FFF-Aktivistin Pauline Brünger: "Keine Partei hat einen Plan"

Interview  "Keine Partei hat einen Plan" - das wirft Klimaaktivistin Pauline Brünger den Politikern vor. "Fridays for Future" fordert deshalb mehr politische Verantwortung beim Klimaschutz. Am Freitag ist der achte weltweite Streiktag.

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Fast auf den Tag genau vor zwei Jahren demonstrierten rund 2000 Menschen aus der Region in Heilbronn für mehr Klimagerechtigkeit.

Foto: Archiv/Andreas Veigel

Das Motto des Klimastreiks von "Fridays for Future" (FFF) scheint simpel: #AlleFürsKlima. Bereits in den vergangenen beiden Jahren lag der Termin für den globalen Streiktag Ende September - dieses Mal fällt er für die Klimaaktivisten in Deutschland unmittelbar vor die Bundestagswahl am Sonntag.

Im Gespräch erklärt die FFF-Bundessprecherin Pauline Brünger, warum sie den Wahlkampf als heuchlerisch empfindet und es gerecht wäre, das Wahlalter auch auf Bundesebene auf 16 Jahre herabzusetzen.

 

 

Frau Brünger, wo gehen Sie morgen beim weltweiten Klimastreik auf die Straße?

Pauline Brünger: In meiner Heimatstadt Köln.

 

Wissen Sie, der wievielte Klimastreik es für Sie ist?

Brünger: Ich weiß es wirklich nicht. Aber ich bin das erste Mal im Dezember 2018 statt in die Schule auf die Straße gegangen. Das ist jetzt zweieinhalb Jahre her, also bin ich auf jeden Fall in den Hunderten.

 

Wie fing es bei Ihnen an?

Brünger: Für mich war damals unverständlich, wie wir einerseits sicher wissen können, dass wir unsere Lebensgrundlagen zerstören. Dass wir ganz klar wissen, dass Menschen in der Gegenwart, aber auch besonders in der Zukunft, massiv in Gefahr geraten, und andererseits weiter Politik betreiben, die genau das verstärkt. Für mich war "Fridays for Future" eine total logische Konsequenz: Wenn die Entscheidungsträger nichts machen, dann muss ich alles tun, was in meiner Macht steht, damit sich etwas ändert.

 

Wofür gehen Sie am Freitag auf die Straße?

Brünger: Es hat seit 2018 eine desaströse Entwicklung gegeben. Die Parteien schreiben den Klimaschutz zwar groß auf ihre Plakate und nennen ihn in ihren Reden als Ziel, am Ende stehen wir jetzt aber doch vor dieser Bundestagswahl, vor der letzten Legislaturperiode, die noch die nötigen Maßnahmen gegen die Klimakrise einleiten kann, und keine einzige Partei hat einen Plan vorgelegt, wie sie dieser Krise begegnen möchte. Das ist eine Verantwortungsverweigerung. Das ist etwas, das mich und andere Menschen unfassbar wütend macht. Der morgige Klimastreik ist zudem eine Lehre aus den zurückliegenden Jahren. Wir wissen, es kann sich etwas bewegen, aber immer nur dann, wenn Menschen das auf den Straßen aktiv einfordern.

 

Wie bewerten Sie aus Sicht von "Fridays for Future" den aktuellen Wahlkampf?

Brünger: Wir erleben einen unfassbar verlogenen Diskurs. Die Parteien arbeiten sich aneinander ab - wer denn jetzt das beste Klimaprogramm hat, mit wem wir am besten in die Zukunft starten können. Die Wahrheit dahinter ist: Alle diese Parteien - in unterschiedlichen katastrophalen Schweregraden - verfeuern weiterhin unsere Zukunft und Gegenwart. Ich kann mir nach diesem Sommer, in dem wir Katastrophen wie Hochwasser oder Hitzewellen unmittelbar erlebt haben, nicht erklären, wie man daraus keine Konsequenzen ziehen kann.

 

Sollte das Thema Klimaschutz vielleicht ganz anders diskutiert werden?

