Mehr Stornierungen als Neubuchungen in den Reisebüros

Region  Die Corona-Krise hat die Reisebüros in der Region ins Mark getroffen: Statt Neubuchungen häufen sich die Stornierungen auf den Tischen. Um die Krise zu überstehen, nimmt manches Reisebüro an einer Crowdfunding-Aktion teil, andere bieten Testreisen an.

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Die Reisewarnung hat das Reisebüro Neuenstadt ins Mark getroffen. Das Team um Helge Wengenroth nimmt deshalb an einer Crowdfunding-Aktion teil.

Foto: Ralf Seidel

Als Mitte März die Corona-Pandemie ausgerufen und eine weltweite Reisewarnung herausgegeben wurde, fällt Helge Wengenroth erst einmal in eine Schockstarre. "Das war emotional sehr heftig", erinnert sich der Inhaber vom Reisecenter Neuenstadt.

Bis zur Corona-Pandemie sei der Laden gesund gewesen: "Wir sind völlig unverschuldet in diese wirtschaftliche Schieflage geraten", erklärt Wengenroth. Das Ausmaß von Covid-19 sei mit anderen Krisen nicht zu vergleichen. Statt Buchungen häufen sich nun die Stornierungen auf den Tischen der Reisebüros in der Region.

Mehr als 500 Reisen sind zu stornieren

Seit 1997 ist Helge Wengenroth Geschäftsführer des Reisecenters Neuenstadt. Der Lockdown und die Reisewarnung bedeutete für Wengenroth und seine acht Angestellten ein riesen Verlust. "Als Reisevermittler lebt man im Winter von den Buchungen im Sommer, im Sommer wird mit den Erlösen aus den gebuchten Reisen im Winter gewirtschaftet", erklärt der Inhaber. Nun aber muss das Team über 500 Reisen stornieren und Provisionen in fünfstelliger Höhe zurückzahlen.

"Wir brauchen Unterstützung, um es durch die Krise zu schaffen. Die Politik lässt uns im Stich, sie sieht nur die großen Unternehmen", ärgert sich Wengenroth. Seit Monaten arbeite man ohne Bezahlung, und die Soforthilfe des Staats habe nur für einen Monat ausgereicht. Die Angst vor einem zweiten Lockdown ist ständig präsent. "Wir können nicht abwarten, bis die Situation sich verbessert. Wir müssen jetzt etwas tun."

Deshalb habe man sich entschieden, an einer Crowdfunding-Aktion, einer Online-Spendensammlung, mitzumachen. "Wir haben unsere Kunden angeschrieben, dass sie auf der Webseite spenden können." Die Aktion läuft bis zum 26. Juli, bislang sind rund 10.000 Euro zusammengekommen. "Ein Anteil aus dem Topf geht später an uns, für die Kunden gibt es Prämien", erklärt Wengenroth.

Manche Kunden warten schon lange auf ihr Geld

In stundenlanger Arbeit haben Petra Best und ihre Kollegen vom Reisebüro MySkyline in Leingarten im vergangenen Jahr Rundreisen für 2020 zusammengestellt. "Es kommen einem die Tränen, wenn die mit einem Klick storniert werden", erklärt die Reiseverkehrskauffrau. Auch auf ihrem Schreibtisch stapeln sich derzeit die Stornierungen, dazwischen liegt gerade mal eine Buchung. "Eine Rundreise mit vielen Bestandteilen wie Mietwagen, Flug und Hotel rückabzuwickeln, ist eine heiden Arbeit."

Hinzu kommen Kommunikationsprobleme mit den Reiseveranstaltern und den Airlines wegen der Kosten-Rückerstattung. Denn erst wenn die Airline das Geld an den Reiseveranstalter rückerstattet hat, geht es an das Reisebüro und letztlich an den Kunden zurück. Manche würden seit Monaten auf ihr Geld warten. "Die Kunden warten auf ihr Geld und können so natürlich nicht neu buchen." Für Nachfragen seien die Veranstalter kaum zu erreichen. Mit Testreisen versuche man, den Kunden die Unsicherheit in Sachen Corona-Regeln am Flughafen, im Flieger und den Hotels zu nehmen. Trotz aller Widrigkeiten erkennt Best etwas Positives in der Krise. "Das Flug- und Reiseangebot ist zu unübersichtlich geworden. Vielleicht bereinigt sich der Markt so wieder etwas."

Neue Buchungen gibt es nur vereinzelt

Seit 1980 leitet Claus Böhm das Heilbronner Reisebüro Böhm. "Es ist eine schwierige Zeit. Jetzt muss man schauen, wie man da durchkommt." Wie sich das Ganze weiterentwickelt, sei schwer abzuschätzen. Er hofft, dass sich die Situation in den kommenden Wochen wieder einspielt. Von den Stammkunden erhalte er Zuspruch, trotzdem sei das Buchungsverhalten zurückhaltend. Nur vereinzelt gebe es Neubuchungen. "Etliche buchen ihre Reise auf ein anderes Datum um. Das ist für uns natürlich besser als eine Stornierung."

 

Ein- und Rückreise
Laut Verordnung sind Personen, die auf dem Land-, See- oder Luftweg aus dem Ausland nach Baden-Württemberg einreisen und sich innerhalb von 14 Tagen vor Einreise in einem Risikogebiet aufgehalten haben, verpflichtet, sich nach der Einreise auf direktem Weg in die eigene Häuslichkeit oder eine andere geeignete Unterkunft zu begeben. Dort sollen sie sich für einen Zeitraum von 14 Tagen nach ihrer Einreise absondern. Außerdem müssen sie die zuständigen Behörden kontaktieren. Informationen, welche Länder als Risikogebiete eingestuft werden, gibt es unter: www.baden-wuerttemberg.de.


Kirsi-Fee Rexin

Kirsi-Fee Rexin

Autorin

Kirsi-Fee Rexin begann im Jahr 2014 ein Volontariat bei der Heilbronner Stimme. Seit 2016 ist sie als Redakteurin im Ressort Landkreis hauptsächlich für Kommunen im nördlichen Landkreis zuständig.

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