Ein 1. Mai-Aufmarsch mit Handbremse

Heilbronn  Der DGB- Stadt- und Kreisverband fordert auf der Kundgebung mit Auflagen mehr Tarifverträge und eine gerechtere Verteilung der Pandemiekosten. In der Pflege, im Einzelhandel, bei der Bezahlung oder bei fehlenden Praxisstunden in der Ausbildung sehen Teilnehmer klare Defizite.

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Trotz Corona-Notbremse und hoher Inzidenzzahlen: Seine traditionelle Mai-Kundgebung hat der Stadt- und Kreisverband Heilbronn des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB) dieses Jahr nicht wieder ausfallen lassen. Gut 250 bis 300 Teilnehmer kamen am 1. Mai-Feiertag mit Masken auf den Heilbronner Kiliansplatz und hielten Abstand.

In abgespeckter Form, ohne Demozug, Grill mit Bratwürsten oder Getränkeausgabe, versammelten sich die Teilnehmer, um sich für mehr Arbeitnehmerrechte einzusetzen. "Katastrophale Arbeitsbedingungen" in der Fleischindustrie für ausländische Arbeitskräfte sowie eine Verweigerungshaltung von Caritas und auch Diakonie gegenüber einem Tarifvertrag für Altenpfleger kritisierte Silke Ortwein. Für die Vorsitzende im DGB-Stadt- und Kreisverband ist es wichtig, die Botschaften in der Öffentlichkeit und nicht in Internet-Veranstaltungen zu verbreiten. Sie war am Ende froh, dass alles gut funktioniert habe - auch mit den Corona-Auflagen. Die Polizei überwachte die Szenerie.

Hauptrednerin Hanna Binder fordert Vermögens- und Finanztransaktionssteuer

Hauptrednerin Hanna Binder kritisierte die Koalitionsverhandlungen von Grünen und CDU im Land, da Arbeit und Soziales eher Randthemen seien. Förderprogramme einzudampfen wäre für die stellvertretende Verdi-Landesbezirksleiterin ein "fatales Signal". Einen "krassen Personalmangel" sieht sie in Kindergärten und in der Pflege. Die Mitarbeiter machten einen extrem harten Knochenjob, "die Wertschätzung fehlt leider". Und auch im Handel forderte sie einen klaren Einsatz für Tarifverträge, um eine gerechte Bezahlung oder Mindestlöhne zu erreichen. An den Kosten der Pandemie müsse zudem die gesamte Gesellschaft beteiligt werden, "nicht nur die, die in Kurzarbeit sind". Für Binder ist eine Vermögens- oder eine Finanztransaktionssteuer ein Muss.

Einige Teilnehmer hielten handgeschriebene Plakate hoch. Verdi-Jugendsekretär Norbert Török kritisiert, dass für Azubis die praxisnahe Ausbildung "zu kurz kommt", da es an Präsenz oder guten digitalen Formaten fehle. Azubis dürften auch nicht als Springer in der Pflege ausgenutzt werden.

Ein Vorschlag: Schulklassen verkleinern und Lehramtsstudenten einsetzen

Rotfüchse-Betreuerin Fabienne (20) setzt sich für mehr Lehrer und kleinere Klassen in der Pandemie ein. Kinder kämen zum Teil nicht mehr mit. Lehramtsstudenten einzusetzen wäre für sie ein Weg. Auch für Beatrix Rügner vom Frauenverband Courage war es klar, am 1. Mai dabei zu sein. Frauen erhielten für gleiche Arbeit weniger Lohn. "Das ist ungerecht, immer noch."

Gewerkschafts-Klassiker darf nicht mitgesungen werden

Silke Ortwein interviewte die Betriebsratsvorsitzende eines Heilbronner H&M-Stores, die für einen Digitalisierungs-Tarifvertrag kämpft. Stellenabbau ist geplant. "Die Mitarbeiter haben Angst um ihren Job." Das Musiker-Duo Andi und Jo setzte mit der Melodie von "Brüder, zur Sonne, zur Freiheit" den Schlusspunkt. Mitsingen war wegen Corona nicht erlaubt.

 


Carsten Friese

Carsten Friese

Autor

Mit der Einführung des Euro kam Carsten Friese im Januar 2002 zur Heilbronner Stimme. Seine Schwerpunkte sind Verkehr, Gericht- und Polizeithemen, Wetter/Klima, Umweltthemen, Soziales, Heilbronner Stadtteile. Zudem leitet er das Thementeam Wissen.

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