Dem Lehrer "schlichtweg vertraut": Missbrauchsprozess geht weiter

Heilbronn/Hohenlohe  Im Missbrauchsprozess gegen einen Pädagogen vor dem Heilbronner Landgericht sagen Eltern der Schülerinnen aus. Eine Mutter beschreibt Panikattacken bei ihrem Kind als eine Folge der Tat.

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Beim Prozessauftakt: der angeklagte frühere Lehrer (mit Mütze) neben Verteidiger Andreas Kugel. Zeugen stützten gestern die belastenden Aussagen.

Foto: Mario Berger

Es sind beklemmende Aussagen zum Gerichtsfall um sexuellen Missbrauch an zwei Schülerinnen. Als der Vater eines der Mädchen im Heilbronner Landgericht gestern erste Angaben seiner Tochter über die Tat beschreibt, schält sich ein Muster heraus, das oft typisch für derartige Übergriffe ist. "Ich war wie betäubt. Sie hat den Lehrer von der ersten Klasse an geliebt, er war für sie eine absolute Vertrauensperson. Ich habe ihm schlichtweg vertraut", sagt der Vater über den angeklagten Lehrer, mit dem er befreundet war.

Jetzt ist Andreas S. wegen schweren Missbrauchs von Kindern angeklagt. Der zweite Fall soll im Schullandheim in Waldenburg 2016 passiert sein, als das Kind zehn Jahre alt war. Der damalige Lehrer der Waldorfschule in Schwäbisch Hall übernachtete dort mit der Klasse. In der Nacht soll er sich neben die Zehnjährige gelegt haben und sie im Intimbereich berührt haben.

Plötzlichen Wandel zunächst auf die Pubertät geschoben 

Das Mädchen wachte von dem Übergriff nach ihren Angaben auf, stellte sich schlafend. Die Tat wirkte offenbar innerlich nach. Einige Zeit später habe seine Tochter plötzlich kein gutes Haar mehr an dem Lehrer gelassen, berichtet der Vater. Er schob es auf die Pubertät. Er hakte auch nicht genauer nach, als seine Tochter fragte, welche Strafe es für sexuellen Missbrauch gebe. Dann, als die Tochter sich ihm offenbarte, habe er ihr sofort geglaubt. "Sie hat mich noch nie angelogen."

Erstmals berichtete das Mädchen dem Schulsozialarbeiter im Sommer 2020 von dem Vorfall. Der verwies vor Gericht auf vier Mädchen, die zu ihm kamen. Anfangs hätten sie erzählt, wie Lehrer S. sie ab der ersten Klasse auf den Schoß genommen und gekitzelt habe. Dies habe er auch noch getan, als sie Fünftklässler waren - obwohl sie ihr Unwohlsein zeigten. Voller Anspannung habe eines der Mädchen dann erzählt, dass der Lehrer sie im Schullandheim im Intimbereich angefasst habe. Die vier wollten mit ihrer Beichte erreichen, dass anderen nicht Ähnliches passiere. Er habe den Mädchen "sofort geglaubt" - und nach einem Gespräch mit dem Vater der einen Schülerin die Schulleitung informiert.

Von der Schule die Kündigung erhalten

Andreas S. (63) erhielt von der Schule die Kündigung. Seit August sitzt er im Gefängnis. Zum Prozessauftakt, als er sich als Pädagoge "mit Herzblut" bezeichnete, hat er die Anklage in Teilen eingeräumt.

Übergriffe nach privatem Bootsausflug 

Im ersten Fall, 2014, soll er eine etwa achtjährige Schülerin nach einem privaten Bootsausflug beim Übernachten ebenfalls im Intimbereich angefasst haben. Auch dort war das Mädchen aufgewacht. Als es sich Jahre später ihrer Mutter anvertraute, habe das Kind von Angst, Starre und Bewegungslosigkeit gesprochen. Auch die Mutter sagte, sie habe dem Lehrer vertraut.

Heute hat das Mädchen nach Angaben der Mutter etwa wöchentlich schlechte Träume, Panikattacken oder Schweißausbrüche. Ihre Tochter habe keine Freunde mehr, habe sich zurückgezogen. Geplant ist, dass sie eine Therapie machen soll. Das andere Mädchen ist nach Angaben des Vaters nach einem "sehr unglücklichen" halben Jahr auf einer neuen Schule inzwischen "stabil".

 


Carsten Friese

Carsten Friese

Autor

Mit der Einführung des Euro kam Carsten Friese im Januar 2002 zur Heilbronner Stimme. Seine Schwerpunkte sind Verkehr, Gericht- und Polizeithemen, Wetter/Klima, Umweltthemen, Soziales, Heilbronner Stadtteile. Zudem leitet er das Thementeam Wissen.

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