Brünger: Ich glaube, ganz vielen Menschen ist noch nicht bewusst, wie groß das Problem Klimakrise wirklich ist. Eine große Verantwortung dafür tragen oft ebenfalls Politikerinnen und Politiker, die gerade im Wahlkampf immer wieder Themen gegeneinander ausspielen. Dabei wird ausgeblendet, dass die Klimakrise an sich ja eine zu tiefst ungerechte Krise ist. Ganz praktisch gedacht: Die Menschen, die nicht in klimatisierten Büros arbeiten können, die Jobs draußen auf der Baustelle haben, die werden die Hitzewellen am stärksten zu spüren bekommen. Oder ärmere Menschen, die an viel befahrenen Straßen leben, die nachts nicht mal das Fenster öffnen können, um etwas Abkühlung zu bekommen, weil der Straßenlärm so laut ist.

 

Gerade am Anfang wurde "Fridays for Future" als Schule schwänzen belächelt. Und es gab den Vorwurf: Bei McDonalds essen und bei Primark shoppen und danach für eine bessere Welt demonstrieren. Die Kritik ist berechtigt, oder?

Brünger: Meiner Erfahrung nach nicht. Ich halte aber auch nichts davon, die ganze Zeit Leuten zu sagen, sie dürften keinen Klimaschutz politisch einfordern, weil sie persönlich noch nicht perfekt und klimaneutral leben. Das ist in unserem aktuellen System ja auch gar nicht möglich. Alles ist eigentlich gerade darauf ausgelegt, dass wir mit unserem Handeln das Klima zerstören. Und trotzdem haben wir alle ein Anrecht darauf, dass Politik gemacht wird, die unsere Lebensgrundlagen und unser Leben schützt. Deshalb ist mir wichtig zu betonen, dass jeder auf unsere Demonstrationen kommen darf.

 

Sollten Senioren Jugendlichen bei der Bundestagswahl am Sonntag ihre Stimme schenken, wie es der Journalist Günther Wessel kürzlich in einem Beitrag des Deutschlandfunks vorschlug?

Brünger: Wie man das jetzt nennt, darüber kann man diskutieren. Wichtig ist, dass auch ältere Menschen eine große Verantwortung haben. Besonders bei dieser Wahl, weil sie so einen großen Anteil an den Stimmberechtigten ausmachen. Gleichzeitig sind sie besonders von zum Beispiel den Hitzewellen betroffen.

 

Wären Sie für das Wahlrecht ab 16 Jahren?

Brünger: Die Absenkung des Wahlalters wäre eine ganz, ganz wichtige Maßnahme. Damit die Stimmen von jungen Menschen auch praktisch in dieser Gleichung von Politik überhaupt vorkommen. Das passiert ja gerade nicht. Und gleichzeitig ist es auch so, dass ganz viele Menschen, die es treffen wird, noch nicht mal 16 Jahre alt sind. Deshalb brauchen wir eine ganz große Solidarität in unserer Gesellschaft. Es geht darum, anzuerkennen, dass wir vor einer Krise stehen, die wir aber gemeinsam packen können. Und darum, Demokratie als mehr als nur die Beteiligung bei Wahlen anzusehen. Deswegen gehen wir ja diesen Freitag auch auf die Straße.

 

Zur Person
Geboren wurde Pauline Brünger 2001 in Köln. Noch während ihrer Schulzeit engagierte sich die heute 19-Jährige bei der Umweltorganisation Greenpeace sowie der Kölner Ortsgruppe von "Fridays for Future". Nach ihrem Abitur studiert die Klimaaktivistin seit 2020 den interdisziplinären Studiengang "Philosophy, Politics and Economics" an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Seit einigen Monaten hat Brünger die Funktion einer Sprecherin von "FFF" übernommen und war schon in zahlreichen TV-Talkshows.


Milva Klöppel

Milva-Katharina Klöppel

Autorin

Aus dem hohen Norden kam Milva-Katharina Klöppel 2007 zur Heilbronner Stimme. Nach ihrem Volontariat übernahm die Hamburgerin den Bereich Jugend. 2019 entwickelte Klöppel zusätzlich das regionale Umweltmagazin Reiner. Seit 2021 ist sie nun wesentlich für Nachhaltigkeitsthemen sowie das junge Projekt "Zeitung in der Schule" (Zisch) des Medienhauses zuständig.

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