Käthchen nach Bein-OP wieder in Heilbronn

Heilbronn  Das Käthchen von Heilbronn ist wieder daheim und wohlauf. Die im Februar vom Sockel gestoßene Dieter-Läpple-Skulptur kehrte am Mittwoch nach Unfall und Reparatur an ihren angestammten Platz zurück.

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In Heinrich von Kleists gleichnamigem romantischen Ritterschauspiel von 1810 schmeißt sich das Käthchen von Heilbronn im Liebeswahn aus dem Fenster "auf das Pflaster der Straße nieder und bricht sich", so heißt es im 1. Akt, "beide zarten Lenden dicht über des Knierunds elfenbeinernem Bau".

210 Jahre später, im Heilbronn des Jahres 2020, gestaltet sich der Sturz des Käthchens profaner. Im Februar hatte der Fahrer eines Kleintransporters nicht aufgepasst und war beim Rangieren mit seinem Fahrzeug am Käthchen hängengeblieben, um es schließlich vom Sockel zu stoßen, wobei es sich das rechte Wadenbein und den linken Knöchel brach. Glück im Unglück: Es handelte sich weder um eine lebendige Schauspielerin noch um eine der netten Symbolfiguren der Heilbronn-Marketing GmbH, sondern nur um die Bronzeskulptur des einheimischen Künstlers Dieter Läpple (1938-2019).

Museumsdirektor Gundel machte sich stark

Der Fall des 350 Kilogramm schweren und 2,20 Meter großen Bronze-Kunstwerks hatte im Frühjahr für Aufsehen gesorgt, die Medien stiegen groß ein, selbst Blumen und Trauerbotschaften waren an der Unglücksstelle niedergelegt worden. Nur dem beherzten Engagement von Museumsdirektor Marc Gundel, der sich mit solcher Kunst im öffentlichen Raum lange schwergetan hatte, ist es zu verdanken, dass die Käthchen-Skulptur seit Mittwoch wieder an ihren angestammten Platz steht.

Uraltes Gussverfahren, das schon Michelangelo praktizierte

Gundel hatte nach dem Unfall Kontakt zu Läpples Tochter Eva aufgenommen und im Keller des Ateliers an der Jägerhausstraße tatsächlich die originale Gussform gefunden, sodass die beiden Beine diesen Sommer repariert werden konnten: und zwar von der Kunstgießerei Strassacker in Süßen bei Göppingen. Nach einem seit Jahrhunderten üblichen Bronzegussverfahren, wie es laut Gundel "im Prinzip schon bei Michelangelos David in Florenz" Anwendung fand, bekam das Heilbronner Käthchen einen neuen Spann und ein neues Wadenbein, was der reparierten, mit etwas Patina versehenen Bronzefigur kaum anzusehen ist.

Mit Stahlstiften auf Muschelkalk fixiert

Um 11 Uhr schwebte die Figur an einem Kran ein. Foto: Mario Berger

Am Mittwochvormittag fand das Käthchen "nach der erfolgreichen Bein-OP", so Marc Gundel, auf einem Lkw liegend, zurück an seinen angestammten Platz an der Fischergasse. Willi Haaf und Dieter Kaiser vom städtischen Betriebsamt hievten die mit Seilen an einem Hebekran befestige Kaisertochter auf den zuletzt verwaisten Sockel aus fränkischem Muschelkalk. Dort wurde sie mit vier langen Stahlstiften im Stein fixiert. Während sich Chefmonteur Murat Saglam von der Standfestigkeit überzeugte, meinte Ziseleur Dogan Haluk. "Die steht jetzt bombensicher."

Unfallkosten trägt Versicherung

Die Kosten in Höhe eines knapp fünfstelligen Betrags übernimmt die Versicherung des Unfallfahrers, so Gundel, "wobei wir bei dieser Gelegenheit noch kleine Instandsetzungsarbeiten machen ließen, die das Museum zahlt". Den Material- und Herstellungswert der Originalfigur schätzt Gundel auf 45.000 Euro. "Ganz abgesehen vom künstlerischen Wert", den der Experte nicht kleinreden will. Der "sinnenfreudige" Läpple habe die Intention Kleists mit der traumwandlerisch-schwebenden und doch selbstbewusst stehenden Figur kongenial umgesetzt. Dass sie bei der Installation 1965 kritisiert wurde, führt der Museumschef auf die verkitschten Sehgewohnheiten der damaligen Betrachter zurück.


Kilian Krauth

Kilian Krauth

Autor

Kilian Krauth kümmert sich um die Heilbronner Kommunalpolitik, um historische und kirchliche Themen sowie um den Weinbau der Region und weit darüber hinaus.

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