Drei Frauen sprechen über ihre Erfahrungen im Corona-Lockdown

Region  Drei Frauen und ihre Geschichten: Die erste hält ihre Angst ohne Medikamente nicht mehr aus. Die zweite ist seit März in Kurzarbeit und kann nicht verstehen, warum Gastro- und Eventbranche erneut schließen mussten. Und die dritte konnte nur hoffen, noch rechtzeitig operiert zu werden.

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Wie betrifft Sie der "Lockdown light"? Das haben wir unsere Leser gefragt. Einige haben uns Erfahrungen geschickt. Drei Frauen waren bereit, ausführlicher mit uns zu sprechen. Hier erzählen sie ihre Geschichten:

Möchten auch Sie mit uns über Ihre Situation in der Corona-Krise sprechen? Dann schreiben Sie uns. Über das Formular am Textende können Sie Kontakt mit uns aufnehmen. 


Maria (29) aus Heilbronn ist seit Jahren schwer psychisch krank. Sie leidet unter anderem an Depressionen und komplexen posttraumatischen Belastungsstörungen.

Für Maria ist das Masketragen eine extreme psychische Belastung - besonders beim Busfahren, wo sie die Maske nicht zwischendurch absetzen und durchatmen kann. Symbolfoto: dpa

Für mich ist das Maske Tragen so schwierig, weil es mich an die Vergewaltigung früher erinnert. Die Maske gibt mir das Gefühl, keine Luft zu bekommen, das Gefühl, da ist eine Hand auf dem Mund. Dadurch, dass der Lockdown länger dauert und auch in Teilen der Innenstadt die Maske getragen werden muss, habe ich weniger die Möglichkeit, sie mal abzusetzen. Auch im Bus geht das nicht. Für mich ist es eine psychische Belastung, das auszuhalten. 

Mich mit einem Attest davon zu befreien, wäre aber noch schlimmer - wegen der Blicke und Kommentare anderer Menschen. Ich trage spezielle Masken aus Baumwolle oder Molton, die liegen nicht so eng am Mund an und ich kann besser atmen als mit den Einweg-Masken. Manchmal hilft auch ein Tropfen Duft auf den Stoff, dann riecht das gut. Ansonsten lenke ich mich auf Busfahrten mit Musikhören ab oder schreibe mit Freunden, bis die Busfahrt endlich vorbei ist. Ich laufe auch nicht durch die Innenstadt, wenn ich nicht muss, sondern nehme Umwege in Kauf, damit ich keine Maske tragen muss und freier atmen kann. 

"Der Lockdown ist eigentlich so, wie ein Depressiver schon seit Jahren lebt."

von Maria

Der Lockdown ist eigentlich so, wie ein Depressiver schon seit Jahren lebt. Da gibt es für mich gar keinen großen Unterschied. Es ist eher schwer, sich während Corona die Hilfen zu holen, und ich habe mehr Angst als sonst. Meine Angststörung feiert richtig Party. Das war in den letzten Jahren nicht so. Ich habe nie Antidepressiva oder angstlösende Medikamente nehmen müssen, bin jetzt aber freiwillig zur Psychiaterin gegangen und habe danach gefragt, weil ich es einfach nicht mehr aushalte und der Leidensdruck so hoch ist. Den Ängsten kann ich gar nicht mehr ausweichen. Da hab ich das Gefühl, ich bin durch Corona richtig zurückgefallen. 

Ich bin schon beim Einkaufen froh, wenn die Leute mir nicht total im Nacken hängen, und versuche, da halbwegs meinen Abstand hinzukriegen und nicht ständig Desinfektionsmittel zu benutzen, um nicht noch eine Zwangsstörung zu entwickeln. Ich glaube, da müssen viele psychisch kranke Menschen gerade aufpassen, dass sie nicht völlig durchdrehen.

Ohne meine Therapeuten fehlt mir der Grund, aufzustehen. Das ist der Stabilisator, den ich gerade brauche. Zu meiner Psychotherapeutin gehe ich einmal die Woche, zu meiner Ergotherapeutin für psychische Erkrankungen zwei- bis dreimal wöchentlich. Dazu kommt das ambulant betreute Wohnen, da kommt jemand zu Terminen mit, damit ich zum Beispiel keine Panikattacken im Wartezimmer bekomme, oder jemand begleitet mich beim Bus- und Bahnfahren. Das ist mein Sicherheitsnetz. Am Wochenende, wenn die Therapeuten nicht da sind und alles zusammenbricht, bin ich ganz froh, wenn ich auf die Telefonseelsorge zurückgreifen kann.

"Ich fühle mich machtlos, weil ich nicht beeinflussen kann, wie sich die anderen Menschen benehmen."

von Maria

Mir fehlt die Aufgabe, das Gefühl, gebraucht zu werden. Im Frühjahr habe ich noch als Erzieherin im Kindergarten gearbeitet. Seit Mitte April bin ich arbeitssuchend, aber gerade ganz froh, dass ich mich den Ängsten bei der Arbeit nicht auch noch stellen muss. Denn Erzieher werden einfach nicht geschützt. 

