Grande Dame der Aufbaugilde wird 90 Jahre alt

Heilbronn  Susanne Finkbeiner hat sich als Mitgründerin der Aufbaugilde Heilbronn-Franken immer für sozial Schwache eingesetzt. Anlässlich ihres 90. Geburtstags blicken wir mit Susanne Finkbeiner zurück auf ihr Engagement.

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Susanne Finkbeiner an einem ihrer Lieblingsorte, dem Secondhand-Kaufhaus. Sie wünscht sich, dass es nach Corona wieder richtig ins Laufen kommt.

Foto: Ralf Seidel

Susanne Finkbeiner ist eine ungewöhnliche Frau. Geboren 1931 absolviert sie ihr Abitur als eines von zwölf Mädchen ihres Jahrgangs in Heilbronn, beginnt das Studium der Kirchenmusik, das sie wegen eines Absturzes beim Wandern aufgeben muss. Und sie studiert mit Mitte 40 noch einmal Sozialpädagogik, um Geschäftsführerin der Aufbaugilde Heilbronn-Franken zu werden. Das Herz der im Sternzeichen Löwe Geborenen schlägt für die sozial Schwachen. "Sie war immer unorthodox", sagt ihr Sohn Hannes Finkbeiner. "Sie hat Dinge einfach gemacht." Heute wird die Grande Dame der Aufbaugilde 90 Jahre alt.

Das Orgelspiel hat sie sich selbst beigebracht

Seit einer Erkrankung ist das Sprechen mühsamer geworden. Doch auch wenn der Sohn beim Gespräch assistiert, merkt man der 90-Jährigen den Schalk im Nacken an, wenn sie teils mit trockenen Sätzen kommentiert. Sie war die erste Frau, die in Württemberg Zugposaune spielen durfte, das Orgelspiel hat sie sich, zunächst unbemerkt von der Familie, selbst beigebracht.

Häufig war der Dackel in der Kirche dabei

50 Jahre war sie in der Kilianskirche an der Orgel. Regelmäßiger Gast dort: ihr Dackel. "Er hat in der Tasche gesessen und geheult." Ihn im Auto zu lassen, kam ihr nur ein Mal in den Sinn. "Er hat die Sitze aufgerissen, so dass wir zum Sattler mussten."

Mit ihrem Sohn Hannes und ihrem Mann, Diakon Walter Finkbeiner, lebte sie in einer Wohnung eines Hauses, das als Jugendhilfeeinrichtung diente. "Das war wie eine große Wohngemeinschaft", erinnert sich Hannes Finkbeiner. "Schwererziehbar" habe man diese Jugendlichen damals genannt. "Heute würde man vielleicht sagen: Netzwerkprüfer." Susanne Finkbeiner schmunzelt: "Da war was los."

Susanne Finkbeiner interessiert sich immer noch sehr für die Entwicklung der Aufbaugilde

Immer noch ist sie sehr interessiert an der Entwicklung des Sozialunternehmens, besucht das Secondhand-Kaufhaus und natürlich den Gildetreff, Keimzelle der Aufbaugilde. Bis zum 83. Lebensjahr hat sie Führungen durchs Kaufhaus und Vorträge über die Arbeit in der Wohnungslosenhilfe vor Senioren, Schulklassen oder Konfirmanden gehalten.

Die Susanne-Finkbeiner-Schule ist nach ihr benannt

Auch die Susanne-Finkbeiner-Schule im Bildungspark ist nach ihr benannt, an der benachteiligte Jugendliche verschiedene Abschlüsse machen können. Zehn Schulwechsel von Ravensburg über Biberach nach Heilbronn hat sie selbst in Kriegs- und Nachkriegswirren hinter sich gebracht.

Das erste Mal hat sie Weihnachten daheim gefeiert wegen Corona - und nicht mit den Obdachlosen

Corona hat auch für Susanne Finkbeiner einiges verändert. Das erste Mal Weihnachten daheim zu sein - wo sie sonst traditionell mit Obdachlosen feiert und dem Gefängnis einen Besuch abstattet. "Dem Knast", wie sie sagt. Dort war sie 30 Jahre im Beirat und Vorsitzende bis zum Alter von 82 Jahren.

Sie glaubt: "Die Integration Wohnungsloser ist heute schwerer"

Ob es Menschen am Rand der Gesellschaft heute schwerer haben als früher? Die Antwort findet sie gemeinsam mit ihrem Sohn, dem jetzigen Geschäftsführer der Aufbaugilde mit 500 Beschäftigten. "Die gesellschaftliche Akzeptanz für Wohnungslose ist größer geworden. Aber die Integration ist schwieriger, weil der Wohnungsmarkt tot ist, und Geschwindigkeit und Anforderungen auf dem Arbeitsmarkt steigen."


Petra Müller-Kromer

Petra Müller-Kromer

Autorin

Petra Müller-Kromer ist seit 1999 Redakteurin bei der Heilbronner Stimme. Im Stadtkreis-Ressort liegt ihr Schwerpunkt unter anderem auf sozialen Themen.

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