Heilbronner Bibliothek für alle

Heilbronn  Denise Farag ist seit zwei Jahren Referentin für Diversität in der Heilbronner Stadtbibliothek. Sie soll in der Bibliothek für mehr Vielfalt sorgen, und zwar extern und auch intern. Doch wie setzt man das in die Praxis um?

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Steht für mehr Vielfalt: Diversitäts-Referentin Denise Farag am Antirassismus-Büchertisch in der Bibliothek. Sie hat unter anderem internationale BWL studiert.

Foto: Seidel

Die Heilbronner Stadtbibliothek hat seit zwei Jahren eine Referentin für Diversität. Denise Farag (33) soll dafür sorgen, dass es in der Bücherei möglichst vielfältig, verschiedenartig und heterogen zugeht - und dies auch auf die Stadtgesellschaft ausstrahlt. Doch was heißt das konkret? Die Kulturstiftung des Bundes finanziert das auf vier Jahre angelegte Projekt. Die Stadtbibliothek soll zu einem interkulturellen Bildungs- und Medienhaus werden. In der Wirtschaft ist Diversitäts-Management längst verbreitet. Kultureinrichtungen hinken noch etwas hinterher.

Es geht um neue Zielgruppen

Denise Farag beschreibt ihre Ziele so: "Wir wollen das Programmpublikum und auch das Personal diverser aufstellen." Dabei sollen neue Zielgruppen angesprochen werden. Die Bibliothek frage sich, ob ihr Programm wirklich alle in der Stadt interessiert. Die 33-Jährige erinnert daran, dass mehr als die Hälfte der Heilbronner Bevölkerung Migrationshintergrund hat, bei den Jugendlichen sind es noch mehr. Dennoch seien Kultureinrichtungen generell oft noch relativ homogen. Deshalb gehe es in dem Projekt darum, "neue Zugänge zu uns zu schaffen, mögliche Barrieren abzubauen".

Denise Farag hat unterschiedliche Ansätze, um dies in die Praxis umzusetzen - fürs Interne und Externe. Für Letzteres hat die Stadtbibliothek ihr Publikum befragt. "Wir wollten wissen: Wer besucht uns, wer nicht?" Als Konsequenz aus dieser Umfrage wurde nun zum Beispiel Polnisch als neue Sprache in den Medienbestand aufgenommen. In Kooperation mit der VHS und der Städtischen Stabsstelle für Integration entstanden neue Programmformate, die sich speziell an die türkische und russlanddeutsche Gemeinschaft richten. Im Mai ist geplant, Gehörlosen Angebote zu machen. Die "Agentin" der Bundesstiftung hat ein breites Verständnis von Diversität, lehnt sich an das Gleichstellungsgesetz von 2006 an. In dem heißt es, dass niemand wegen der ethnischen Herkunft, des Geschlechts, der Religion oder Weltanschauung, einer Behinderung, des Alters oder der sexuellen Identität benachteiligt werden darf.

Das Team soll sich eigener Vorurteile bewusst werden

Denise Farags Arbeit, deren Stelle direkt bei Bibliotheksleiterin Vanessa Kapfer-Gördes angesiedelt ist, soll auch intern dafür sorgen, "dass das Personal möglichst divers aufgestellt ist". Es gab schon Trainings, Workshops und Vorträge für die rund 35 Beschäftigten. Die 33-Jährige hat zudem eine Arbeitsgruppe eingerichtet, an der jeder Fachbereich beteiligt ist. Dem Team soll die Möglichkeit gegeben werden, "sich zu reflektieren, eigener Vorurteile bewusst zu werden, sich weiter zu entwickeln". Dies ist auch gerade in Zeiten wichtig, in denen es Bibliotheken schwerer fällt, freie Stellen zu besetzen. Denise Farag: "Der Punkt ist: Wie interessant sind wir als Arbeitgeber, wie diversitätssensibel auch zum Beispiel in Bezug auf Transgender und Behinderte." Mit diesem Konzept werde das Berufsbild in den Bibliotheken auch nach außen hin sichtbarer. Im Team der Stadtbibliothek arbeiten längst Kollegen mit Wurzeln in Mexiko, Russland, Polen, Ungarn, Siebenbürgen.

Die Stadtbücherei beschäftigt sich schon länger mit interkultureller Bibliotheksarbeit. Sie tut viel für Flüchtlinge, etwa mit dem Treffpunkt Deutsch. Die Antirassismus-Debatte nach dem Tod des Schwarzen George Floyd in den USA "hat die Relevanz des Themas deutlich gemacht", so Denise Farag. Die Bibliothek hat reagiert. Unter dem Motto "Für Diversität, gegen Rassismus" stellt jeden Montag ein Mitarbeiter auf den Social-Media-Kanälen der Bücherei, Instagram und Facebook, ein Medium vor, das ihn in Bezug auf das Thema beeindruckt oder berührt hat. Diese Medien stehen auch an einem extra Tisch in der Bibliothek.

 

Bundesweite 39 Modellprojekte
Im Programm "360 Grad - Fonds für Kulturen der neuen Stadtgesellschaft" sind 39 Modellprojekte enthalten: Von 2018 bis 2023 werden 16 Museen, 13 Theater, acht Bibliotheken, eine Musikschule und ein Symphonieorchester mit insgesamt 13,9 Millionen Euro gefördert. Dabei stellt die Kulturstiftung des Bundes für die Dauer von vier Jahren Mittel für eine Personalstelle bereit.


Helmut Buchholz

Helmut Buchholz

Autor

Helmut Buchholz arbeitet seit 1999 bei der Heilbronner Stimme. Er kümmert sich im Stadtkreisressort um die Themen Gericht, Polizei und Soziales. Er leitet außerdem das Thementeam Migration.

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