Man kann Kindern aber auch keine Maske aufsetzen oder Gruppen halbieren, es fehlt ja auch Personal. Jetzt, wo alle Kinder wieder in der Kita sind, wüsste ich nicht, ab wann die Angststörung so kicken würde, dass ich nicht mehr arbeiten könnte. Dabei liebe ich meinen Job, ich brauche meine Arbeit auch zum Leben. Außerdem fehlt mir das Geld. Als Erzieherin ist das nicht viel, aber besser als Arbeitslosengeld. 

Je länger die Corona-Krise dauert, desto schlimmer wird es. Da gibt es für mich keinen Gewöhnungseffekt. Ich fühle mich machtlos, weil ich nicht beeinflussen kann, wie sich die anderen Menschen benehmen. Ob sie sich an die Regeln halten, ob sie andere gefährden. Also hoffe ich auf einen Impfstoff. Ich würde mich dann auch impfen lassen, damit meine Angst wieder weniger wird.

Beratungsangebote für Menschen, die Hilfe brauchen

Psychologische Beratungsstelle der Caritas

Psychologische Beratungsstelle der Diakonie

Sozialpsychiatrischer Dienst des Weinsberger Hilfsvereins

Kinder- und Jugendtelefon des Kinderschutzbundes

Elterntelefon des Kinderschutzbundes

Sorgen-Tagebuch

 

 


Eine Eventmanagerin aus dem Landkreis Heilbronn ist seit März in Kurzarbeit, weil sämtliche Veranstaltungen abgesagt worden sind. 

Nachtleben
Zwischendurch durften Clubs öffnen, aber tanzen durfte trotzdem niemand. Die Eventmanagerin spricht von einem Minusgeschäft zwischen Frühjahr und Herbst. Symbolfoto: dpa

Ich bin als Eventmanagerin seit 1993 in einem Club tätig, der unter anderem große Firmenveranstaltungen wie Sommerfeste oder Weihnachtsfeiern durchführt.

Wir waren ausgebucht, das wäre ein mega Jahr geworden. Unsere Weihnachtstermine mit den Firmen standen schon fest. Dann kam der 13. März und die Absagen, bestimmt 20 bis 30, was nachvollziehbar ist. Erst haben wir die geplanten Termine trotz Absage freigehalten, falls sich noch etwas ändert, doch leider ist es dabei geblieben. Die Unternehmen setzen ihre Mitarbeiter ins Homeoffice, damit sie keinen Kontakt untereinander haben. Sie würden sich daher hüten, Firmenfeiern zu veranstalten. Das liegt auch nicht am Geld, sondern am Risiko: Man würde ja eine Firma lahmlegen, wenn etwas passiert. Uns geht dadurch ein Umsatzvolumen von gut einer Million Euro verloren. 

"Wir haben Hygienekonzepte und darauf geachtet, dass nicht getanzt wird, dass die Leute Abstand halten, dass sie Masken tragen."

von einer Eventmanagerin

Parallel fehlt uns natürlich noch das normale Clubgeschäft. Das haben wir zwischendurch versucht, im Rahmen der Vorgaben im Lounge- und Barbereich wieder etwas zu beleben. Wir haben Hygienekonzepte und darauf geachtet, dass nicht getanzt wird, dass die Leute Abstand halten, dass sie Masken tragen. Das wurde aber gar nicht angenommen, weil die Gäste das nicht verstanden haben, dass sie zwar in den Club kommen, aber nicht tanzen dürfen - zumal andere Clubs sich nicht daran gehalten haben. Dort konnte man tanzen, das hat leider keiner kontrolliert, also sind die Gäste dort hingegangen.

Für uns war das ein Minus-Geschäft, das wir gemacht haben, um bei unseren Gästen im Gespräch zu bleiben. Das war viel Aufwand für nichts, jeden Samstag, bis die Sperrzeit von 23 Uhr kam. Dann hat es sich erst recht nicht mehr gelohnt. 

"Ich glaube nicht, dass wir im Dezember wieder aufmachen dürfen."

von einer Eventmanagerin

Jetzt ist den November über geschlossen, ich glaube aber nicht, dass wir im Dezember aufmachen dürfen. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass private Feiern durch den Teil-Lockdown unterbunden werden. Warum lässt man dann nicht die Clubs, Bars und Restaurants offen, die wirklich durchorganisiert sind, was die Hygiene angeht, und die behördlich abgenommene leistungsstarke Frischluftanlagen haben? Das hätte man regeln können und auch hinbekommen.

