Päckchenflut wie vor Weihnachten

Region  Seit Beginn der Ausgangsbeschränkungen arbeiten die Postboten in der Region auf Hochtouren. Es wird extrem viel bestellt. Besonders gefragt sind derzeit: Gartenbedarf, Tierfutter und Kondome.

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Marc Dufferain auf seiner täglichen Tour im Heilbronner Osten: Er und sein Zwillingsbruder sind langjährige Fahrradzusteller und kommen auch in der Krise mit der Arbeit gut zurecht.

Foto: Andreas Veigel

Viel mehr Päckchen als üblich an die Kunden bringen und sich dabei nicht nahe kommen? Marc Dufferain macht damit auf seiner täglichen Tour durch Heilbronn-Ost gute Erfahrungen. Postboten wie er - oder korrekt genannt Verbundzusteller - haben derzeit besonders viel zu tun. Ihre Arbeit gehört zu den sogenannten systemrelevanten Berufen, ist in der Corona-Zeit wichtiger denn je. Bis vor Kurzem waren die meisten Geschäfte wochenlang geschlossen, den Menschen blieb und bleibt bei einigen Produkten weiterhin nur der Online-Kauf.

"Trotzdem sind unsere Arbeitszeiten geregelt", sagt Dufferain zufrieden. Sein Kollege aus dem Landkreis, Stefan Gunne, stimmt ihm zu: "Wenn bei einem von uns sehr viele Sendungen anfallen, haben wir sogenannte Flexispringer", erklärt Gunne über die Aushelfer. "Bisher haben sich keine Kollegen unterkriegen lassen von der Corona-Krise", sagt Bastian Koch, Betriebsleiter des Zustellstützpunktes Heilbronn (ZSP) der Deutschen Post AG. Er ist stolz auf seine Mitarbeiter. Mit den Lieferungen der Zusteller nach Hause könnten die Empfänger der Post trotz Ausgangsbeschränkungen und Quarantäne am Alltagsleben teilhaben." 

Waschmaschinen, Hundefutter, Gleitmittel und Kondome

Stefan Gunne ist Postbote im östlichen Landkreis. Mit dem Auto liefert er Post an bis zu 700 Haushalte in Löwenstein, Obersulm und Bretzfeld. Seit 30 Jahren macht er das. Was derzeit viel bestellt wird, kann der 51-Jährige manchmal an den Paketetiketten erkennen: Haushaltsgeräte, Gartenbedarf, Babynahrung, Autoreifen. Marc Mombauer, Sprecher von der Deutschen Post DHL Group, sagt: "Tierfutter wird in der Corona-Zeit deutlich mehr bestellt, Mode deutlich weniger." Und ZSP-Leiter Koch berichtet von Kühlschränken, Waschmaschinen, die viel versandt werden derzeit, auch Waren für Hobbys, Lebensmittel. Das Volumen an Bestellungen bei Amazon, dem größten Online-Händler der Welt, sei deutlich enorm gestiegen, aber auch von kleinen Geschäften hier in der Region.

Was Post-Mitarbeiter nicht sehen können, aber was deutsche Firmen wie der Kondom-Hersteller Ritex und das Erotik-Unternehmen Orion bestätigen: Deutlich mehr Sex-Produkte werden seit der Krise bestellt. Susanne Gahr von Orion verrät: "In Baden-Württemberg gibt es nach Nordrhein-Westfalen und Bayern prozentual die höchsten Bestell-Zuwachsraten seit März." Beliebt sei in diesen Wochen vor allem Gleitgel. Der Umsatz von Ritex-Kondomen habe sich fast verdoppelt, bestätigt Elena Reimer von der Bielefelder Firma. "Besonders stark haben sich Großpackungen verkauft." Und, wie bei Orion, folgendes Produkt: "Der Umsatz unserer Gleitmittel lag immerhin um 50 Prozent über dem Vorjhareszeitraum."

Paketvolumen vergleichbar mit der Vorweihnachtszeit

Seit den Ausgangsbeschränkungen im März ist die Paketmenge in Deutschland extrem gestiegen: Von fünf auf rund neun Millionen Sendungen pro Tag, vergleichbar mit der Vorweihnachtszeit, sagt Marc Mombauer von der Deutschen Post DHL Group. Um der Menge Herr zu werden, will die DHL Pakete in kommender Zeit auch sonntags austragen lassen.

Wer sich wundert, dass trotz des erhöhten Aufkommens Post- und Postbank-Filialen verkürzt oder gar nicht offen haben: "Unsere Mitarbeiter arbeiten derzeit in wechselnden Teams im Schichtbetrieb", sagt Postbank-Sprecherin Iris Laduch bezüglich der Sicherheitsmaßnahmen und begründet damit verkürzte Öffnungszeiten und vorübergehende Schließungen. "Auf www.postbank.de können Kunden sich informieren, ob und wann ihre Filiale aktuell geöffnet hat."

Dankbarkeit der Kunden ist groß

Die Postboten müssen bei ihrer Arbeit von Tür zu Tür wegen der Virus-Gefahr besonders vorsichtig sein. Marc Dufferain wäscht sich mehrmals auf seiner Heilbronn-Ost-Tour die Hände. Auf seinem Fahrrad nimmt er dafür Wasserflaschen mit. Im Pfühlpark nutzt er zum Händewaschen die öffentliche Toilette und es gibt Leute, die ihm Desinfektionsmittel anbieten. Täglich versorgt er rund 1000 Haushalte mit Briefen und Päckchen, legt dabei 22 Kilometer mit dem Rad zurück.

"Ich erfahre viel Dankbarkeit von den Kunden", sagt er. An manchen Häusern kleben Zettel mit Botschaften an die Zusteller wie "Alles wird gut" oder "Danke an die Briefträger". Dass sie nun anstelle der Empfänger für die Paketauslieferung unterschreiben, klappe sehr gut, erzählt der 40-Jährige.

Angelika Knecht-Peter wohnt in der Gegend, wo Dufferain austrägt. "Ich bin sehr zufrieden mit den Lieferungen", sagt die Inhaberin eines kleinen Handelsunternehmens. Vor einiger Zeit, als ein anderer Zusteller in dem Bezirk arbeitete,hatte sie sich über unzuverlässige Zusendungen geärgert. Doch seit ein paar Jahren und auch in der jetzigen Krise sei das ganz anders, sehr positiv, findet sie. "Ich bewundere die Zusteller, dass sie die Post auch jetzt so verlässlich liefern." Wenn Marc Dufferain bei Angelika Knecht-Peter klingelt, ruft sie von oben herunter und bestätigt ihren Namen. Dann legt er die Päckchen für sie ins Treppenhaus.

 

 

Bigna Fink

Bigna Fink

Volontärin

Bigna Fink ist seit Februar 2019 Volontärin bei der Heilbronner Stimme.

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