Strenger Blick auf die Heizrohre des GKN

Neckarwestheim  Das Atomkraftwerk bei Neckarwestheim ist seit Freitag für die alljährliche Revision vom Netz genommen worden. Bürgerinitiativen beantragen aber, den Betrieb zu untersagen - wegen eines schon länger bekannten Problems.

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In den nächsten Wochen dampft der Kühlturm des GKN nicht: Der letzte Block ist für etwa einen Monat wegen Revision außer Betrieb.

Foto: Archiv/Veigel

Am Freitag hat die EnBW die Jahresrevision am Atomkraftwerk GKN in Neckarwestheim gestartet. Mehrere Verbände und Bürgerinitiativen haben an diesem Tag beim Umweltministerium Baden-Württemberg beantragt, den Betrieb des GKN zu untersagen, mindestens jedoch die geschädigten Dampferzeuger austauschen zu lassen.

Hintergrund ist, dass bei den Revisionen in den Jahren 2017 bis 2019 beschädigte Heizrohre im Dampferzeugungssystem entdeckt wurden - alleine im vergangenen Jahr wurden Schäden an 191 von 16 400 Rohren festgestellt.

Befürchtung, dass Radioaktivität austritt

Der Antrag wurde gemeinsam von vier Anliegern, vom BUND Baden-Württemberg, dem Bund der Bürgerinitiativen Mittlerer Neckar (BBMN) und der Anti-Atom-Organisation Ausgestrahlt gestellt. Deren Sprecher Armin Simon betonte das Gefahrenpotenzial der Risse: In den Rohren fließt hocherhitztes, radioaktiv belastetes Wasser, das im Dampferzeuger seine Wärme abgibt, um mit dem erzeugten Dampf die Turbine anzutreiben.

"Die Rohre sind eine der entscheidenden Barrieren gegen den Austritt von Radioaktivität", sagte Simon. Bei einem Leck drohe der Austritt des Kühlmittels, im Extremfall die Kernschmelze. "Die Rohre sind irreversibel geschädigt", warnte er.

"Man muss die Atomaufsicht zum Jagen tragen", beklagte Franz Wagner für den BBMN. "Wir haben den Eindruck, dass es einen Kuschelkurs gibt. Die Atomaufsicht fasst die EnBW mit Samthandschuhen an."

Notfalls wird geklagt

BUND-Landesgeschäftsführerin Sylvia Pilarski-Grosch bekräftigte, dass die Initiativen trotz des nahenden Endes der Stromerzeugung im GKN aufmerksam bleiben. Das solle mit dem Antrag beim Umweltministerium verdeutlicht werden. "Alle Appelle an die Atomaufsicht haben nichts gebracht", sagte sie. "Wenn solche Schäden vorliegen, darf ein Atomkraftwerk nicht mehr betrieben werden."

Es sei denn, die Dampferzeuger würden ausgetauscht, was aber teuer sei. "Die rechtliche Grundlage für unseren Antrag ergibt sich aus dem Atomgesetz", sagte Sylvia Pilarski-Grosch. "Wenn das Umweltministerium nicht handelt, müssen wir die nächsten Schritte gehen." Das heiße: Klage vor Gericht erheben.

Heizrohre aller Dampferzeuger werden untersucht

Beim Landes-Umweltministerium als Aufsichtsbehörde versichert ein Sprecher, dass strenge Maßstäbe angelegt werden: "Auch in der jetzigen Revision werden die Heizrohre aller vier Dampferzeuger untersucht", teilt er mit. "Es wird eventuell Befunde geben, Sachverständige werden sich damit beschäftigen - und am Ende steht die Einschätzung, ob GKN weiter sicher betrieben werden kann oder nicht. Wenn nicht, geht es nicht wieder ans Netz."

Die diesjährige Revision ist derzeit bis etwa Mitte Juli geplant, teilt ein EnBW-Sprecher mit. Dabei gebe es auch "eine umfangreiche Untersuchung aller rund 16 400 Heizrohre der vier Dampferzeuger", um zu prüfen, ob die in den Vorjahren eingeleiteten Maßnahmen wirken. Insgesamt sind etwa 2400 einzelne Arbeitsaufträge eingeplant. Rund 600 zusätzliche Fachkräfte von Hersteller- und Spezialfirmen unterstützen das Revisions-Team des GKN bei den Arbeiten.


Heiko Fritze

Heiko Fritze

Autor

Heiko Fritze arbeitet seit 2001 bei der Heilbronner Stimme. Er ist für das Team Wirtschaft & Politik tätig.

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