Das Schwierige daran ist, dass kein Ende in Sicht ist. Ich bin alleinstehend, habe also kein zweites Gehalt, auf das ich mich stützen könnte, und bin seit 13. März in Kurzarbeit. Da auch ich noch Kreditverpflichtungen habe, habe ich zuerst mit meiner Bank Kontakt aufgenommen und gefragt, welche Möglichkeiten es gibt. Seither stunde ich die Tilgung, Zinsen muss ich aber bezahlen. Das macht es etwas leichter, aber weil ich nicht weiß, was passiert, schränke ich mich trotzdem komplett ein. Ich gehe seit Monaten weder Essen, irgendwo etwas trinken oder Kleidung kaufen. 

Es ist nicht nur der finanzielle Nachteil, mir fehlen auch soziale Kontakte zu Freunden. Das war im Sommer noch ein bisschen leichter. Jetzt gönne ich mir frische Luft, als Läuferin bin ich viel draußen. Ich will auch nicht jammern, ich bin gesund.

 


Tina Engelhardt (39) aus Dürrenzimmern hatte Angst, dass sie trotz des Verdachts auf Gebärmutterhalskrebs wegen steigenden Corona-Zahlen nicht wie geplant operiert werden kann.

Krankenhausbett
Als die Zahl der Corona-Fälle in der Region im Herbst wieder rasant anstieg, hatte Tina Engelhardt Angst, dass ihre Operation nicht wie geplant stattfinden kann. Foto: dpa

Es war ja beim ersten Lockdown schon so, dass manche Operationen und Untersuchungen verschoben wurden. Da ist auch eine Voruntersuchung verschoben worden, die wichtig für mich gewesen wäre. Denn im Februar hatte ich den ersten auffälligen Abstrich beim Frauenarzt und die Voruntersuchung im März sollte klären, ob ich wegen des Verdachts auf Gebärmutterhalskrebs operiert werden muss. Drei Wochen vorher haben sie mich angerufen und die Untersuchung verschoben. Die war dann letztendlich erst im September und danach war klar, dass ich schnell operiert werden muss. 

"Man kriegt im Prinzip gesagt, da wächst was in einem, was dringend raus muss, und dann können sie’s vielleicht doch nicht machen."

von Tina Engelhardt

Als die Zahlen im Stadt- und Landkreis wieder so gestiegen sind, habe ich Panik gehabt, dass sie zwei oder drei Tage vor der Operation am 6. November wieder anrufen und mir absagen. Es war ja klar, worauf das hinausläuft. Ich habe nur gedacht, hoffentlich geht es nicht so schnell und es reicht noch für meine Operation. In der Woche vor der OP war es wirklich furchtbar. Ich habe das Handy nicht mehr aus den Augen gelassen. Wenn sie angerufen hätten, hätte ich nicht gewusst, was ich machen soll. Man kriegt im Prinzip gesagt, da wächst was in einem, was dringend raus muss, und dann können sie’s vielleicht doch nicht machen.

Aber sie haben mich operiert und den Großteil des Gerbärmutterhalses herausgenommen. Dadurch, dass man keine Begleitperson mit reinnehmen darf, ist man komplett auf sich allein gestellt. Meine Mutter durfte mich nach der Vollnarkose abholen, sie durfte mich aber nicht hinbringen. Das muss man alles irgendwie allein bewältigen. Wenn man dann da alleine ist, ist das die Hölle. Es gibt so viele Faktoren, die einen eh extrem nervös machen, und dann ist man da allein. Für mich ist der zweite Lockdown definitiv schlimmer - wegen der Operation.

"Ich hätte mir vorher nie träumen lassen, was man da durchmacht, wenn man in so einer Situation auf sich allein gestellt ist."

von Tina Engelhardt

Ich kann zwar verstehen, dass die Kliniken aufpassen, dass niemand was einschleppt. Aber sobald es so unmenschlich wird, könnte man vielleicht Ausnahmen machen und ein bisschen mehr zulassen, damit man eine Begleitperson mitbringen darf. Ich hätte mir vorher nie träumen lassen, was man da durchmacht, wenn man in so einer Situation auf sich allein gestellt ist.

Beim Warten auf das Laborergebnis habe ich versucht, mich abzulenken. Ich hatte vor allem im Hinterkopf: Wenn es doch Krebszellen sind, wird behandelt? Bleiben die Krankenhäuser offen? Gibt’s ausreichend Kapazitäten? Wie wichtig stufen sie meine Behandlung ein? Das kann einem ja vorher keiner sagen, weil die Krankenhäuser situationsabhängig jede Woche neu entscheiden.

Am Montagabend kam endlich der Anruf mit dem erlösenden Ergebnis, es konnte alles im Guten entfernt werden. Weil es tatsächlich eine Krebsvorstufe war, bin ich jetzt sehr erleichtert.


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Lisa Reiff

Lisa Reiff

Onlineredakteurin

Als Onlineredakteurin kümmert sich Lisa Reiff seit 2018 darum, die Stimme-Leser auf allen digitalen Kanälen zu informieren. Am liebsten sammelt sie Leserfragen für die Serie "Noch Fragen?", weil daraus Geschichten entstehen, die die Menschen in der Region besonders interessieren.

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