Bürger blicken mit einer Mischung aus Sorgen und Zuversicht auf die Wirtschaft

Stuttgart  Bürger im Land fürchten in einer Umfrage negative Folgen der Corona-Pandemie und des Strukturwandels. Über Ministerpräsident Kretschmann fällen sie in der Wirtschaftspolitik ein gemischtes Urteil.

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Die Stimmung im einstigen Musterland Baden-Württemberg hat sich eingetrübt. Und zwar nicht nur wegen Corona, wie der aktuelle BaWü-Check zeigt, den das Institut für Demoskopie Allensbach im Auftrag der baden-württembergischen Tageszeitungen durchgeführt hat. Die Forscher haben im Dezember 2020 insgesamt 1003 Bürger im Südwesten zu ihrer Meinung über wirtschaftliche Themen befragt.

Ergebnis: Die Sorgen der Menschen nehmen zu, und das wirtschaftspolitische Zeugnis für Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) fällt gemischt aus. 39 Prozent der Befragten finden, dass sich Kretschmann ausreichend für die Wirtschaft einsetzt, 38 Prozent wünschen sich dagegen mehr Engagement des Landesvaters.

 

 

Corona betrifft viele Menschen ganz persönlich

Wenig überraschend ist der Befund, dass die Corona-Krise viele Bürger unmittelbar betrifft. So mussten 18 Prozent der Befragten aufgrund der Pandemie Einkommenseinbußen hinnehmen. Zwölf Prozent sagen, ihre wirtschaftliche Lage habe sich verschlimmert - und weitere zwölf Prozent rechnen mit einer Verschlechterung. Immerhin ist der Anteil der Befragten, die wegen Corona ihren Job verloren haben, mit vier Prozent recht gering.

Fast die Hälfte zeigt sich unbeeindruckt

Demgegenüber stehen 49 Prozent Bürger, die von der Pandemie wirtschaftlich praktisch gar nicht betroffen sind. Dazu passt, dass 57 Prozent der Befragten die wirtschaftliche Lage in Baden-Württemberg als sehr gut oder eher gut einschätzen, wobei besonders die Bürger mit hohem Bildungsabschluss - und tendenziell höherem Einkommen - die Lage positiv bewerten. Insgesamt, so stellen die Forscher fest, fällt die Beurteilung der wirtschaftlichen Lage des Landes aber schlechter aus als in Vorkrisenzeiten.

Das liegt auch daran, dass eine deutliche Mehrheit von 69 Prozent mit einer steigenden Arbeitslosigkeit in den nächsten Monaten rechnet. Nur sieben Prozent erwarten einen Rückgang der Erwerbslosigkeit. Mehr Firmenpleiten erwartet mit 56 Prozent ebenfalls eine Mehrheit. Diese Insolvenzen dürften gravierende Folgen für die Innenstädte haben. So teilen 70 Prozent der Bürger die Befürchtung, dass als Folge der Krise viele Geschäfte, Restaurants und Cafés aus den Städten verschwinden werden. 40 Prozent glauben sogar, dass die Innenstädte dauerhaft veröden, während nur 14 Prozent die Hoffnung äußern, dass eine schnelle Wiederbelebung gelingt.

Autobranche verliert an Bedeutung

Doch nicht nur die Virus-Krise treibt die Menschen im Südwesten um. Der Transformationsprozess in der Vorzeigebranche Automobilbau sowie die Digitalisierung macht den Bürgern Sorge. So geht knapp die Hälfte der Befragten (49 Prozent) davon aus, dass die Autobranche in ihrer Bedeutung sinken wird. Nur noch 30 Prozent erwarten, dass sie auch künftig zu erfolgreichen Entwicklung des Landes beitragen wird. Und 59 Prozent sind der Ansicht, dass die Unternehmen im Südwesten beim Thema Digitalisierung hinterherhinken.

Verhaltener Ausblick auf das laufende Jahr

BaWü-Check

Der BaWü-Check ist eine gemeinsame Umfrage der baden-württembergischen Tageszeitungen, an der sich auch die Heilbronner Stimme beteiligt.

Somit überrascht der verhaltene Ausblick nicht. Nur 28 Prozent der Befragten erwarten einen wirtschaftlichen Aufschwung in diesem Jahr, 37 Prozent sind der Meinung, es gehe eher bergab. Ein deutlich positiveres Bild zeigt sich, wenn die Menschen allgemeiner gefragt werden, wie sie den kommenden zwölf Monaten entgegenblicken. Hier sagten im Dezember 40 Prozent, dass sie mit Hoffnungen nach vorne blicken. 31 Prozent tun dies mit Skepsis, 20 Prozent mit Befürchtungen.

Das sah im Oktober 2020 noch anders aus. Damals lagen die Skeptiker mit 33 Prozent vorn, Hoffnungen hatten nur 30 Prozent und Befürchtungen 25 Prozent. "Die Stimmungslage der Bürger wird vor allem davon beeinflusst, ob man selbst von den ökonomischen Kollateralschäden der Pandemie betroffen ist oder befürchtet, dass dies in nächster Zeit geschieht", schreiben die Allensbacher Forscher.

 


Jürgen Paul

Jürgen Paul

Teamleiter Autorenteam Politik/Wirtschaft Regional

Jürgen Paul arbeitet seit 1998 bei der Heilbronner Stimme. Der gebürtige Pfälzer widmet sich der regionalen und überregionalen Wirtschaft, Schwerpunkte sind das Handwerk, die Bankenbranche, der Arbeitsmarkt und die Konjunktur.

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