Kleiner Ausschnitt mittelalterlichen Lagerlebens wird in Bad Wimpfen präsentiert

Bad Wimpfen  In Zeiten der Pandemie muss sich der Wimpfener Zunftmarktverein mit einer Miniatur-Version seiner Traditionsveranstaltung begnügen. Alte Handwerkskunst wird vorgeführt. Die Aktionstage werden am Sonntag fortgesetzt.

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Er hat die Qualitäten eines Marktschreiers. Mit seinen Sprüchen sorgt er für Stimmung und lockt Kundschaft an. Rudolf Prach merkt man die Freude an, wieder ins Gewand schlüpfen zu können. Auch wenn alles eine Nummer kleiner ist: ein Zunftmarkt en miniature, beschränkt auf den Bereich um den Roten Turm und eingebettet in die Aktionstage-Reihe der Stadt. Die traditionelle Veranstaltung des Wimpfener Zunftmarktvereins mit Dutzenden von Kunsthandwerkern, Verpflegungsständen und Gauklern im gesamten Burgviertel kann coronabedingt auch in diesem Jahr nicht ausgetragen werden.

Allerlei schmückender Krimskrams

"Das klebe ich an den Kühlschrank", sagt der vierjährige Can, der ganz stolz den Magnetpin mit dem Siegel Friedrich II. zeigt, den er bei Prach im Lager am Fuße des Turms, der geöffnet ist, erstanden hat. Prach bietet allerlei Krimskrams feil, Salzfässchen-Glücksbringer als Anhänger, kleine Spiegel mit Miniaturen aus dem Codex Manesse, wenige Zentimeter große Bronzepfeile und Schwerter.

Sticken nach der Bayeux-Technik

Prach ist nicht nur Händler und Inspektor des Kaisers, sondern seit drei Jahren auch Grobsticker. In der Bayeux-Technik fertigt er das Wappen mit den Stauferlöwen an. "Als Mann ist es schon komisch, zu sticken", meint er. Aber: "Keiner hat so schöne Wappen wie ich auf meinen Gewandungen", ergänzt er schelmisch. Der feineren Stickerei aus dem 11. Jahrhhundert widmet sich Simone Thiel von der Gruppe Opus Manuum Zabergäu, die mit vier Leuten beim mittelalterlichen Lager vertreten ist. Thiel verziert gerade ein Minnetuch. Ein solches bekam der Ritter von einer Dame an die Lanze gebunden, für die er dann das Turnier ausfocht.

Brettchenweben und Waffenschau

Zum mittelalterlichen Handwerk gehört auch das Brettchen-Weben, das Patricia Richter vorführt. Tassilo Schwab müht sich mit einem Handrückenbesatz aus Federstahlringen für seine Rüstung ab, muss er doch mit der Zange jede einzelne Niete zusammenquetschen. Andreas von Tiefensee, Sergeant der Stauferwache, die immer wieder durch die Altstadt patrouilliert, um auf das kleine Spektakel aufmerksam zu machen, ist bei den Jungen ein gefragter Mann. Er, der mit bürgerlichem Namen Andreas Kies heißt, präsentiert die Waffen- und Rüstschau: Schlegel, Axt, Schwert, Keule, Schild sowie Bogen und Pfeile. Letztere fertigt er übrigens selbst.

Eine kleine Zeitreise

"Es ist sehr authentisch hier, wie eine kleine Zeitreise", sagt Nina Zündel aus Niedersachsen, die mit ihrer Familie das Wochenende in Neckarsulm verbringt und zufällig auf die Aktionstage gestoßen ist. "Die Leute geben sich sehr viel Mühe", fügt Michael Beihsner hinzu. "Sehr angetan" ist das Ehepaar Steinleitner aus dem Fränkischen.

Abstand zu halten, ist kein Problem. Es herrscht kein Gedränge. Der Regen zum Auftakt hört zwar auf, aber Reinhard Stüwe ahnt nichts Gutes für den Sonntag, der als durchgängig nass angekündigt ist. "Dann haben wir wieder viel Aufwand für wenig betrieben", sagt der Vorsitzende des Vereins Zunftmarkt. Es sei schmerzhaft, dass das mittelalterliche Spektakel wegen Corona zum zweiten Mal aus- und damit Einnahmen wegfielen.

Die Aktionstage werden am Sonntag fortgesetzt. Das Lagerleben findet von 11 bis 17 Uhr statt. Der Eintritt in die Dauerausstellung des Roten Turms ist frei. Wer die Treppen hochsteigt, kann eine herrliche Aussicht genießen.

Präsent für die Kinder

Vereinsmitglied Rudolf Prach stickt nicht nur, er ist auch anderweitig kreativ. Er hat einen Bastelbogen entworfen mit den berühmten Arkaden des Palas der Stauferpfalz als Motiv. Jedes Kind, das das mittelalterliche Lager besucht, bekommt ein Exemplar, das sich zu einer Sparbox falten lässt.

 

Sabine Friedrich

Sabine Friedrich

Autorin

Sabine Friedrich ist seit 2001 bei der Heilbronner Stimme. Sie ist in der Landkreis-Redaktion zuständig für Obersulm, Wüstenrot, Flein, Talheim und Weinsberg sowie für den Themenschwerpunkt Feuerwehr.

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