeit niemandem zumuten. Auch wenn ihm fürs Impfen der erforderliche Platz fehlt, so weiß er, was auf ihn zugekommen wäre: Dokumentationen und eine höhere Haftpflicht-Versicherung.

Die Landesapothekerkammer Baden-Württemberg war nach eigenen Angaben bei der AvP-Insolvenz nicht untätig. Mit dem Landesapothekerverband habe man sich an Ministerpräsident Winfried Kretschmann gewandt und um unbürokratische Hilfe gebeten, sagt Katina Lindmayer, Leiterin der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit.

So haben die Standesvertreter reagiert

"Im Ergebnis konnte mit dem vom Ministerpräsidenten beauftragten Wirtschaftsministerium die Bereitstellung von zinsgünstigen KfW-Darlehen erreicht werden, mit denen Apotheken, die von der AvP-Insolvenz betroffen sind, kurzfristig ihre Liquidität sichern können." Darüber hinausgehende Maßnahmen hingen vom Ausgang des Insolvenzverfahrens in Düsseldorf ab.

Noch unklar sind für die Kammer die langfristigen Folgen. Katina Lindmayer betont: "Da sich aber Apotheken aufgrund gewisser gesetzlicher Vorgaben Abrechnungszentren bedienen müssen, erwarten wir, dass vom Gesetzgeber zukünftig gesetzliche Rahmenbestimmungen geschaffen werden, um die Gelder der Apotheken auf dem Abrechnungsweg gegen Insolvenz besser abzusichern."


Simon Gajer

Simon Gajer

Autor

Simon Gajer kam im Jahr 2000 erstmals zur Heilbronner Stimme. Nach seinem Volontariat und einem Jahr als freier Journalist in den USA ist er seit Herbst 2003 zurück in der Region: Zurzeit sucht er nach spannenden Themen im nördlichen Landkreis Heilbronn, vor allem aus den Städten Neckarsulm, Möckmühl und Neudenau.

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