Wie die Stimme über die Atomkatastrophe von Tschernobyl berichtete

Region  Am heutigen Montag jährt sich die Nuklearkatastrophe von Tschernobyl zum 35. Mal. Die Einschätzungen der Lage sollten sich nach Bekanntwerden des Atomunfalls rasch verändern, wie ein Blick ins Stimme-Archiv verrät.

Von Tobias Wieland und dpa

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Blick auf das Kernkraftwerk Tschernobyl im Dezember 1986. Foto: dpa/Archiv

"Schwerer Atomunfall in der UdSSR - Bundesrepublik nicht gefährdet" - so lautet die Schlagzeile auf der Titelseite der Heilbronner Stimme am 29. April 1986, also drei Tage nach dem Reaktorunglück von Tschernobyl am 26. April. Die Einschätzung der Lage sollte sich innerhalb kürzester Zeit ändern. Im Bericht auf der Titelseite kommt der damalige Bundesforschungsminister Heinz Riesenhuber (CDU) zu Wort: "Wegen der Windverhältnisse rechne ich nicht damit, dass die Atomwolke auf die Bundesrepublik zutreibt." Wenige Tage später ist man schlauer. 

Tschernobyl, damals Terra incognita, ist bis heute ein Synonym für die Gefahren der Atomenergie. Mit der Karte auf der Titelseite zeigt die Stimme-Redaktion die Lage der Stadt 130 Kilometer nördlich von Kiew in der heutigen Ukraine. Auf Seite 4 "Meinungen -  Hintergrund" finden die Leser eine Auflistung weiterer schwerer Unfälle "In der Geschichte der friedlichen Nutzung der Kernenergie" - darunter weitere Fälle aus der Sowjetunion, aber auch welche aus Harrisburg in den USA oder dem belgischen Tihange. 

Am 30. April 1986 heißt es dann auf der Titelseite: "Deutsche Wetterdienste beobachten Wolke - Experten warnen vor Gefahren für die Bundesrepublik" - je nachdem, in welche Richtung der Wind die Atomwolke treiben sollte. Auf einer Karte ist die radioaktive Wolke eingezeichnet, sie befindet sich bereits über Teilen Polens und Finnlands.

Tragweite des Reaktorunfalls wird so langsam klar

Auch in der Region kommt es zu Demonstrationen gegen die Atomkraft, wie hier im Mai 1986 in Öhringen. Foto: Archiv/Eisenmenger

Die Tragweite des Reaktorunfalls ist inzwischen erkannt: "Größte Katastrophe in der Geschichte der Nukleartechnik" lautet eine weitere Schlagzeile und in einem Kommentar mit der Überschrift "Apokalypse" schreibt Wirtschaftsredakteur Andreas Wagner: "Das Entsetzlichste und Furchtbarste ist passiert, was man sich beim Gedanken an Atomkraftwerke vorstellen kann."

In der 2. Fußball-Bundesliga hat der SC Freiburg derweil Fortuna Köln mit 3:1 und Hessen Kassel die Union Solingen mit 2:0 besiegt - auf den damals aus heutiger Sicht unsortiert erscheinenden Zeitungsseiten stehen diese Ergebnisse in nächster Nähe zum Super-GAU. 

Der 1. Mai ist Feiertag, die nächste Ausgabe der Stimme erscheint am 2. Mai - mit konkreten Warnungen. "Keine Frischmilch trinken" raten demnach verschiedene Ministerien und Behördensprecher. Bauern sollen ihre Kühe nicht mehr auf die Weide lassen, Kinder sollen "nach dem Spielen im Freien abgewaschen werden".

Kritik an der Informationspolitik

Eine Protestaktion von Atomkraftgegnern in Neckarwestheim am zweiten Jahrestag der Atomkatastrophe von Tschernobyl. Foto: HSt-Archiv

Über die konkrete Lage vor Ort herrscht keine Gewissheit. Von den Sowjets veröffentlichte Todes- und Verletztenzahlen werden angezweifelt. In einem Bericht auf Seite 3 heißt es: "Die Sowjetführung versucht auf jede erdenkliche Art und Weise die Katastrophe im Kernkraftwerk von Tschernobyl herunterzuspielen."

Auf Seite 4 erklärt ein Strahlenforscher, was hinter den Elementen Ruthanium, Jod und Caesium steckt; in der Luft und im Niederschlag waren nun auch hierzulande erhöhte Werte radioaktiver Strahlung gemessen worden. Im Text taucht auch eine Erklärung von Greenpeace auf, die Umweltschutzorganisation rechnet zu diesem Zeitpunkt mit 10.000 Krebserkrankungen in der Sowjetunion sowie "verheerenden Folgen für die Landwirtschaft in der näheren und weiteren Umgebung des Kraftwerks". 

35 Jahre nach dem Reaktorunfall von Tschernobyl zeigen sich in Baden-Württemberg noch Spätfolgen der Katastrophe. Wie das Chemische und Veterinäruntersuchungsamt (CVUA) Freiburg mitteilte, gingen im vergangenen Jahr bei den verschiedenen CVUA-Standorten insgesamt 262 Wildschweinproben aus Baden-Württemberg ein, die auf Radioaktivität untersucht wurden. Bei 57 Proben sei eine Überschreitung des Richtwerts von 600 Becquerel pro Kilogramm festgestellt worden. Derart belastetes Fleisch werde entsorgt, hieß es von den Fachleuten. 

 

Die Ukraine gedenkt am Montag der Opfer der verheerenden Explosion im damals noch sowjetischen Atomkraftwerk Tschernobyl am 26. April 1986. An diesem Tag war ein Test außer Kontrolle geraten, Reaktor 4 explodierte. Größere Veranstaltungen zum 35. Jahrestag sind wegen der Corona-Pandemie aber nicht geplant. Das Unglück gilt als die größte Atomkatastrophe der zivilen Nutzung der Kernkraft. Es gab Tausende Tote und Verletzte. Landstriche um die Atomruine wurden evakuiert und gesperrt.

Ungeachtet der Katastrophe ist eine Abkehr von der Atomenergie aber weder in der Ukraine noch im Nachbarland Russland je ein größeres Thema gewesen. Heute organisieren Reiseanbieter Touren in die Sperrzone. Immer wieder sorgen dort auch Wald- und Flächenbrände für Aufsehen, bei denen radioaktive Teilchen aus dem Boden wieder aufgewirbelt werden. Die Ukraine will das Gebiet zunehmend wirtschaftlich nutzen. Im Juli soll dort ein Atommüllzwischenlager in Betrieb gehen. dpa

 

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Tobias Wieland

Tobias Wieland

Onlineredakteur

Tobias Wieland kümmert sich um die onlinespezifische Aufbereitung eigener und fremder Artikel auf Stimme.de. Er erstellt Zeitleisten, Listicles, Grafiken und mehr.

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