Die Autozulieferindustrie verliert Zeit und Geld

Region  Nur weg vom Verbrennungsmotor: Das Bündnis für Transformation will den Strukturwandel hin zu mehr Elektromobilität konstruktiv begleiten und den Firmen helfen, Neues zu wagen.

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Schlechte Aussichten für Hersteller und Zulieferer: Die Absatzzahlen des klassischen Verbrenner-Automobils werden kaum noch auf das Niveau der Vor-Corona-Zeit zurückkehren.

Foto: Fly_and_Dive/stock.adobe.com

"Es ist eine dramatische Lage", fasst Steffen Hertwig als Koordinator des Bündnisses für Transformation zusammen. Die Corona-Krise wirke als "Brandbeschleuniger" in der Metall- und Elektroindustrie, fügt Mitstreiter Rudolf Luz an, und betont: "Mit der Pandemie ist die Aufgabenstellung unseres Bündnisses noch deutlicher geworden."

Die Initiative bereitet den Weg für einen Wissenstransfer für einen erfolgreichen Strukturwandel und bringt Weiterbildungsanbieter, Kapitalgeber, Wirtschaftsförderer und Berater zusammen.

Viele Jobs hängen am Verbrennungsmotor

Die Region Heilbronn-Franken und insbesondere der Landkreis Heilbronn hängen am Automobil - anteilig vielleicht nicht mehr so sehr wie noch vor 30 Jahren, doch noch immer arbeiten Tausende in dieser Branche. "Wir zählen - Audi ausgenommen - rund 22.500 Beschäftigte in Betrieben, die Umsatzanteile im Verbrennungsmotor haben", sagt der IG-Metall-Funktionär und stellvertretende Pro-Region-Vorsitzende Luz.

Die Notwendigkeit, angesichts des Trends zu mehr Elektromobilität strukturell umzusteuern, hatten die Bündnispartner schon vor Corona gesehen und die Initiative auf den Weg gebracht. Doch die Krise beschleunigt nun den Veränderungsprozess. "Wir werden in diesem Jahr insgesamt einen Einbruch der Wirtschaftsleistung von zehn Prozent erleben, aber in der Automobilindustrie wird es weiter nach unten gehen", sagt Luz. Abgeleitet von den Produktionszahlen dürfte das Minus bei um die 20 Prozent liegen, schätzt er.

Das Netzwerk wurde vorbereitet

Seit Anfang des Jahres sind der Neckarsulmer Oberbürgermeister Steffen Hertwig, Rudolf Luz und die Wirtschaftsförderer dabei, alle relevanten Akteure in der Region Heilbronn-Franken zusammenzubringen. Expertengespräche mit Vertretern der Wissenschaft, mit Arbeitsagentur, IHK und Handwerkskammern, mit Vertretern aus der Wirtschaft und der Kommunalpolitik haben stattgefunden. Jetzt gilt es, das Netzwerk produktiv zu nutzen.

Der Zeitpunkt ist immerhin insofern günstig, dass auch das Land die seit Monaten vorbereitete Landeslotsenstelle "Transformationswissen BW" für die Automobilindustrie geschaffen hat. Unternehmen können über diese Stelle nahezu kostenlose Beratung in Anspruch nehmen. Wirtschaftsförderer wie Patrick Dufour von der Wirtschaftsförderung Raum Heilbronn (WFG) können dafür eine erste Orientierung bieten.

Die Berater sollten dann herausfinden, welche Qualifizierungsmaßnahmen in einem Unternehmen sinnvoll erscheinen, wo die entscheidenden Weichen gestellt werden müssen. Auch die Ausbildung bereitet Dufour Sorgen. Zum einen gibt es das Problem, dass manche Firmen weniger Plätze anbieten. Zum anderen leide derzeit massiv das Image. "In der Vergangenheit waren Bewerber Mangelware, sodass wir dieses Jahr die Plätze noch besetzt bekamen." Unklar sei, wie es 2021 weitergeht.

