Heute wäre die EM gestartet - ein Blick zurück aufs Sommermärchen

Region  Wegen der Corona-Pandemie muss die Fußball-Europameisterschaft verschoben werden. Ein Blick zurück auf das Sommermärchen 2006 mit der WM im eigenen Land zeigt: die Käthchenstadt hat sich zu einem Epizentrum der neu entdeckten Fußball-Fankultur entwickelt.

Von Helmut Buchholz

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Fast wie im Stadion: Rund 20 000 Besucher machen im Fandorf auf der Heilbronner Theresienwiese mächtig Alarm.

Foto: Archiv/Sawatzki

Der Freitag wäre eigentlich ein Feiertag für ganz Europa. Zumindest Fußballfans denken so. Denn am 12. Juni war der Anstoß zur Fußball-Europameisterschaft geplant. Am 16. Juni hätte die deutsche Nationalmannschaft ihr Auftaktspiel gegen Frankreich in der Münchener Allianz-Arena ausgetragen. Doch durch die Corona-Pandemie musste das Turnier verschoben werden.

Der Frust darüber ist in der Region Heilbronn besonders groß. Denn seit dem Sommermärchen 2006 mit der WM im eigenen Land hat sich die Käthchenstadt zu einem Epizentrum der neu entdeckten Fußball-Fankultur entwickelt. Tausende strömten vor die Leinwand auf der Theresienwiese. Nach dem Spiel war beim Autokorso auf der Allee Party angesagt. Ein nostalgischer Blick zurück zeigt, wie groß die Feierlaune damals war.

Heilbronn hatte eines der größten Fandörfer Deutschlands

"Wir hatten eines der größten Fandörfer in ganz Deutschland", erinnert sich Bernhard Winkler, früher Geschäftsführer der Heilbronn Marketing GmbH (HMG). "Die Idee dazu hatte ich." Von Anfang an sei das Fandorf wie eine Bombe beim Sommermärchen 2006 eingeschlagen. "Wir hatten bis zu 20 000 Besucher auf dem Festplatz." Die Begeisterung sei groß gewesen. "Die Leute vor der Leinwand hatten das Gefühl, live dabei im Stadion zu sein."

 

 

Auch viele Frauen seien auf die Theresienwiese gepilgert. "Das Fandorf war eine halbe Kontakt- und Flirtbörse." Aus einem großen Umkreis seien die Besucher herangeströmt, viele auch aus dem Großraum Stuttgart. Winkler kommen immer wieder die Erinnerungen hoch, gerade jetzt, wenn die EM eigentlich beginnen sollte. "Die Stimmung war immer toll und friedlich." Er werde heute noch auf die Zeit angesprochen.

Stefan Hamann war mit seiner Agentur Hamann and friends als Veranstalter dabei. "Damals war jedes zweite Auto mit einer Deutschlandfahne geschmückt." Die Frauen hätten in dem Sommermärchen den Fußballfan in sich entdeckt. "Sie haben aus der Geschichte ein geiles Event gemacht", schwärmt Hamann von der "sensationellen Stimmung".

Er erinnert sich noch an das Deutschlandspiel gegen Australien 2010, das Jogis Jungs 4:0 gewonnen haben. "Da waren über 20 000 Fans auf der Theresienwiese, eine unglaubliche Party." Später dann kam Public Viewing bei großen Fußballturnieren aus der Mode. "Die Luft war irgendwie raus." Zuletzt hielt in Heilbronn Ralf Stegmann von der Agentur X-Media das Fähnchen hoch und organisierte ein Fandorf auf dem Heilbronner WG-Gelände.

Die Polizei wollte die Autokorsos verbieten

Die Autokorsos auf der Heilbronner Allee hat Thomas Nürnberger noch gut im Gedächtnis. "Teilweise haben 1000 bis 2000 Fans die Kreuzung Allee/Kaiserstraße blockiert", denkt der Leiter des Heilbronner Polizeireviers zurück. Er als Einsatzleiter musste für die Einhaltung der Spielregeln beim Korso sorgen. "Das war keine vergnügungssteuerpflichtige Arbeit."

Tausende Fans ohne Abstandsbeschränkung in Heilbronn

So sehen Sieger aus: Autokorso in Heilbronn vor dem K3 nach dem gewonnen WM-Finale der DFB-Elf gegen Argentinien 2014.

Foto: Archiv/Mugler

Wegen Fans, die sich im fahrenden Cabrio ziemlich weit hinauslehnten zum Beispiel. "Ich erinnere mich noch an eine große Deutschlandfahne, die an einer ausfahrbaren vier bis fünf Meter langen Teleskopstange aus dem fahrenden Auto geschwenkt wurde und den Elektro-Oberleitungen auf der Allee nahe kam. Da standen mir die Haare zu Berge", hat Nürnberger das Bild noch vor Augen.

Später wurde der Korso auf die Weinsberger Straße verlegt, die Polizei wollte ihn am liebsten ganz verbieten. "Das war schwer umzusetzen." Am Ende wurde er inoffziell eine Stunde toleriert. Es fuhren auch immer weniger Autos. Nürnberger: "Die Begeisterung hat nachgelassen."

Ralf Stegmann denkt schon ans Fandorf bei der EM 2021

Ralf Stegmann hat mit seiner Agentur X-Media das letzte Fußball-Fandorf zur WM 2018 veranstaltet. "Wir nannten es unser kleines Fandörfle, weil maximal 2000 Personen in den Innenhof der WG passten", sagt er. Ursprünglich hatte Stegmann geplant, zur EM 2020 wieder das Fandorf am selben Ort zu organisieren. Wegen Corona fiel das allerdings flach.

Und wie sieht es 2021 aus, wenn die EM im nächsten Jahr stattfindet? Stegmann antwortet: "Wir haben zwar noch nicht darüber geredet. Aber warum nicht? Ich kann mir gut vorstellen, wieder ein Fandorf anzubieten."


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