Steuersenkung dürfte sich vor allem auf kleinere Anschaffungen auswirken

Berlin/Region  Jeder Dritte in Deutschland will die reduzierte Mehrwertsteuer für Anschaffungen nutzen. Der Anreiz ist dennoch begrenzt. Im Heilbronner Einzelhandel hat man verhaltene Erwartungen im Hinblick auf den Konjunktureffekt.

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Masken gehören zum allgegenwärtigen Accessoire. Die Kundenfrequenz in der Heilbronner Innenstadt ist noch nicht auf Vor-Corona-Niveau. Foto: Archiv/HSt

Fast jeder dritte Verbraucher will einer Studie des Nürnberger Konsumforschungsunternehmens GfK zufolge die Senkung der Mehrwertsteuer für eine Neuanschaffung nutzen – viele allerdings nur im kleineren Rahmen. Dazu dürfte es manchen Verschiebungseffekt geben. Denn mit ohnehin geplanten Großeinkäufen hat jetzt so mancher bis Juli gewartet.

Die Bundesregierung senkt von 1. Juli an die Mehrwertsteuer von 19 Prozent auf 16 Prozent beziehungsweise von sieben auf fünf Prozent. Die Absenkung gilt befristet bis zum 31. Dezember. Das kann zu günstigeren Preisen führen, wenn die Händler die Absenkung an ihre Kunden weitergeben. Im Einzelhandel waren zuletzt Anzeichen von Rabattschlachten zu erkennen.

Autokäufer haben mit der Abholung abgewartet

Die Zulassungszahlen von Neuwagen könnten im Juli einen kleinen Sprung nach oben machen. "Wir merken es im Verkauf schon seit einer Weile, dass Kunden ihr Auto jetzt erst im Juli abholen möchten", sagt Autohändler Mike Schedler von der Kfz-Innung Heilbronn-Öhringen. Zudem hofft er darauf, dass die Steuersenkung einen Anreiz bietet.

"Jeder Autohersteller strengt sich an, jetzt mit guten Angeboten rauszugehen." Das alles betreffe aber nur die Privatkunden, betont Steffen Kraus vom Verband des Kfz-Gewerbes Baden-Württemberg. "Zwei Drittel sind gewerbliche Kunden, bei denen die Mehrwertsteuer nur ein durchlaufender Posten ist."

Ohnehin ersetze die Mehrwertsteuersenkung keine Kaufprämie, findet Mike Schedler, der ein Autohaus in Obersulm-Willsbach führt. Die Prämie brauche es eigentlich, um einen Stimmungswechsel herbeizuführen. "Die Autoindustrie ist noch immer eine Schlüsselbranche, an der so viele Unternehmen und Menschen mit dranhängen."

Elektrokleingeräte werden vermutlich profitieren

Vor allem junge Menschen neigten eher zum Vorziehen einer Anschaffung als ältere Menschen, teilten die Konsumforscher der GfK mit. "Aufgrund der wirtschaftlichen Unsicherheit werden Verbraucher ihre Käufe voraussichtlich sehr bewusst planen und nur kaufen, was benötigt wird – insbesondere bei teureren Anschaffungen", sagte GfK-Konsumexpertin Petra Süptitz. "Vor allem Elektrokleingeräte werden wahrscheinlich von der geplanten Maßnahme profitieren." Gemeint sind etwa Mixer, Toaster oder Bügeleisen, aber auch Unterhaltungselektronik und Gartengeräte.

 

 

Der Handelsverband Baden-Württemberg (HBW) rechnet mit mehr privatem Konsum in den Einzelhandelsgeschäften und einer kräftigen Stimulierung der heimischen Wirtschaft. "Die Mehrwertsteuersenkung wird die Umsätze im Einzelhandel kräftig ankurbeln", sagt HBW-Hauptgeschäftsführerin Sabine Hagmann.

Im Heilbronner Einzelhandel hat man dagegen verhaltene Erwartungen im Hinblick auf den Konjunktureffekt. Vor allem die Modebranche wird nach Einschätzung der Händler kaum profitieren, weil dort bereits umfangreiche Rabattaktionen laufen und die geringere Mehrwertsteuer kaum ins Gewicht fällt. Einzelne Händler stellen es ihren Kunden sogar frei, auf den Betrag zu verzichten – als Unterstützung für den lokalen Handel. 

 

Boom im Handwerk

Auch für alle Leistungen, die Handwerker vom 1. Juli an erbringen, wird die gesenkte Mehrwertsteuer fällig. Wer jetzt aber schnell noch eine neue Heizung oder ein Möbelstück beim Schreiner bestellen möchte, dürfte kaum Erfolg haben. "Die Auftragsbücher fast aller Betriebe sind voll bis Jahresende", sagt Andreas Weinreich, stellvertretender Leiter Unternehmensberatung bei der Handwerkskammer Heilbronn. "Diesen Anreiz hätte es aus unserer Sicht gar nicht gebraucht." 


Christian Gleichauf

Christian Gleichauf

Chefkorrespondent Wirtschaft

Christian Gleichauf schreibt über Menschen, Unternehmen und wirtschaftliche Entwicklungen in der Region Heilbronn-Franken. Seit dem Jahr 2000 ist der gebürtige Südbadener bei der Heilbronner Stimme.

Bärbel Kistner

Bärbel Kistner

Autorin

Bärbel Kistner schreibt seit 1999 im Stadtkreis-Ressort der Heilbronner Stimme über Stadtentwicklung und Wohnen, über Trends im Einzelhandel und den demografischen Wandel  

Heiko Fritze

Heiko Fritze

Autor

Heiko Fritze arbeitet seit 2001 bei der Heilbronner Stimme. Er ist für die Redaktion Wirtschaft & Politik tätig.

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