Ex-Bundespräsident Joachim Gauck zu Besuch in Heilbronn

Heilbronn  Am Donnerstag stattete der ehemalige Bundespräsident Joachim Gauck Heilbronn und Oberbürgermeister Harry Mergel einen Besuch ab. Am Abend hielt der 81-Jährige eine Lesung bei der Volkshochschule in der Kilianskirche.

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Im Beisein von Oberbürgermeister Harry Mergel und Käthchen Daphne Schietinger trug sich Gauck ins Goldene Buch der Stadt ein. Foto: Andreas Veigel

Die Käthchenstadt durfte gestern einen prominenten Gast begrüßen: Der frühere Bundespräsident Joachim Gauck stattete Heilbronn und Oberbürgermeister Harry Mergel einen Besuch ab. Im Beisein der Bürgermeister Agnes Christner und Martin Diepgen trug sich Joachim Gauck im Rathaus ins Goldene Buch der Stadt ein.

Es war der erste Besuch des 81-Jährigen, der von 2012 bis 2017 Bundespräsident war. „Immer wenn ich im Südwesten unterwegs bin, habe ich das Gefühl, ich bin in einem gesegneten Teil Deutschlands“, sagte er. Die Wirtschaft sei stark und die Bürger engagiert. Man merke, dass „viel geschafft und geleistet“ werde.

Durchs Netz fegt eine Welle "bösartiger Intoleranz", findet Joachim Gauck

Am Abend hielt Joachim Gauck auf Einladung der Volkshochschule Heilbronn eine Lesung zum Thema „Toleranz: einfach schwer“ aus seinem gleichnamigen Buch. Diese fand wegen der schlechten Wettervorhersage kurzfristig in der Kilianskirche und nicht wie geplant im Deutschhof statt.  „Es ist gut, wieder hier zu sein, es ist gut, euch zu sehen“, sagte Mergel zur Begrüßung in der unter Einhaltung des Corona-Abstands vollbesetzten Kirche.

„Ich hatte mir nicht vorgenommen, über Toleranz zu schreiben“, erklärt Gauck zu Beginn seiner Lesung. Doch es habe ihn erschreckt, wie viele Menschen heutzutage Fakten leugnen und Experten geringschätzen. Durchs Netz und über die Straßen rolle jeden Tag eine Welle „bösartiger Intoleranz“, meint Gauck. „Etwas hat sich tiefgreifend verändert in unserem Land.“

Auftakt zu "Heilbronn ist Kult"

Die Lesung des ehemaligen Bundespräsidenten Joachim Gauck ist der Auftakt der zweiten Auflage der Veranstaltungsreihe „Heilbronn ist Kult“. Unter diesem Motto finden während der Sommermonate bis September verschiedene Veranstaltungen unter freiem Himmel statt, wie etwa Lesungen, Theatervorstellungen, Konzerte und die Wissenspause. Die Veranstaltungen finden immer jeweils im Deutschhof, auf der Inselspitze oder in der Aula des Bildungscampus statt.

Ehemalige SED-Mitglieder sorgen bei Gauck für ein Erwachen

Wo anerzogener Respekt und Toleranz enden, habe er schon als Kind in der DDR erfahren. Es sei für ihn immer klar gewesen, das Unrecht der SED-Diktatur abzulehnen und in keine ihrer Organisationen einzutreten. „Den Intoleranten begegnete man mit Intoleranz.“

Erweckend war für Gauck, als er für Bündnis 90 in die erste freie Volkskammer gewählt wurde und dort ehemalige SED-Mitglieder saßen. „Mein Bauch rebellierte“, erzählt der 81-Jährige. Doch er habe gelernt, das zu akzeptieren. „Du magst deine Gründe haben, sie nicht zu mögen. Aber sie sind mit Recht da.“

Die AfD zu hassen, heißt nicht, sie verbieten zu wollen

Immer wieder habe es Situationen gegeben, in denen er sich an andere Menschen, deren Kultur, Essgewohnheiten und Glaubensformen habe gewöhnen müssen. Das bedeute nicht, dass man alles mögen müsste. „Ich hasse dieses Nazitum“, sagt Gauck. „Und es war für mich schwer begreiflich, warum das Bundesverfassungsgericht die NPD nicht verboten hat.“ Auch die AfD hält der frühere evangelische Pastor für verzichtbar. „Weil sie sich nicht abgrenzen von den Verbrechen der Nationalsozialisten.“

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Toleranz ist oft unerträglich, aber immer wichtig, erklärt Joachim Gauck bei seiner Lesung in der Kilianskirche. Foto: Andreas Veigel

Deshalb wolle er die Partei aber nicht verbieten. Stattdessen brauche es „kämpferische Toleranz“, findet Gauck, als wolle man einen Gegner im Sport besiegen. „Toleranz kann sich auch im Streit äußern.“ Wichtig sei, Fakten und Argumente vorzubringen, statt sofort ein moralisches Urteil zu fällen.

Wo Freiheit vernichtet werden soll, muss man intolerant sein

Es gelte jedoch, dort intolerant zu sein, „wo die Freiheit vernichtet werden soll“, sagt Gauck. Zwangsehen, Homophobie oder Ehrenmorde müssten „in aller Deutlichkeit kritisiert“ werden. „Unter uns leben immer auch böse Menschen.“ Wer dieses destruktive Potenzial in der Bevölkerung leugne, irre sich.

Gauck schließt mit einem Plädoyer für seine Idee von Toleranz. Sie sei „gut für das Individuum und unerlässlich für die Gesellschaft“. Toleranz sei ein Ausdruck von Reife und ein „Gebot der politischen Vernunft“, vor allem, wenn man sich Neuem stellt. „Jeder Demokrat sollte deshalb den Raum schützen, in dem Toleranz gelebt wird.“

Zur Person

Joachim Gauck war von März 2012 bis März 2017 der elfte Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland. Der 81-Jährige aus Rostock war der erste parteilose Politiker, der dieses Amt innehatte und ab 2015 auch der älteste Bundespräsident seit Theodor Heuss.

Joachim Gauck ist evangelisch-lutherischer Pfarrer und arbeitete zu DDR-Zeiten für die Landeskirche Mecklenburg. 1989 initiiert er einen kirchlichen Widerstand gegen die SED-Diktatur.

1990 wird Gauck kurzzeitig Abgeordneter der Volkskammer für Bündnis 90 und Vorsitzender des Ausschusses zur Kontrolle der Auflösung des Ministeriums für Staatssicherheit. Zwischen 1990 und 2000 ist der Rostocker außerdem Sonderbeauftragter der Stasi-Unterlagenbehörde.

Nachdem er 2010 noch unterliegt, wird Gauck 2012 zum Bundespräsidenten gewählt. 2017 tritt Gauck aus Altersgründen nicht für eine zweite Amtszeit an, sein Nachfolger wird der SPD-Politiker Frank-Walter Steinmeier. Gauck hat vier Kinder und lebt mit seiner Partnerin Daniela Schadt zusammen.

 

 


Christoph Donauer

Christoph Donauer

Autor

Christoph Donauer kümmert sich bei der Stimme um alles, was in Heilbronn, Deutschland und der Welt los ist. Seit 2019 ist er Redakteur für Politik und Wirtschaft. Davor war er als Journalist in Berlin, Brüssel, Dänemark und Stuttgart unterwegs.

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