Experten raten zu höherem Tempo bei Impfungen

Heilbronn  Die Ständige Impfkommission empfiehlt, bei dem in Studien getesteten Verfahren zu bleiben und die zweite Impfung nicht hinauszuzögern, wie das in Großbritannien praktiziert wird.

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Spritzen gefüllt mit dem Covid-19-Impfstoff von Pfizer/Biontech, liegen in einem Pflegeheim in Sachsen bereit.

Foto: dpa

Impfstoffe gegen Covid-19 sind derzeit knapp, gleichzeitig gilt die rasche, breite Impfung der Bevölkerung als entscheidendes Mittel heraus aus der Pandemie. Deshalb werden eine Reihe von Möglichkeiten diskutiert, um die verfügbaren Impfstoffmengen möglichst effizient einzusetzen. Ein Überblick.

 

Ist es sinnvoll, die zweite Impfdosis zeitlich nach hinten zu schieben, um zunächst mehr Menschen mit der ersten Dosis versorgen zu können? In Großbritannien wird das so praktiziert.

Die Ständige Impfkommission (Stiko) beim Robert-Koch-Institut rät dazu, dass die Impfungen gegen Covid-19 so erfolgen, wie sie in den Zulassungsstudien untersucht wurden. Damit sollte die zweite Dosis in einem Mindestabstand von 21 oder 28 Tagen – je nach Präparat – und nicht später als 42 Tage nach der ersten Dosis verabreicht werden.

 

Was ist der Grund dafür?

Stiko-Chef Thomas Mertens sagt dazu in einer Online-Konferenz des Science Media Centre: "Wir sollten nicht einfach Dinge ändern, ohne zu wissen, welche Auswirkungen das hat." Experten fürchten, dass es durch das Hinauszögern der zweiten Impfstoff-Gabe sogar zu neuen Virus-Selektionen kommen könnte, die sich gegen die verfügbaren Impfstoffe wenden könnten. Florian Krammer vom Mount Sinai Hospital in New York rät, gerade in Großbritannien, wo sich das Virus so stark verbreitet habe, "sollten die Intervalle zwischen den Impfungen so kurz wie möglich sein."

 

In Berlin sollen Impfwillige laut Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD) wählen können, welchen Impfstoff sie bekommen. Wie sinnvoll ist das?

Thomas Mertens hält das weder für sinnvoll noch für machbar. Beide in der EU zugelassenen Impfstoffe von Biontech/Pfizer und von Moderna seien von der Stiko "als gleichwertig eingestuft bei Wirksamkeit und Sicherheit" – mit Daten, die sich minimal unterschieden. Das gelte auch für unterschiedliche Altersgruppen. Logistisch sei es zudem gar nicht möglich, diese Auswahl vornehmen zu lassen. Auch Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) bekräftigte gestern, das sei "im Moment und auch absehbar" aufgrund der Knappheit nicht möglich.

 

Was ist von der Kritik am schleppenden Anlauf der Impfungen zu halten?

Ein Großteil der Kritik sei "einfach Unsinn", sagt Thomas Mertens. Es sei "ein wahnsinniger politischer Erfolg, dass das alles so rasch geklappt hat und keine Konkurrenz um Impfstoffe in der EU aufgekommen ist". Auch sei ein Risikosplitting auf mehrere Hersteller "absolut sinnvoll" gewesen, denn vor einigen Monaten habe man nicht absehen können, welche Impfstoffe sich letztlich durchsetzen. Florian Krammer rät dazu, dass jetzt "so schnell wie möglich verimpft wird", auch an Wochenenden. Seine Sorge ist, dass durch das britische Vorgehen die Impfstrategie weltweit in Gefahr geraten könnte, wenn dadurch neue Virus-Selektionen entstehen.

 


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Valerie Blass

Valerie Blass

Autorin

Valerie Blass ist Autorin im Politik-Team. Ihr besonderes Interesse gilt Themen aus dem Bereich Gesundheit.

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