Der ÖPNV steht vor schweren Zeiten

Region  Die Verkehrsbetriebe Heilbronn erwarten wegen der Corona-Krise einen Verlust in Millionenhöhe. Täglich nutzt nur noch ein Drittel der Fahrgäste das Angebot im ÖPNV. Erfreulich: Keiner der 160 Busfahrer ist an Corona erkrankt.

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Ein Flatterband schützt den Busfahrer vor zu aufdringlichen Fahrgästen. Vor der Kasse beim Fahrer soll demnächst noch eine Abtrennung montiert werden.

Foto: Mario Berger

Das Coronavirus steuert die Busunternehmen im öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) an den finanziellen Abgrund. "Wir bewegen uns gerade auf einen Verlust von zwei Millionen Euro zu, und das Ende ist nicht absehbar", sagt Tilo Elser, Geschäftsführer der Heilbronner Verkehrsbetriebe.

Nur noch 15.000 Fahrgäste am Tag

Zurzeit befördern die 61 Stadtbusse und die S-Bahnen im Stadtgebiet täglich nur noch etwa 15.000 Fahrgäste: "Das ist ein Drittel der früheren Fahrgastzahlen", bewertet Elser die aktuellen Ergebnisse. Als wesentliche Gründe nennt er den eingebrochenen Schülerverkehr, den Verkaufsrückgang bei Monatskarten und die allgemeine Zurückhaltung.

Verkehrsbetriebe fahren volles Programm

Der Verband baden-württembergischer Omnibusunternehmer geht davon aus, dass der Corona-Lockdown die Branche im Land rund 450 Millionen Euro kosten werde. Auf die Heilbronner Verkehrsbetriebe heruntergebrochen entspräche dies einem Verlust von rund zehn Millionen Euro bei vollem Betrieb: "Damit die Fahrgäste in Bus und Stadtbahn weit auseinander sitzen können, fahren wir unser gesamtes Programm", erklärt Elser. Bundesweit fehlen nach Verbandsangaben wegen Corona fünf bis sieben Milliarden Euro in den Kassen des öffentlichen Personennahverkehrs.

Betriebe fürchten um ihre Existenz

Dass einige Betriebe um ihre Existenz fürchten, ist angesichts dieser Entwicklung nicht verwunderlich: "Ich hoffe, dass am Ende alle 20 am Heilbronner, Hohenloher, Haller Nahverkehrsverbund beteiligten Unternehmen noch dabei sind", sagt Tilo Elser mit nachdenklicher Miene. Bewusst ist ihm dabei: "Ohne staatlichen Rettungsschirm wird es nicht gehen."

Das Land Baden-Württemberg hat am Mittwoch beschlossen, dem ÖPNV 200 Millionen Euro zur Verfügung zu stellen. Für Elser ein "sehr positives Signal". Jetzt sei aber auch der Bund gefragt, da die 200 Millionen Euro nicht ausreichten, die Einnahmenausfälle zu kompensieren.

Werden ÖPNV-Leistungen gestrichen?

Fahrpreiserhöhungen in großem Stil schließt Elser aus: "Wir werden im Herbst entscheiden, aber ich gehe davon aus, dass die Preise wie immer in den vergangenen Jahren moderat ausfallen werden." 2019 fuhren Bus und Bahn in Heilbronn ein Defizit von rund zehn Millionen Euro ein. Mit Blick auf Corona wagt Elser einen Blick in die Zukunft: "Wenn das Geld weniger wird, dann müssen wir schauen, ob alle Leistungen noch erbracht werden können."

"Toi, toi, toi", sagt Elser, klopft erleichtert auf Holz und erklärt: "Keiner unserer 160 Fahrer ist am Coronavirus erkrankt." Zwei bis drei Verdachtsfälle seien getestet worden, doch alles sei harmlos gewesen. Geschützt werden die Busfahrer nach wie vor durch ein weiß-rotes Flatterband, das hinter der ersten Sitzreihe angebracht ist. Zudem müssen Fahrgäste eine Gesichtsmaske tragen.

Abtrennungen sollen Vordereinstieg ermöglichen

Der Vordereinstieg soll in absehbarer Zeit wieder möglich sein. "Wir prüfen gerade Abtrennungen im Fahrerbereich, um den Fahrkartenverkauf wieder zu ermöglichen", sagt der Verkehrsbetriebe-Chef. Pro Bus rechnet Elser mit Kosten von 1000 bis 2000 Euro: "Es muss was Gescheites sein. Wir fahren doch nicht Boxauto." Mit Beginn des Normalbetriebs würden die Abtrennungen demontiert und eingelagert: "Man weiß ja nie, was noch kommt."

Lobend äußern sich die Verkehrsbetriebe über das Verhalten der Fahrgäste: "Sie arbeiten sehr gut mit bei der Einhaltung der Hygieneregeln", sagt Tilo Elser. Mitarbeiter des städtischen Ordnungsamts und eigene Kontrolleure stellten kaum Verstöße fest. Bei Vergehen gegen Corona-Regeln stehe aber stets die Verhältnismäßigkeit im Vordergrund.

 

Handlungsfähig

Damit die Verkehrsbetriebe Heilbronn auch in Corona-Zeiten handlungsfähig bleiben, wurde die Betriebsleitstelle personell neu aufgeteilt. Die Verantwortlichen für den Busverkehr sitzen im Verwaltungsgebäude an der Georg-Vogel-Straße, die S-Bahn wird von der Leitstelle an der Harmonie gesteuert. In der Bus-Werkstatt arbeiten zwei Schichten bei strikter Trennung von 5.30 bis 13.30 Uhr und von 14 bis 22 Uhr. Von der Verwaltung sind im Wechsel fünf von 15 Mitarbeitern im Homeoffice. 20 Stadtbahnfahrer waren im April wegen der Angebotskürzung durch das Land in Kurzarbeit. Sie erhielten 95 Prozent ihres Nettolohns. 

 

 


Joachim Friedl

Joachim Friedl

Stv. Leiter der Stadtkreis-Redaktion

Joachim Friedl arbeitet seit Ende 1979 bei der Heilbronner Stimme. Sein Arbeitsschwerpunkt ist die Kommunalpolitik. 

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