Fahrradgeschäfte am Limit in der Corona-Krise

Region  Der Radverkaufsboom bringt Mitarbeiter derzeit an die Belastungsgrenze. Auch Werkstätten sind überbucht. Eine Firma in Lauffen schließt sogar für eine Woche, um den Angestellten nach extremen Wochen eine Pause zu geben.

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Volles Haus, ein Berg an Aufträgen, freie Termine für Kunden erst wieder ab August: Simon Ölke in der Reperaturwerkstatt der Bike-Arena Bender.

Fotos: Andreas Veigel

Es ist ein Boom, der eigentlich positiv ist, aber heftige Auswirkungen hat. Mit der Corona-Krise ist die Lust der Menschen aufs Fahrradfahren drastisch nach oben geschnellt. Händler melden einen extremen Andrang, wer einen Termin für eine Reparatur will, muss teilweise Wochen warten. Mitarbeiter in den Fahrradgeschäften haben Berge an Aufträgen.

"Das ist vollkommener Wahnsinn, wir können der Nachfrage kaum noch folgen. Wir sind physisch und psychisch am Ende", sagte Ernst Bender in der Bike-Arena Bender am Freitag vor Pfingsten. Die zwei freien Tage am Pfingstwochenende seien jetzt absolut notwendig.

Ein Grund: Statt Urlaub im Sommer Investition in Fahrräder

So einen Andrang hat Bender noch nicht erlebt. Vor allem auf E-Bikes legten die Kunden bei neuen Rädern ihren Fokus. In der Werkstatt in Heilbronn gibt es erst im August wieder freie Termine. Vor dem Geschäft hat die Firma 20 Warteplätze eingerichtet. Wenn ein Kunde sich ein Rad ausgesucht habe, müsse er nun für einen letzten Check rund drei Tage warten. Früher sei das noch sofort machbar gewesen. "Deutschland ist ein besonderes Fahrradland geworden", findet Bender. Jetzt müsse auch die Politik diese Entwicklung begleiten. Es wäre zum Beispiel Zeit, dass man in der Heilbronner Allee endlich eine Radspur anlege.

Der Grund für diesen extremen Boom? Bender berichtet, dass viele Kunden jetzt mit dem Rad zur Arbeit fahren wollten, Arbeitgeber ein Elektro-Rad finanziell unterstützten. Gudrun Zühlke, Vorsitzende im ADFC-Landesverband, führt zudem das besondere Erlebnis in autoarmen Straßen in der Corona-Krise ins Feld. "Die Menschen fahren jetzt gerne Rad." Manche stiegen um, weil sie wegen Corona ungern in Bus und Bahn steigen wollten. Andere wiederum lassen nach Einschätzung des Deutschen Zweirad-Verbands den Urlaub im Ausland ausfallen, investieren in ein Fahrrad und wollen im Sommer Tagesausflüge machen.

 

Konkrete Zahlen über Steigerungsraten im Verkauf hat der Verband mit Sitz in Bielefeld noch nicht. Aber: Ein Sprecher bestätigt einen bundesweiten Boom und dass vielerorts Händler an der Belastungsgrenze seien. Und: Es gebe teilweise schon Liefer-Engpässe bei den Herstellern. Für den Verbandssprecher wäre es vernünftig, mit diesem Boom auch ein stärkeres Augenmerk auf Radinfrastruktur und Radwege zu legen. Es sollte jetzt nicht so sein, "dass nur das Auto im Vordergrund steht".

Erstmals strenge Richtlinien für die Annahme von Rädern zur Reparatur

Fahrradgeschäfte am Limit

Anstehen in Wartequadraten vor dem Gebäude: Bei Fahrradgeschäften wie der Bike-Arena Bender ist die Nachfrage derzeit extrem groß.

In vielen Fahrradgeschäften schaffen es Mitarbeiter kaum noch ans Telefon, haben Anrufe bei der Recherche ergeben. "Unsere Kapazitäten sind mehr als ausgeschöpft. Insbesondere in der Werkstatt sind wir vollkommen überlastet, haben erhebliche Wartezeiten", teilt die Firma Zweirad Probst in Lauffen auf ihrer Internetseite mit. Vom 8. bis 13. Juni wird der Betrieb jetzt geschlossen - um wieder Land zu sehen.

"Die Mitarbeiter brauchen eine Woche Ruhe. Es geht von morgens bis abends rund, alle sind überlastet", sieht Geschäftsführer Berthold Probst eine Verantwortung für die Angestellten. Der Boom bei Rädern halte seit Jahren an, jetzt, durch die extreme Nachfrage in der Corona-Zeit, sei man am Limit. Auch er erlebt einen starken Boom bei den E-Bikes, verkauft aber auch normale Tourenräder gut. In der Werkstatt liege die Wartezeit bei sechs Wochen. Und jetzt habe man erstmals entscheiden müssen, dass man nur noch Räder zur Reparatur annehme, die auch im eigenen Haus gekauft worden sind. Inzwischen liege die Firma nach dem rund vierwöchigen Corona-Lockdown bei den Verkaufszahlen wieder im grünen Bereich.

Kritik an eigener Branche: Nur eine Spezialschule im ganzen Land

Die Umsätze findet Prost natürlich "toll", die hohe Belastung zwinge indes zu den aktuellen Schritten. Fachpersonal zu bekommen, um aufzustocken, ist in der Branche ein Problem. Es gebe bei Freiburg eine einzige Schule für Zweiradmechatroniker im Land, kritisiert Probst. Das sei für eine boomende Branche "viel zu wenig".


Carsten Friese

Carsten Friese

Autor

Mit der Einführung des Euro kam Carsten Friese im Januar 2002 zur Heilbronner Stimme. Seine Schwerpunkte sind Verkehr, Gericht- und Polizeithemen, Wetter/Klima, Umweltthemen, Soziales, Heilbronner Stadtteile. Zudem leitet er das Thementeam Wissen.   

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