Freude und Misstrauen über Corona-Lockerungen

Heilbronn  Ein gemütlicher Stadtbummel durch die Heilbronner Innenstadt? Seit Montagmorgen ist das wieder möglich. Doch nicht jeder freut sich über über diese Corona-Lockerungen. Unsere Stimme-Leserumfrage zeigt: Vielen kommt die Öffnung des Einzelhandels noch zu früh.

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Seit Montag kann in Heilbronn wieder eingekauft werden. Foto: Ralf Seidel

Montagmorgen, Tag eins der Corona-Lockerungen in der Stadt Heilbronn: Gegen Mittag stehen Menschen in einer meterlangen Schlange vor Modegeschäften auf dem Kiliansplatz. Eine Woche zuvor waren in den Friseursalons sämtliche Termine ausgebucht, die Parkplätze von Gartencentern voll. Gleichzeitig steigen seit gut drei Wochen auf Bundesebene die Corona-Neuinfektionen. Auf Stimme.de fragen wir unsere User, wie sie sich verhalten werden: Shoppen gehen oder zurückhaltend bleiben?

Die Meinungen fallen unterschiedlich aus. Unter jenen, die sich darauf freuen, wieder durch die Geschäfte zu ziehen, heißt es unter anderem: „Ich persönlich finde, dass es echt mal wieder Zeit wurde. Uns wird/ wurde einfach alles genommen. Sowas ist nicht mehr menschlich.“ An einer anderen Stelle heißt es: „Natürlich, ich möchte endlich wieder leben. Bitte alles wieder normal öffnen. Man kann sich nicht vor einem Virus verstecken.“ Diese Antworten zeigen: Es geht um mehr als nur geöffnete Geschäfte. Es geht um ein Stück zurückgewonnene Normalität.

Freude über Lockerungen sieht anders aus

Ist dieser Normalität zu trauen? Der überwiegende Teil der Antwortenden glaubt: Nein. Die Lockerungen kämen noch zu früh, heißt es in vielen Kommentaren. Ein Leser schreibt: „Angesichts der wieder steigenden Zahlen beziehungsweise der Gefahr durch die Virusmutationen fällt es mir schwer, mich über diese Lockerungen zu freuen. Ich würde gerne wieder einen schönen Stadtbummel machen, allerdings halte ich mich weiterhin zurück.“ Ein anderer wird noch deutlicher: „Ich mache den Hype um die Öffnung der Geschäfte nicht mit. Es ist noch zu früh, die Geschäfte zu öffnen.“

Lockerungen bei steigenden Inzidenzwerten – das passt für einen Stimme-Leser, der anonym bleiben möchte, schlicht nicht zusammen. Am Telefon sagt er: „Dass man Buchläden, Museen und Gartengeschäfte öffnet, finde ich schon sehr fraglich. Diese Dinge braucht man nicht unbedingt. Der Lockdown sollte langsamer gelockert werden.“ Der Mann ist sich sicher, dass die nächsten Schließungen kurz bevorstünden. Eine Leserin freut sich zwar, Schuhe und Kleidung für ihre Tochter zu kaufen, die in den vergangenen Wochen kräftig gewachsen sei. „Jedoch steuern wir gezielt die Läden an und bummeln nicht durch die Innenstadt.“

Kopfschütteln über den Andrang

Die Frage, ob man jetzt die neueste Frühlingsmode kaufen geht oder nicht, scheint die Gemüter zu reizen. Unter vielen Antwortenden herrscht Unverständnis über jene, die die Chance zum Einkaufen in der Stadt wahrnehmen: „Ich werde mich zurückhalten, ich möchte keinen weiteren Lockdown. Ich verstehe die Leute nicht, alle Vorsichtsmaßnahmen werden außer Acht gelassen.“

Für Ärger sorgten auch dichte Menschenansammlungen in einem großen Kaufland-Einkaufsmarkt in den vergangenen Wochen, während der Einzelhandel seine Türen geschlossen lassen musste. In unserer Umfrage schreibt ein Leser: „Warum zurückhalten, wenn seit Wochen hunderte von Menschen im Kaufland einkaufen, wo sich ja komischerweise niemand angesteckt hat. Also wird man sich wohl kaum im H&M anstecken.“ Ein anderer fragt: „Hosen kaufen ist ansteckender als Mehl kaufen?“

In einer schriftlichen Erklärung räumt die Stadt Neckarsulm ein, dass die Corona-Vorgaben im Kaufland-Einkaufsmarkt „zu einem großen Publikumsandrang“ geführt haben. Das Ordnungsamt kontrolliere die Einhaltung der Corona-Regeln im Kaufland-Einkaufsmarkt mehrmals in der Woche. Weiter heißt es: „Mit der allgemeinen Öffnung der Einzelhandelsgeschäfte (…) dürfte sich die Situation in großen Einkaufszentren mit breit gefächertem Warensortiment wie Kaufland wieder normalisieren.“

Virusvarianten treiben Inzidenzwert nach oben

Peter Liebert, Leiter des Städtischen Gesundheitsamtes Heilbronn, versteht, dass es die Menschen in die Geschäfte zieht. „Die Leute wollen ihre Freizeit genießen, das ist doch klar“, räumt er ein. Ob es dadurch zu vermehrten Infektionen komme, zeige sich erst in zwei Wochen. „Man muss jetzt die Entwicklung beobachten.“ Jedoch bezweifelt der Arzt, dass der Inzidenzwert in der Stadt Heilbronn dauerhaft unter 35 bleibe. Dies sei schon deshalb unwahrscheinlich, weil die Virusvarianten zunähmen. „Ich persönlich vermeide es, in Geschäfte zu gehen und bleibe vorsichtig.“  


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Sarah Arweiler

Sarah Arweiler

Autorin

Sarah Arweiler ist seit 2016 Redakteurin bei der Heilbronner Stimme. Sie arbeitet seit März 2021 in der Onlineredaktion. Zuvor war sie unter anderem als Lokalredakteurin bei der Hohenloher Zeitung tätig.

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