Sorge wegen Virus-Mutation aus Großbritannien wächst

Großbritannien  Die neue Covid-Variante ist deutlich ansteckender als die bisher verbreitete. Eine Virologin fordert konsequenteres Handeln zur Eindämmung der Infektionszahlen und mehr Tempo bei den Impfungen.

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Wissenschaftler fürchten, dass die neue Virusvariant B.1.1.7 schon bald die bisher bekannten Varianten verdrängt haben könnte.

Foto: dpa

In Großbritannien und Südafrika sind neue Varianten des Coronavirus aufgetreten. Vor allem die britische Mutation mit der Bezeichnung B.1.1.7 bereitet Wissenschaftlern große Sorge. Laut Studien ist sie deutlich ansteckender als die bislang verbreitete Variante.

 

Britische Variante: "Das sieht leider nicht gut aus", schrieb der Virologe Christian Drosten am 21. Dezember im Kurznachrichtendienst Twitter, nachdem er sich Daten der britischen Regierung zu der "Mutante", so seine Bezeichnung, angeschaut hatte. Damit löste er in Deutschland große Besorgnis aus. Er präzisierte am nächsten Tag, seine Äußerung habe sich "allein auf den jetzt deutlicheren Beleg der verstärkten Verbreitung der Mutante" bezogen.

Inzwischen gilt als gesichert: Die Mutation B.1.1.7 ist deutlich ansteckender als die bislang verbreitete Form des Virus – nach Modellrechnungen des "Centre for the Mathematical Modelling of Infectious Diseases" in London um mehr als 50 Prozent. Bezogen auf die Reproduktionszahl bedeutet das laut Daten des Imperial College in London: Der R-Wert könnte sich um 0,4 bis 0,7 erhöhen. Die Mutation hat sich, ausgehend von Südwestengland, rasend schnell in Großbritannien ausgebreitet. Trotz des November-Lockdowns ist die Zahl der Neuinfektionen auf der Insel in die Höhe geschnellt. Dabei hat sich laut den Daten die Übertragung durch die neue Variante verdreifacht, während sie bei der bisherigen um ein Drittel zurückgegangen ist.

 

 

Krankheitsverlauf: Ob die Mutation gefährlicher ist, ist noch nicht abschließend geklärt. Bisher deutet Vieles darauf hin, dass die Variante in Großbritannien nicht zu schwereren Covid-19-Verläufen führt.

 

Konsequenzen: Trotzdem bereitet Wissenschaftlern die Mutation große Sorge, denn eine schnellere Verbreitung bedeutet unter anderem: Noch mehr Druck auf die Gesundheitssysteme. In Großbritannien sind die Kliniken schon jetzt überlastet. Am Wochenende meldete die britische Zeitung "Guardian", in London bereite der Nationale Gesundheitsdienst NHS die Verschiebung lebensnotwendiger Operationen bei Krebserkrankten vor, "weil die Kliniken in der Hauptstadt überlastet sind mit Menschen, die schwer an Covid-19 erkrankt sind".

 

Prognose: Die Genfer Virologin Isabella Eckerle prognostizierte am 1. Januar auf Twitter: "In ein paar Wochen wird #B117 alle anderen #SARSCoV2-Varianten in Europa ersetzt haben." Einzelne Fälle sind bereits in Deutschland nachgewiesen worden. Allerdings könnte die Variante hierzulande schon weiter verbreitet sein. Zum Nachweis ist eine Genomsequenzierung nötig, und die wird hierzulande nicht systematisch vorgenommen. In Dänemark zum Beispiel, wo das Virus-Erbgut entziffert wird, steigt der Anteil der B.1.1.7-Variante rasch an.

 

Impfungen: Derzeit gehen Wissenschaftler davon aus, dass die gegen das Virus entwickelten Vakzine wie der Impfstoff von Biontech/Pfizer gegen die Mutation wirken. Allerdings seien weitere Untersuchungen nötig, sagte Thomas Mertens, der Vorsitzende der Ständigen Impfkommission, Ende 2020 und stellte für die erste Januarhälfte "verlässliche Daten" in Aussicht. Fest steht: Je weiter und schneller sich das Virus ausbreitet, desto größer ist die Gefahr, dass sich zusätzliche Varianten bilden, gegen die auch die verfügbaren Impfstoffe nichts mehr ausrichten können.

 

Maßnahmen: Eckerle rät eindringlich dazu, dass Länder sofort handeln, um die Infektionszahlen zu drücken und mit höherer Geschwindigkeit impfen. Der SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach forderte mit Blick auf die neue Variante einen konsequenten und zeitlich unbefristeten Lockdown. Auch der Saarländische Ministerpräsident Tobias Hans (CDU) warnte angesichts B.1.1.7 davor, durch Lockerungen weitere Risiken einzugehen.

 


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Valerie Blass

Valerie Blass

Autorin

Valerie Blass ist Autorin im Politik-Team. Ihr besonderes Interesse gilt Themen aus dem Bereich Gesundheit.

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