Frankenbahn: Go-Ahead vor Zwangspause

Region  Nach einem knappen halben Jahr will das Land das Bahnunternehmen Go-Ahead auf der Frankenbahn „beurlauben“ und den Auftrag für die Linie RE8 für bis zu zwei Jahre neu vergeben. Entsprechende Stimme.de-Informationen bestätigte das Verkehrsministerium am Freitag. Folgt das Comeback der DB Regio?

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Ein Zug von Go-Ahead fährt in den Heilbronner Hauptbahnhof ein. Foto: Mugler

Seit Dezember bedient Go-Ahead stündlich den Regionalexpress RE 8 zwischen Stuttgart und Würzburg, während Abellio auf der Strecke von Stuttgart nach Heilbronn und weiter nach Osterburken und Mannheim fährt. Für Go-Ahead, Tochter eines britischen Konzerns, geht das Intermezzo auf der Frankenbahn wohl erst einmal zu Ende. 

Es laufe „eine Markterkundung zur Übernahme der Verkehrsleistung der Linie RE8“, heißt es in einer Mitteilung, die am Donnerstagabend in einem Fachforum im Internet veröffentlicht wurde. Darin hieß es detailreich, das Land wolle dem Unternehmen die RE8 entziehen. Nach stimme.de-Informationen ist jedoch nicht geplant, den Vertrag mit Go-Ahead aufzulösen. Er soll vielmehr ruhen, während ein anderes Unternehmen kurzfristig einspringt. Dem Vernehmen nach erfolgt der Wechsel frühestens nach den Sommerferien für zunächst maximal zwei Jahre. 

Drittbetreiber wird gesucht

Das Verkehrsministerium bestätigte auf Anfrage, „dass Gespräche mit Go-Ahead Baden-Württemberg als Betreiberin der Regionalexpresszüge auf der Frankenbahn darüber laufen, dass der Betrieb vorübergehend durch einen Drittbetreiber erbracht wird“. Hintergrund seien die „Qualitätsprobleme der letzten Monate“. Es liefen Sondierungsgespräche mit verschiedenen Unternehmen. „Ziel ist es, möglichst zügig eine Lösung zu finden, damit ein stabiler Betrieb auf der Frankenbahn gewährleistet werden kann“, teilt das Ministerium mit. 

Für drei sogenannte Umläufe auf der RE8 will das Land nach Stimme.de-Informationen moderne Stadler-Züge stellen, wie sie auch Go-Ahead verwendet. Zwei weitere Umläufe soll das neue Unternehmen mit eigenen Zügen bestreiten. 

Eine Sprecherin von Go-Ahead in Berlin teilte mit, es liefen Gespräche mit dem Ministerium, es gebe jedoch keine Ergebnisse. „Wir prüfen alle Optionen, um den Verkehr zu stabilisieren.“ 

 

 

 

Minister kritisiert Unternehmen

Verkehrsminister Winfried Hermann hatte zuletzt im Interview mit unserer Redaktion die Leistung der Bahnunternehmen auf der Frankenbahn generell kritisiert und auch von „Managementfehlern“ gesprochen. Zuletzt häuften sich Beschwerden von Pendlern wegen Verspätungen, Ausfällen und übervoller Züge, bis die Corona-Krise das Thema vorübergehend in den Hintergrund drängte. Das Land hat eine Entschädigung für Pendler auf mehreren Strecken angekündigt, die von erheblichen Mängeln betroffen waren - dazu zählt auch die Frankenbahn. 

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In den vergangenen Wochen hatte das Land auf einzelnen Go-Ahead-Verbindungen zwischen Stuttgart, Heilbronn und Würzburg zur Verstärkung Doppelstockzüge der DB Regio eingesetzt, um den Verkehr zu stabilisieren. In Fachkreisen wird spekuliert, ob die Deutsche Bahn im Zuge der Neuvergabe vor dem Comeback auf der Frankenbahn steht. Nur die DB könne kurzfristig mit eigenen Zügen einspringen, heißt es in Online-Foren. Die Deutsche Bahn wollte sich zu der Angelegenheit nicht äußern. Wie Experten gegenüber stimme.de ausführten, seien auch kleinere Unternehmen in der Lage, die geforderten zwei Umläufe mit eigenen Wagen zu bestreiten. 

Massive Lieferprobleme der Zughersteller

Der Staatskonzern DB hatte bei der Ausschreibung vieler Linien der sogenannten Stuttgarter Netze wegen eines Formfehlers den Kürzeren gezogen. Abellio und Go-Ahead übernahmen auf der Frankenbahn und auf einigen anderen wichtigen Linien im Land. Beide Unternehmen hatten jedoch mit massiven Lieferproblemen ihrer Zughersteller Bombardier und Stadler zu kämpfen.


Kommentar: Notbremse

Go-Ahead muss pausieren, weil die Qualität auf der Strecke nicht stimmt. Für Verkehrsminister Hermann ist der Betreiberwechsel eine Schlappe. 

Es geht nicht mehr. Zu diesem Schluss ist das Land gekommen und will das Unternehmen Go-Ahead als Betreiber auf der Frankenbahn in die Pause schicken. Rechtlich ist das komplex, und so sind beide Seiten bemüht, das Thema nicht zu hoch zu hängen. Trotzdem zeichnet sich ab, dass ein anderes Bahnunternehmen beim Regionalexpress von Stuttgart über Heilbronn nach Würzburg zumindest vorübergehend einspringt. Fahrgäste, die zuletzt von Zugausfällen und Verspätungen geplagt waren, mögen aufatmen. Doch noch steht der Beweis aus, dass ein anderer es besser kann. 

Die Neuvergabe wichtiger Nahverkehrslinien auf der Schiene ist ein zentrales Projekt von Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne). Der Steuerzahler soll günstiger fahren, die Bahnkunden sich trotzdem an einem komfortableren, zuverlässigeren Service erfreuen. Das Land lege „großen Wert auf ein vertraglich fest vereinbartes hohes Qualitätsniveau”, hieß es. An solchen Aussagen muss sich auch Minister Hermann messen lassen, für ihn ist die Entwicklung auf der Frankenbahn eine Schlappe. Allerdings war auch für das Ministerium nicht abzusehen, dass sich der Platzhirsch DB Regio bei der Neuvergabe durch einen Formfehler selbst aus dem Rennen nimmt und Anbietern wie Go-Ahead gleich so viele Strecken zufielen - zu viele möglicherweise, um einen stabilen Service zu gewährleisten. 

Jetzt gilt es erst einmal, die Scherben aufzukehren. Den Kunden ist gleichgültig, welches Logo auf den Zügen prangt. Sie brauchen einen zuverlässigen Nahverkehr. Sonst ziehen die Pendler die Notbremse und steigen aufs Auto um. 

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Hettich

Alexander Hettich

Autor

Alexander Hettich ist stellvertretender Leiter der Regionalredaktion. Er arbeitet seit 2003 bei der Heilbronner Stimme, berichtet über Verkehrsthemen, über Kommunalpolitik und Heilbronn.

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