Corona verschärft die Einsamkeit der Aufbaugilde-Bewohner

Heilbronn  Suchterkrankungen und andere Gesundheitsprobleme als Folge des Lebens auf der Straße: Die meisten der rund 40 ehemaligen Obdachlosen, die derzeit im Aufnahmehaus der Aufbaugilde in der Happelstraße leben, gehören zur Corona-Risikogruppe.

Email

Heiko Grimmeis (Mitte) von der Aufbaugilde und zwei seiner Schützlinge. Das gemeinsame Essen freitags war immer eine wichtige Zusammenkunft, bei der sich die Bewohner austauschen konnten. Vielen fehlt dieses Erlebnis.

Foto: Mario Berger

Suchterkrankungen, Probleme mit der Lunge oder mit anderen Organen als Folge des Lebens auf der Straße: Die meisten der rund 40 ehemaligen Obdachlosen, die derzeit im Aufnahmehaus der Aufbaugilde in der Happelstraße leben, gehören zur Corona-Risikogruppe. "Die Ängste sind größer, die Menschen sind isolierter als Normalbürger", sagt Heiko Grimmeis, Leiter der betreuten Wohnformen. Die Folge? "Wir brauchen jetzt viel öfter den ärztlichen Notdienst. Das schädliche Verhalten nimmt zu, weil der psychische Druck steigt, die Ablenkung mit Alkohol oder Drogen."

Dramatischer Mangel an Sozialwohnungen

77 Prozent seiner Klientel sind Männer, 60 Prozent davon ohne berufliche Qualifikation, fast 70 Prozent ledig. "Es gibt zwei Trends", sagt Aufbaugilde-Geschäftsführer Hannes Finkbeiner. "Erstens steigt der Frauenanteil. Und zweitens der Anteil der unter 30-Jährigen." Grund dafür ist laut Finkbeiner die dramatische Sozialwohnungsnot in der Region.

Als problematisch erweist sich insbesondere das gesundheitliche Dilemma, in dem viele steckten. Teilweise sei es schwer gewesen, bei Ärzten Termine zu bekommen. Gleichzeitig ist die Angst der ehemals Wohnungslosen vor Ansteckung groß. Eine zeitlang habe es im Klinikum am Weissenhof in Weinsberg einen Aufnahmestop für Entgiftungen gegeben. "Das ist jetzt mit Einschränkungen aufgehoben", sagt Grimmeis.

Struktur und Zuwendung seien in dieser Situation sehr wichtig. "Weil sich manche ganz zurückziehen und es gar nicht mehr herausschaffen." Sein Ziel: "Wenn alles vorbei ist, gehen wir mit den Bewohnern in den Freizeitpark Tripsdrill." Den Eintritt haben diese sich dann mit ihrem Arbeitseinsatz für die Kiliansgemeinde selbst verdient.

Gemeinschaftsessen fehlt vielen

Florian P. (Namen der Bewohner von der Redaktion geändert) hat einige Jahre auf der Straße gelebt und ist jetzt seit einem Jahr in der Happelstraße. Eine Wohnung suchen? Der 36-Jährige winkt ab. "Ich komme allein nicht zurecht." Er findet die Situation derzeit sogar angenehmer. "Es ist ruhiger, und es gibt weniger Besucher." Alles werde desinfiziert. "Wenn ich Corona bekommen würde, würde es mich sicher heftig erwischen", sagt er. Er leidet an Leberschäden, "und der Geist läuft nicht mehr ganz rund". Die Maßnahmen, etwa, dass im Haus Masken getragen werden müssen, findet er gut. Jetzt hofft der gelernte Fotograf auf einen Termin mit seiner Arbeitsvermittlerin. "Damit ich da wieder rein komme." Nicole M. kennt als Bewohnerin und Mitarbeiterin beide Seiten. Sie arbeitet im hauswirtschaftlichen Bereich, desinfiziert Türklinken und Lichtschalter, kümmert sich um Hauswäsche und den Putzdienst.

Die 45-jährige Nicole M. spricht leise. "Das Gemeinschaftsessen freitags, das fehlt vielen stark." Normalerweise kocht sie auch mit. "Man baut Freundschaften auf." Jetzt ist alles anders. "Man ist schon ein bisschen einsam."


Petra Müller-Kromer

Petra Müller-Kromer

Autorin

Petra Müller-Kromer ist seit 1999 Redakteurin bei der Heilbronner Stimme. Im Stadtkreis-Ressort liegt ihr Schwerpunkt unter anderem auf sozialen Themen.

Kommentar hinzufügen