Studierende der TUM in Heilbronn absolvieren Semester im Homeoffice

Heilbronn  Die Studierenden der Technischen Universität München absolvieren das Sommersemester in Heilbronn, ohne anwesend zu sein. Eine Möglichkeit, die auch für das Wintersemester diskutiert wird.

Email

40 Studierende haben vor zwei Jahren den ersten Jahrgang an derTUM auf dem Campus in Heilbronn gebildet.

Foto: Archiv/Gleichauf

"Die Situation stellt alles auf den Kopf", sagt Professor Helmut Krcmar, Dekan der Technischen Universität München (TUM) am Standort Heilbronn. Nicht etwa, weil plötzlich die Online-Lehre die Präsenzvorlesungen abgelöst hat, sondern weil 85 Prozent der Studierenden aus dem Ausland kommen und das Sommersemester zum Teil in ihren Heimatländern absolvieren. Ob in Indien oder Chile - "da wo sich der Rechner aufklappen lässt", sitzen Heilbronner Studenten. Die Frage "wo du bist" sei nicht mehr entscheidend für den Wissenserwerb. "Das Wichtigste ist, dass die Studierenden das Semester nicht verpassen", sagt Krcmar.

Umstellung innerhalb einer halben Stunde

Ziel sei von Anfang an gewesen, kein leeres Semester zu haben. 95 Prozent aller Veranstaltungen in der School of Management werden laut Krcmar durchgeführt. "Wir waren schon vorher virtuell unterwegs", betont der Professor für Wirtschaftsinformatik. So sei die Umstellung "innerhalb einer halben Stunde" gelungen. Bereits eine Woche nach der Absage des Präsenzunterrichts fanden die ersten Exkursionen mit Hilfe von Webcams statt. Die TUM hatte zudem den Vorteil, dass Vorlesungen in München bereits aufgezeichnet waren und für Heilbronner Studierende schnell zum Einsatz kommen konnten. Trotzdem seien zu Anfang des Semesters alle Kollegen damit beschäftigt gewesen, die richtige Plattform zu finden. Gleichzeitig wurde die Verwaltung auf Online-Prozesse umgestellt.

Insgesamt so erfolgreich, dass jetzt unabhängig von Corona über die Fortsetzung der digitalen Lehre im Wintersemester diskutiert wird. Die Vorteile werde man auch künftig nutzen, sagt der Dekan. Visumsprobleme bei Studierenden beispielsweise würden damit kein Hindernis mehr für ein Studium in Deutschland sein. Die in den vergangenen Wochen geschaffenen Strukturen gehörten nun zum "kulturellen Repertoire", erklärt Krcmar.

Keine Informations-Mastgänse

Neben den Vorteilen sieht der Professor aber auch Nachteile in der Entfernung. "Nichts ist schlimmer als eine komplett leere Universität." Seine Kollegen und er vermissen die Begegnungen mit den Studierenden: "Der Campusbetrieb fehlt." Im Studium sollen junge Menschen zum Nachdenken gebracht werden, sie sollen reflektieren. "Das ist schwieriger per Video", sagt Krcmar. "Studierende sind keine Informations--Mastgänse, sondern sollen Widerworte geben." Eine Universität brauche Interaktivität. Deshalb werde man sich jetzt damit beschäftigen, "was die beste Mischung ist" zwischen Präsenz- und Online-Veranstaltungen ist. Die Akzeptanz für virtuelle Lehre sei gestiegen.

Die TUM bemühe sich weiterhin internationale Studierende nach Heilbronn zu bringen. 120 neue Studenten sollen im kommenden Semester auf dem Heilbronner Bildungscampus starten - abhängig von den Bewerbern. An der TUM darf studieren, wer einen Eignungstest besteht. Das Verfahren läuft, trotz Krise sei man im Zeitplan.

2018 war der erste Studiengang gestartet, seit Februar steht das Prädikat "Universitätsstadt" auch auf den Ortsschildern. Das sei Ehre und Herausforderung, meint Krcmar. "Die Stadt hat uns gut empfangen", sagt der Gründungsdekan. Jetzt gelte es, den Betrieb "geduldig aufzubauen". 2021 will die TUM in Heilbronn die ersten Absolventen verabschieden.


Tanja Ochs

Tanja Ochs

Autorin

Tanja Ochs arbeitet seit 2000 bei der Heilbronner Stimme, war lange Lokalredakteurin und verantwortlich für den Bereich Bildung. Sie ist Regionalchefin und stellvertretende Chefredakteurin sowie Vorsitzende der Sozialaktion „Menschen in Not“.

Kommentar hinzufügen