Noch keine Entwarnung

"Die wirtschaftliche Situation wird sich im Herbst noch einmal verschärfen", prognostiziert Luz. Frühestens 2022 werde wohl das Vor-Corona-Niveau erreicht, schätzt er. So wird bei vielen Firmen das Geld knapp. "Eine zweite Welle wäre fatal", betont Luz. Sie würde härter treffen als die erste. Corona entziehe den Firmen bereits jetzt schon die liquiden Mittel, die eigentlich für eine aktive Gestaltung des Wandels notwendig wären. Das können auch staatliche Hilfen nur teilweise auffangen.

Wichtiger als Kredite ist für viele Firmen, das Eigenkapital zu stärken. In ausgewählten Fällen könnte dabei der Zukunftsfonds Heilbronn eine Rolle spielen."Wir finanzieren prinzipiell nur Startups in der Startphase und keine innovativen Projekte", sagt Zukunftsfonds-Geschäftsführer Thomas Villinger. In diesem Zusammenhang könnte sich ein mittelständisches Unternehmen durch die strategische Kooperation, Joint Venture oder Beteiligung an einem Startup neu aufstellen.

Ansprechpartner für die Firmen

Auf Initiative des Vereins Pro Region hat sich Anfang des Jahres das Bündnis für Transformation gegründet. Die Rolle des Koordinators hat Neckarsulms OB Steffen Hertwig, Stellvertreter ist Dr. Rudolf Luz, Funktionsbereichsleiter Betriebspolitik beim Vorstand der IG Metall und stellvertretender Vorsitzender von Pro Region. Als Ansprechpartner gelten neben diesen beiden auch Pro-Region-Geschäftsführer Ralph Wachter und die Wirtschaftsförderungsgesellschaften wie die WFG Heilbronn mit Dr. Patrick Dufour.


Kommentar "Nicht wegducken"

Von Christian Gleichauf

Die Unsicherheit in der Welt hat dramatisch zugenommen. Wo die Corona-Krise wirtschaftlich besonders unbarmherzig zuschlägt, wie in Teilen der Automobilindustrie, sind die Chefs von einst stolzen Firmen plötzlich nicht mehr Herr der Lage, können nur noch reagieren - und tun das permanent zu spät.

Stop. Das ist natürlich keine Beschreibung der aktuellen Zustände. Aber es ist die reale Gefahr, die in vielen Unternehmen jetzt droht. Die klassischen Werkzeuge, wie man auf Absatzrückgänge reagieren kann, funktionieren nicht mehr. Mit typisch deutschem Perfektionismus braucht man in diesem schnellen Wandel bei den Antriebstechniken, den Veränderungen bei Digitalisierung und Mobilitätsverhalten und der allgemeinen Kaufzurückhaltung in der Corona-Krise einfach zu viel Zeit. Gerade jetzt müssen neue Ideen schnell umgesetzt werden. Dazu braucht es mitunter neue Partner, das richtige Know-how. Darüber müssen Unternehmer jetzt reden, offen und ohne Scham. Wegducken hat jedenfalls gar keinen Zweck.

Allein gelassen werden die Firmen damit allerdings nicht. Pro Region und sein Bündnis für Transformation haben das erkannt und das Netzwerk vorbereitet, von dem viele profitieren können. Die unter Druck geratenen Unternehmen sind willkommen, diese Hilfestellung anzunehmen. Es zählt jedoch der Wille zur Veränderung. Am Ende wird für die Region und sogar den Wirtschaftsstandort Deutschland entscheidend sein, dass jeder Einzelne die Zeichen der Zeit erkannt hat.


Christian Gleichauf

Christian Gleichauf

Chefkorrespondent Wirtschaft

Christian Gleichauf schreibt über Menschen, Unternehmen und wirtschaftliche Entwicklungen in der Region Heilbronn-Franken. Seit dem Jahr 2000 ist der gebürtige Südbadener bei der Heilbronner Stimme.

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