Hupen statt Trillerpfeifen: Auto-Warnstreik der IG Metall in Neckarsulm

Neckarsulm  Zu einer Auto-Kundgebung kommen Gewerkschafter und Mitglieder der IG Metall auf dem Parkplatz des Aquatolls zusammen. Vieles ist diesmal anders - nur die wichtigste Botschaft nicht.

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Ob man Oliver Kuhnle wohl auch im Audi-Werk gehört hat? Es ist jedenfalls nicht ganz auszuschließen. Nicht nur, dass der Zweite Bevollmächtigte der Geschäftsstelle Heilbronn-Neckarsulm aus sieben Meter Höhe redete - die Lautsprecheranlage war auch besonders weit aufgedreht.

Musste sie aber auch. Denn zur Kundgebung auf dem Parkplatz des Aquatoll am Rande von Neckarsulm waren die Gewerkschafter mit mehr als 200 Autos gekommen - und mussten wegen der Corona-Vorgaben auch während der Veranstaltung im Inneren sitzen bleiben. Auf den Parkplatz durfte auch nur, wer ein Ticket von der Gewerkschaft bekommen hatte. Und die Redebeiträge kamen statt von einer Lkw-Pritsche von einer Hebebühne. Statt Beifall und Trillerpfeifen war folglich Hupen angesagt - Demonstrieren in Pandemie-Zeiten eben.

Frühschluss-Aktionen an vielen Betrieben

Dabei ist es den Metallern ziemlich ernst. 8000 beteiligten sich alleine an diesem Tag an den Frühschluss-Aktionen in der Region, ließen also ihre Arbeit in Betrieben wie Audi, Kolbenschmidt oder Läpple einige Stunden früher ruhen und gingen raus. "Wir sind noch steigerungsfähig", rief Oliver Kuhnle in ihrem Namen den Arbeitgebern zu. Denn der Zorn bei der IG Metall über den Verlauf der Tarifverhandlungen ist groß.

Forderungen der Arbeitnehmer

Vier Forderungen haben die Arbeitnehmer aufgestellt, von vier Prozent mehr Entgelt über Beschäftigungssicherung und einen Zukunfts-Tarifvertrag bis zu Verbesserungen für Auszubildende und Duale Studenten. Aber: "Südwestmetall will erstmalig die Tarifrunde nutzen, um Verschlechterungen durchzusetzen", schimpfte der Erste Bevollmächtigte Michael Unser. "Dies wird es mit uns nicht geben." Dass die Arbeitnehmer zum Konjunkturaufschwung nach dem Corona-Schock beigetragen haben, hätten die Arbeitgeber wohl vergessen - ein Fall von "Tarifamnesie", diagnostizierte Unser.

Dabei habe die Gewerkschaft ja vergangenes Jahr mit der Nullrunde für die Belegschaften die Belastungen in der Krise mitgetragen, ergänzte Ari Zartmann, stellvertretender Vertrauenskörper-Leiter bei Audi. Inzwischen sei die Lage in vielen Betrieben aber wieder gut. Probleme bereite dann oft nur die Versorgung mit manchen Teilen - wie etwa Halbleitern in der Autobranche. Eine Lohnerhöhung sei nun angesagt und möglich, meinte der Audi-Betriebsrat. "Es ist auch schon jetzt absehbar, dass wir 2022 eine höhere Inflation haben werden." Stattdessen versuchten die Arbeitgeber jedoch, die Corona-Situation schamlos auszunutzen, warf er ihnen vor. Die Warnstreik-Welle auch in der Region habe aber schon einigen Druck aufgebaut. Immerhin sei jetzt ein Korridor für eine Lösung in Sicht.

"Wir wollen nicht weniger als Sicherheit, unsere Zukunft stärken und die Entgelte verbessern", hatte Oliver Kuhnle anfangs gesagt. "Dafür parken wir heute hier."


Heiko Fritze

Heiko Fritze

Autor

Heiko Fritze arbeitet seit 2001 bei der Heilbronner Stimme. Er ist für das Team Wirtschaft & Politik tätig.

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