Heilbronner Eltern fordern beim Thema Schulöffnungen (Planungs-)Sicherheit

Region  Nach dem Beschluss der Kultusminister vom Montag sollen die Schulen voraussichtlich länger geschlossen bleiben. Der Heilbronner Gesamtelternbeirat wendet sich mit offenem Brief an politische Entscheidungsträger. Am Dienstag soll über die Schulöffnungen endgültig entschieden werden.

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Alle am Schulleben Beteiligten sehnen sich nach Planungssicherheit. Trotzdem warnen die Eltern der Region in einem offenen Brief an die Entscheider davor, die Schulen und Kitas vorschnell zu öffnen und damit die Pandemie weiter zu befeuern.

Foto: dpa

Viele Schülerinnen und Schüler müssen sich zur Eindämmung der Corona-Pandemie voraussichtlich länger als bisher geplant auf Fernunterricht einstellen. Allerdings soll es stufenweise Öffnungen für untere Klassen und Abschlussklassen geben. Das beschlossen die Kultusminister der Länder am Montag in einer Schaltkonferenz, wie die Kultusministerkonferenz (KMK) in Berlin mitteilte. Der Schul-Lockdown war von Bund und Ländern Mitte Dezember als Teil des Herunterfahrens des gesamten öffentlichen Lebens ursprünglich bis Ende dieser Woche vereinbart worden.

Die Wiederaufnahme des Schulbetriebs sei in Stufen möglich - «sollte es die Situation in den einzelnen Ländern zulassen». Zuerst sollten dann die Schülerinnen und Schüler der Jahrgangsstufen 1 bis 6 wieder Präsenzunterricht haben und die weiteren Jahrgänge im Distanzunterricht bleiben. Durch eine Halbierung der Klassen solle in einer zweiten Stufe dann ergänzend Wechselunterricht für Schülerinnen und Schüler höherer Klassen ermöglicht werden. Allerdings sollte die Videokonferenz der Kultusminister vor allem der Vorbereitungen erneuter Beratungen der Regierungschefs der Länder mit Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) an diesem Dienstag dienen. Einzelne Länder waren mit eigenen, teils strengeren Ansagen für die Schulen vorgeprescht.

Ursprünglich war ein Lockdown für die Schulen bis Ende dieser Woche vorgesehen. Kurz vor den Beratungen von Bund und Ländern am Dienstag spricht sich allerdings die Mehrheit der Ministerpräsidenten für eine Verlängerung des Lockdowns bis Ende Januar aus. Sorge bereitet insbesondere eine Mutation des Coronavirus. 

Was der Heilbronner Gesamtelternbeirat in einem offenen Brief von der Politik fordert

Der Gesamtelternbeirat Heilbronn hat sich unterdessen mit einem vielseitigen offenen Brief an Ministerpräsident Winfried Kretschmann, an die Finanz- und Kultusministerinnen und den Sozialminister gewandt. Die Eltern fordern dringend Verbesserungen und ein Ende der Dauerdiskussionen an den Schulen. Die Eltern fordern dringlich eine klare, einheitliche Regelung.

In dem Brief betonen die Eltern: Sämtliche Regelungen zum Verhalten in der Pandemie und im Infektionsfall müssten in leichter Sprache immer und immer wieder in die Bevölkerung gegeben werden, auch in anderen Muttersprachen. Dazu gehörten auch die verbrieften Rechte der Arbeitnehmer nach dem Infektionsschutzgesetz. "Wir erleben immer wieder, dass gerade nicht deutschsprachige Eltern nicht über Lohnersatz im Rahmen des IfSG informiert sind und damit in prekäre Situationen geraten", erklärt Gesamtelternbeiratssprecher Christoph Eberlein im Namen aller Unterzeichner.

Eltern wissen nicht Bescheid

So sei es vorgekommen, dass Eltern mit Kindern im Grundschulalter ihrer Aufsicht im Quarantänefall des Kindes nicht nachkamen, da sie die Infos dazu nicht hatten oder nicht verstehen konnten. Das werde teilweise ganz bewusst von Arbeitgebern ausgenutzt oder unbewusst nicht kommuniziert. "Hier besteht die Gefahr, dass Eltern der Quarantäne entweder nicht nachkommen oder Grundschüler sich selbst überlassen bleiben", heißt es in dem Brief.

