Heilbronner Gastronomen ziehen Bilanz

Heilbronn  Wie kommen die Gastronomen in Heilbronn mit den Corona-Auflagen zurecht? Die Bilanz nach vier Wochen ist durchweg positiv. Die meisten Gäste würden Name und Telefonnummer auf die Erfassungsliste schreiben. Jetzt landen die ersten Papierstapel im Reißwolf.

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Die Gastronomen können nach vier Wochen die ersten Gästeerfassungs-Zettel vernichten. Der Charivari-Mitarbeiter hat einen dicken Stapel.

Foto: Mario Berger

Seit dem 18. Mai sind die Lokale unter Auflagen wieder geöffnet. Die Umsätze geben vielen Gastronomen jedoch noch keinen Anlass zum Jubeln. Thomas Aurich schätzt das Minus bei Biergärten auf 20 Prozent, bei Lokalen an der Neckarmeile sogar auf 40 Prozent. "Die Gäste trauen sich noch nicht so wie früher", bestätigt auch der Inhaber von Michels Küche in der Heilbronner Hafenmarktpassage.

Wer in das Bistro kommt, hat sich jedoch mit einer wichtigen Corona-Verordnung für die Gastronomie arrangiert. Die Vorgabe, Namenslisten zu führen, funktioniert: "Unsere Gäste haben sich an die Erfassung gewöhnt", sagt Michael Allmis. 99 Prozent, so seine Einschätzung, füllen das Formular korrekt aus - mit einem frisch desinfizierten Stift. Dass sich jemand einen Scherz erlaubt, sei selten. "Karl Marx" zum Beispiel stand auf einem der Zettel.

Fast alle kooperieren

Der Gastronom verlässt sich auf die Kooperationsbereitschaft der Gäste: Jeder könne im Prinzip "schreiben, was er will. Wir dürfen es nicht überprüfen", sagt Allmis. Bei dem jüngeren Publikum sei die Einsicht weniger da, vermutet der Lokalinhaber. Dass er selbst überwiegend gute Erfahrung macht, liege an seinen vielen Stammgästen. Einige haben sich einen Blanko-Zettel mitgenommen, ihn ausgefüllt und kopiert. Vor Ort ergänzen sie nur noch Datum und Uhrzeit.

Ähnlich unkompliziert ist die Erfahrung im Charivari an der Gymnasiumstraße. "Ganz wenige motzen", heißt es dort auf Nachfrage. Wenn offenkundig ein falscher Name auf der Liste steht, dann hake man allerdings nach. Dies komme aber kaum vor. Ebenfalls positiv ist die Bilanz bei Pfeffers Tagbar. "Alle unsere Gäste füllen brav die Zettel aus", sagt Christian Pfeffer. Die Stapel deponiert er in seinem Büro und steckt sie nach Anlauf der Aufbewahrungsfrist von vier Wochen in den Aktenvernichter. Bislang hat das städtische Gesundheitsamt noch von keinem Gastronomen Listen angefordert.

Für Thomas Aurich gibt es einen entscheidenden Grund, warum Gastronomen die Corona-Auflagen sehr ernst nehmen: "Wir haben alle den Lockdown erlebt." Und niemand wolle, dass sich diese Situation jemals wiederholt. 

"Das Unverständnis wächst" 

Dorotheas Kleinhanss, Leiterin des Heilbronner Ordnungsamts, beobachtet jedoch eine nachlassende Akzeptanz der Bevölkerung gegenüber den Beschränkungen. "Das Unverständnis wächst", berichtet sie dem Gemeinderat. Am Ende der jüngsten Sitzung erhielt das Gremium einen aktuellen Stand in Sachen Corona.

Überblick schwierig

Selbst für Ordnungsbehörden ist es in Anbetracht der vielen Änderungen schwierig, den Überblick zu bewahren. Mittlerweile gebe es die 14. Änderung in der Corona-Verordnung, die 15. folge am 29. Juni. Von 54 Einzelverordnungen seien noch 25 in Kraft, sagt Kleinhanss. Fragen am Krisentelefon ließen sich jetzt häufig nicht mehr sofort beantworten. Inzwischen gehen beim Ordnungsamt kaum noch neue Anzeigen ein. 1100 gab es bisher, fast alle sind bearbeitet. Rund 30 Anzeigen wurden eingestellt.

 


Kommentar

Derzeit landen die ersten Papierstapel im Schredder. Vier Wochen lang müssen Gastronomen Namenslisten ihrer Gäste aufbewahren, um eventuelle Kontaktpersonen von Infizierten ausfindig zu machen. Das erleichtert im Ernstfall nicht nur die Arbeit der Gesundheitsämter. Nachvollziehen zu können, wer wann mit wem Kontakt hatte, hilft dabei, Infektionsketten zu durchbrechen.

Die Erfahrung der Gastwirte zeigt: Dieser Teil der Corona-Verordnung funktioniert gut. Der Aufwand hält sich in Grenzen. Mit der Zettelwirtschaft lässt es sich leben. Auch das Gros der Gäste arrangiert sich. Die allermeisten sind bereit, ihre Namen und Telefonnummern preiszugeben. Spaßvögel, die einen Phantasienamen notieren, bleiben die Ausnahme.

Die Maßnahme zeigt auch, dass Corona in einigen Bereichen einen Vertrauensvorschuss nötig macht. Gäste können sich in aller Regel darauf verlassen, dass ihre Daten bei den Gastronomen sicher sind und nicht missbraucht werden. Zweifler und Verweigerer müssen sich deshalb fragen lassen, ob sie bei der Nutzung von sozialen Netzwerken oder von kostenlosen Apps ähnlich skeptisch sind, was die Weitergabe ihrer Daten betrifft.

Mit Verallgemeinerungen stößt man dieser Tage ganz besonders an Grenzen. Zwar sind nicht alle geltenden 25 Corona-Verordnungen noch nachvollziehbar. Doch pauschal alle Einschränkungen in Frage zu stellen, ist ganz sicher der falsche Weg.


Bärbel Kistner

Bärbel Kistner

Autorin

Bärbel Kistner schreibt seit 1999 im Stadtkreis-Ressort der Heilbronner Stimme über Stadtentwicklung und Wohnen, über Trends im Einzelhandel und den demografischen Wandel  

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