Polizei appelliert an Eltern: Kinder nicht mit dem Auto direkt vor die Schule fahren

Interview  Polizeihauptkommissar Roberto Monaci erklärt im Interview mit Stimme.de, warum Elterntaxis die Ausnahme sein sollten. Kinder, die zu Fuß zur Schule gehen, trainieren sicheres Verhalten im Straßenverkehr.

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Nach Angaben der Deutschen Verkehrswacht verunglücken Kinder am häufigsten im elterlichen Auto, nicht als Fußgänger auf dem Schulweg. Foto: dpa

Die Polizei Heilbronn startet wie jedes Jahr ihre Aktion "Sicherer Schulweg" und leistet Präventionsarbeit an Schulen. Roberto Monaci (48) erklärt, was Eltern beitragen können. Der Polizeihauptkommissar ist Referent für Verkehrsunfallprävention beim Polizeipräsidiums Heilbronn.

 

Sind es nicht vor allem Eltern, die ihre Kinder mit dem Auto fahren und den Schulweg unsicherer machen?

Roberto Monaci: Leider ja. Ein verantwortungsvolleres Verhalten der Eltern wäre wünschenswert und geboten. Der Transport der Kinder mit dem Auto zur Schule sollte die Ausnahme sein. Wenn Kinder in die Schule gefahren werden, ist unser dringender Appell, nicht direkt bis vor die Schule zu fahren, sondern sie an nahegelegenen Parkplätzen oder Nebenstraßen aussteigen zu lassen. Damit lassen sich Gefahren vermeiden, die leider vielerorts an der Tagesordnung sind.

 

Was kann die Polizei beitragen, dass Kinder zu Fuß in die Schule gehen?

Monaci: Wir setzen auf Aufklärungsarbeit. Kinder haben einen natürlichen Bewegungsdrang. Und durch die frische Luft kommen sie ausgeglichener in den Unterricht und trainieren so tagtäglich ihre Fähigkeiten, sicher am Straßenverkehr teilnehmen zu können. Natürlich finden auch polizeiliche Kontrollen vor Schulen statt, wenn sich die Hol- und Bringsituation im Schulumfeld als gefährlich erweist.

 

"Dringender Appell, nicht direkt bis vor die Schule zu fahren"
Polizeihauptkommissar Roberto Monaci ist Referent für Verkehrsunfallprävention beim Polizeipräsidiums Heilbronn.

Sehen Sie Erfolge von Schulaktionen in den vergangenen Jahren?

Monaci: Ja. Es gibt an vielen Schulen tolle Projekte wie der "Bus auf Beinen" oder "Walking Bus". Kinder treffen sich an definierten "Haltestellen", wo sie in der Gruppe von ein oder zwei Eltern zur Schule begleitet werden. So etwas fördert das zu Fuß gehen und stärkt gleichzeitig den Zusammenhalt der Schüler.

 

Wie erklären Sie sich den krassen Unterschied in den statistischen Zahlen: 2020 wurden 60 Kinder als Mitfahrer im Auto verletzt, ein Jahr zuvor 124?

Monaci: Die statistischen Zahlen aus 2020 sind aufgrund der Corona-Pandemie nicht mit denen aus den Vorjahren vergleichbar. Im vergangenen Jahr gab es viel weniger Kraftfahrzeugverkehr, was sich natürlich in der Unfallstatistik nieder schlägt.

 

Wenn Kinder als Fußgänger durch einen Unfall verletzt werden, was sind in der Regel die Ursachen?

Monaci: Die häufigsten Ursachen bei den Kindern sind das unachtsame Überqueren der Fahrbahn oder das plötzliche Hervortreten hinter Sichthindernissen wie geparkten Fahrzeugen. Und Autofahrer sind oft mit nicht angepasster Geschwindigkeit unterwegs oder halten zu wenig Sicherheitsabstand.

 

Wie oft passieren tatsächlich Unfälle auf dem Weg zur Schule?

Monaci: Statistisch gesehen relativ wenige. 2020 waren es im gesamten Präsidiumsbereich Heilbronn lediglich 17. Das liegt aber auch an der restriktiven statistischen Definition. Beispielsweise werden Kinder, die auf dem Schulweg als Mitfahrer im Auto verletzt werden, nicht zu den Schulwegunfällen gezählt. Aber losgelöst von statistischen Werten ist der Fokus auf die Verkehrs- und Schulwegsicherheit von Kindern eines der wichtigsten Handlungsfelder in der Unfallprävention.

 

Wer ist Schuld an Unfällen mit Kinder, immer der Autofahrer?

Monaci: Statistisch überwiegen als Verursacher andere Verkehrsteilnehmer, jedoch haben die Kinder einen Anteil von rund 40 Prozent als Verursacher.

 

Das heißt, Autofahrer trifft bei solchen Unfällen manchmal gar keine Schuld, kann man das so sagen?

Monaci: Bei der polizeilichen Verkehrsunfallaufnahme gilt derjenige als Verursacher, wer die Hauptunfallursache gesetzt hat. Trotzdem kann auch eine Teilschuld des anderen Unfallbeteiligten vorliegen. Wenn der Unfall für den Autofahrer nicht vermeidbar war, weil er das Kind beispielsweise gar nicht sehen konnte und auch sonst keine Pflichtverletzung wie nicht angepasste Geschwindigkeit festzustellen war, dann trifft Ihre Aussage zu.

 

Mit einem Gurtschlitten wird in der Präventionsarbeit gezeigt, wie wichtig es ist, sich im Auto anzuschnallen. Welche Erfahrungen machen Sie als Polizisten: Gibt es viele Familien, in denen das mit dem Anschnallen nicht so ernst genommen wird?

Monaci: Die richtige Sicherung von Kindern mit Kindersitzen und dem Sicherheitsgurt ist nach wie vor ein sehr wichtiges Thema. Insbesondere bei kurzen Strecken kommt es durchaus öfter vor, dass nachlässig gehandelt wird. Wir versuchen hier weiterhin Aufklärungsarbeit zu leisten. Die Kreisverkehrswacht Heilbronn bietet eigens für die Kindersitzberatung von Familien regelmäßig kostenlose Seminare an.

Welche Strafen drohen eigentlich, wenn Kinder im Auto nicht angeschnallt sind?

Monaci: Wenn ein Kind während der Fahrt nicht gesichert transportiert wird, erfolgt eine Verwarnung mit 60 Euro. Zudem erhält der Fahrzeugführende einen Punkt. Bei mehreren nicht gesicherten Kindern im Fahrzeug erhöht sich das Bußgeld.

 

Ist der Schulweg heute gefährlicher als früher?

Monaci: Trotz des zunehmenden Verkehrsaufkommens sind die Unfallzahlen in allen Bereichen seit Jahren rückläufig. Dies liegt einerseits an der kontinuierlichen Verbesserung der Fahrzeugtechnik. Aber auch das Gefahrenbewusstsein in den Familien hat sich in den vergangenen Jahren geschärft.

 

Gibt es noch Schulwege in der Region, wo Kinder gefährdeter sind als anderswo?

Monaci: Allgemein kann man ein geringfügiges Stadt-Land-Gefälle feststellen. Auf dem Land sind die Schulwege tendenziell länger und die gefahrenen Geschwindigkeiten außerhalb von Ortschaften höher.


Adrian Hoffmann

Adrian Hoffmann

Reporter

Adrian Hoffmann gehört dem Reporterteam der Heilbronner Stimme an, das vor allem über Blaulicht-Themen und tagesaktuelles Geschehen in der Region berichtet.

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