Auf Wissenschaft hören

Die Elternbeiräte fordern konkret, nach RKI-Empfehlungen zu handeln. Kinder und Lehrkräfte dürften sich nicht erst anstecken oder die Infektion in die Familien tragen. Der Unterricht müsse den örtlichen Inzidenzen angepasst sein und mit regelmäßigen Tests begleitet werden. Wo die Inzidenz es zulasse, solle in Präsenz unterrichtet werden, wenn nötig auch im Wechselunterricht oder hybrid. Studien zur Kindswohlgefährdung der TU München hätten gezeigt, dass durch teilweisen Präsenzunterricht und Notbetreuung die Kindswohlgefährdung und familiäre Belastung reduziert werden könne.

Neue Konzepte testen

In diesem Zusammenhang beklagt Eberlein, dass vor Weihnachten die Tage nicht genutzt wurden, um die Unterrichtskonzepte zu testen. Andere Länder hätten das getan und die Ferien nun genutzt, um wo nötig nachzujustieren. Baden-Württemberg habe diese Zeit verstreichen lassen.

Zu den konkreten Forderungen zählen weiter: In Städten mit Hochschul-Ausstattung sollten die dort verfügbaren Gebäude und Infrastruktur für Unterricht genutzt werden. Bei infrastrukturellen Mängeln müsse die Regierung die Schulträger sofort personell und finanziell unterstützen. Schulen müssten einen unbürokratischen IT-Support erhalten.

Unterstützung für Kommunen

Vor dem Hintergrund zu erwartender Einbrüche bei den kommunalen Haushalten dürften die Kommunen nicht alleingelassen werden. Durch Mindereinnahmen seien Städte und Gemeinden zum Sparen gezwungen. Schon jetzt habe die Pandemie eklatante Mängel gezeigt, die die Bildungsgerechtigkeit belasten. Schüler, die Zuhause nicht auf eine digitale Infrastruktur zurückgreifen können, benötigen neben den Endgeräten auch mobile Datenpakete, was bereits seit Monaten diskutiert werde. Da die Schere der Bildungsgerechtigkeit immer weiter auseinander gehe, sei hier dringender Handlungsbedarf.

Lernmittelfreiheit ausweiten

Digitale Endgeräte müssten in den Katalog der Mittel, welche unter die Lernmittelfreiheit fallen, mit aufgenommen werden, um gleiche Chancen für alle zu ermöglichen. Viele Schulleitungen und und Lehrer hätten die unterschiedlichste Konzepte für Fernlernunterricht, Wechselunterricht oder hybriden Unterricht gemacht. Diese Konzepte müssten ausgetauscht und den örtlichen Gegebenheiten angepasst werden.

Eberlein betont im Namen der Unterzeichnenden: Den Eltern seien die unterschiedlichen und auch widersprüchlichen Studien zur Infektiosität unter Kindern und Jugendlichen bekannt und bewusst. Ein großer Unterschied bestehe so zwischen den Aussagen der Eltern-Kind-Covid-19-Studie im Land Baden-Württemberg und der aktuelleren Studie aus Österreich.

Kinderärzte testen wenig

Die besage, dass Kinder an den Schulen durchaus eine Rolle für das Corona-Infektionsgeschehen haben. Die Eltern hier wüssten, dass symptomlose oder symptomarme Kinder seit langem nicht mehr umfänglich getestet werden, wenn ein Infektionsfall in der Schule auftritt. Im Idealfall werde die ganze Klasse in Quarantäne geschickt, üblicherweise berufe man sich aber darauf, dass die Mund-Nasen-Bedeckung eine ausreichende Barriere sei und es gehen nur einige Kinder in Quarantäne. Die Eltern schreiben: "Zudem ist der Testwillen bei Kinderärzten teilweise sehr zurückhaltend ausgeprägt." Sie seien erschüttert, wie Warnungen des RKI ungehört verhallen. "Bildung ist auch uns Eltern wichtig, muss aber im Einklang mit der Gesundheit aller am Schulleben Beteiligten stehen."

Die Einschränkungen in der Corona-Pandemie treffen nahezu jeden - doch wie wirken sie sich speziell auf Kinder aus? Darum geht es in diesem Dossier aus unseren Wochenthemen.


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Yvonne Tscherwitschke

Yvonne Tscherwitschke

stv. Redaktionsleiterin Hohenloher Zeitung

Yvonne Tscherwitschke ist seit 1994 bei der Heilbronner Stimme. Als gebürtige Hohenloherin weiß sie, welche Geschichten die Hohenloher interessieren.

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