Mahnmal für die Not der anderen

Heilbronn  Die Aufbaugilde will neun Modulhäuser für Obdachlose in der Region aufstellen, eins davon ist derzeit auf dem Kiliansplatz zu sehen. Für das Projekt werden noch Spender gesucht.

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Die Aufbaugilde weist mit einem Tiny-Haus auf dem Kiliansplatz auf die Not von Obdachlosen hin. Geschäftsführer Hannes Finkbeiner (links) und Prälat Ralf Albrecht unterstützen das Projekt.

Foto: Mario Berger

Manchmal muss man eine klare, provokante Sprache sprechen", sagt der Heilbronner Prälat Ralf Albrecht. Vor der Kilianskirche steht deshalb seit wenigen Tagen ein Tiny-Haus. Es soll Mahnmal und Spendenaufruf zugleich sein. Die Aktion weist auf das Projekt "Wohnen spenden" der Heilbronner Aufbaugilde hin, die mit Mini-Häusern Wohnraum für Obdachlose schaffen will. Investoren und Grundstücke werden dringend gesucht. Denn die "Straße ist kein Zuhause".

So steht es in großen roten Lettern auf einem Plakat am Haus auf dem Kiliansplatz, das ein Bild des Heilbronner Künstlers Peter Riek zeigt. "Menschen brauchen ein Dach über dem Kopf", betont Albrecht. Es sei ein Skandal, dass es für manche ein "wahnsinniger Kraftakt" sei, eine warme, sichere Unterkunft zu finden. Mit der Präsentation des Projekts mitten in der Stadt wollen die Verantwortlichen die Passanten dazu animieren, die Hilfe für wohnungslose Menschen in Not zu unterstützen.

Ein Zuhause auf zwölf Quadratmetern

Das Holzhaus bietet auf zwölf Quadratmetern ein Zuhause. Ein Zimmer und Bad haben darin Platz. Weil aufgrund von Corona die Idee von Aktionen im Haus aufgegeben werden musste, sind auf der Rückseite Glasscheiben eingebaut. So können Passanten einen Blick ins Innere werfen. Dort ist eine Situation des Lebens auf der Straße nachgestellt, wo das schützende Dach normalerweise fehlt. Mit den mobilen Häusern sollen Wohnungslose eine Perspektive bekommen, die Aufbaugilde betreut die Bewohner und hilft ihnen, wieder Fuß zu fassen. So kann das Leben im Tiny-Haus ein erster Schritt zurück in die Gesellschaft sein.

Das Sozialunternehmen will bis zum Sommer neun Tiny-Häuser in der Stadt und im Landkreis Heilbronn errichten. Bereits vor drei Jahren hatte die Aufbaugilde vorübergehend drei Wohncontainer in der Happelstraße in Heilbronn aufgestellt, die inzwischen nach Schwaigern, Neckargartach und Sontheim umgezogen sind. Weitere Häuser sind in Bad Friedrichshall und in der Heilbronner Innenstadt geplant. In weiteren Gemeinden gibt es bereits Gespräche über entsprechende Grundstücke.

Ausstellung bei der Gartenschau

Das Haus vom Kiliansplatz soll im März nach Eppingen umziehen. Dort ist bei der Gartenschau eine Ausstellung geplant, anschließend soll es einem Menschen Unterschlupf bieten, eventuell in Eppingen. Dort sei man auf der Suche nach einem passenden Grundstück, sagt Hannes Finkbeiner, Geschäftsführer der Aufbaugilde. Allerdings seien zuvor Spenden notwendig, aktuell haben die Volksbank Heilbronn und ein privater Spender den Kauf des Hauses mit insgesamt 15 000 Euro unterstützt. Insgesamt kostet das Haus aber etwa 32 000 Euro. Ein Spendenaufruf hängt an der Eingangstür des Hauses auf dem Kiliansplatz. Außerdem finden Passanten dort weitere Informationen zu dem Projekt.

Rund 700 Frauen und Männer aus der Stadt und dem Landkreis Heilbronn nutzen jedes Jahr die Fachberatungsstelle der Aufbaugilde als Anlaufstelle bei der Wohnungssuche. Nicht jeder von ihnen ist tatsächlich obdachlos, aber immer mehr Menschen finden keinen bezahlbaren Wohnraum. "Der Bedarf steigt", sagt Finkbeiner. Leider gebe es keine bundeseinheitliche Statistik, die genaue Zahlen nennt. Auffällig sei aber, dass die dauerhafte Obdachlosigkeit zunehme. "Wir müssen was tun", erklärt er. Laut Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe waren 2019 mehr als 600 000 Menschen in Deutschland ohne Wohnung.

Anregung zum Nachdenken

Den Platz vor der Kilianskirche, habe man gern für das Haus zur Verfügung gestellt, sagt Prälat Albrecht. Es gehe nicht nur um das konkrete Projekt, sondern solle vor allem Anregung sein, über die Not anderer Menschen nachzudenken. "Das ist gerade jetzt wichtig", ist er überzeugt. Die Pandemie überlagere zwar derzeit viele Probleme, "aber nach Corona wird sich das noch verschärfen", ist Hannes Finkbeiner sicher. Dann werden noch mehr Menschen in Not geraten: "Der Weg in die Obdachlosigkeit beginnt oft mit Arbeitslosigkeit."

Deshalb hat die Aufbaugilde unter dem Motto "Lassen Sie sich nicht täuschen" die Aktion auf dem Kiliansplatz gestartet. Es gehe darum, Menschen auf die Nöte wohnungsloser Menschen aufmerksam zu machen, sie hinter die Fassaden blicken zu lassen. Bis zum Frühjahr soll das Haus als Spendenaufruf stehenbleiben.

Mit einem Pullover Wärme spenden

"Spendet Wärme" heißt das Projekt, das die Aufbaugilde vor drei Jahren ins Leben gerufen hat. Mit dem Kauf eines Hoodies, einer Kapuzenjacke oder eines Rucksacks kann eine Übernachtung für Obdachlose gesichert werden. Die Aufbaugilde finanziert so Teile ihres Erfrierungsschutzes, der Wohnungslosen kostenlose Unterkunft bietet. Unter www.spendetwaerme.de können die Artikel bestellt werden. Auch Heilbronner Händler verkaufen die Artikel, um die Soildaritätsaktion zu unterstützen.

 

 


Tanja Ochs

Tanja Ochs

Stellvertretende Chefredakteurin

Tanja Ochs arbeitet seit 2000 bei der Heilbronner Stimme, war lange Lokalredakteurin und verantwortlich für den Bereich Bildung. Sie ist Regionalchefin und stellvertretende Chefredakteurin sowie Vorsitzende der Sozialaktion „Menschen in Not“.

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