Corona-Impftermine binnen Minuten vergeben

Heilbronn/Hohenlohe  Es ist alles gerichtet. Seit einer Woche stehen die Kreisimpfzentren bereit. Die Termine sind begehrt, nur fehlt das Wichtigste: Es ist nicht genug Impfstoff da. Das Ministerium bremst jede Euphorie, denn die Spritze gegen das Virus wird vorerst ein knappes Gut bleiben.

Von unserer Redaktion und dpa
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Wer zu den ersten Patienten in den Kreisimpfzentren der Region gehören wollte, musste schnell sein: Bereits wenige Stunden nach der Freigabe waren am Dienstagvormittag alle Termine für die Einrichtungen in der Region vergeben. Das Heilbronner Landratsamt hat zum Start maximal jeweils 150 Termine am 22. Januar sowie am 5., 12. und 19. Februar vergeben. Viele Interessierte kamen deshalb nicht zum Zug, gleichzeitig haben Bewohner anderer Landkreise Termine ergattert.

Die ersten Termine, die für das Impfzentrum Heilbronn-Horkheim vereinbart wurden, waren nach Auskunft der Stadt binnen 20 Minuten vergeben. „Habe online und telefonisch versucht ab 7.45 Uhr Termine zu vereinbaren. Kein Durchkommen“, berichtet ein Bürger. Ein anderer erzählt, dass ihm nach zwei Stunden am Telefon mitgeteilt wurde, dass es keine Termine mehr gebe. „Ich bin 92 Jahre alt. Ich dachte, das Alter spielt eine Rolle“, ärgert er sich. Für Waltraut Ohletz ist der Terminvergabe-Prozess schlicht eine Katastrophe. Auch Margot Hornischer empfindet ihn als Zumutung. „Ich werde warten, bis mein Hausarzt impfen darf – wenn ich nicht vorher gestorben bin.“

Susanne Döttling-Müller konnte zwei Termine für ihre 83-jährige Mutter ergattern. Der Weg dorthin sei aber steinig gewesen. „Die Seite ist kompliziert aufgebaut, und viele Schritte sind schlecht erklärt.“ Ihr sei schleierhaft, wie das Menschen mit wenig Computer-Kenntnissen schaffen sollen. Eine andere Bürgerin hat sich im Vorfeld genau kundig gemacht. „Den Anmeldecode habe ich am Vorabend generiert. Kurz vor acht Uhr habe ich mich eingeloggt, um acht Uhr wurden mir beide Termine bestätigt.“

152 Impfwillige kommen am Freitag und Samstag in Horkheim an die Reihe. Im selben Umfang werde es voraussichtlich weitergehen, teilt die Stadtverwaltung mit. Das auf bis zu 750 Impfungen pro Tag ausgelegte Zentrum startet also mit einem Bruchteil seiner Kapazität.

Die Stadt Heilbronn würde gerne mehr Termine anbieten, sagt Bürgermeisterin Agnes Christner. „Leider bekommen wir anders als ursprünglich angekündigt nur in diesem geringen Umfang Impfstoff geliefert und auch sehr kurzfristig Informationen dazu.“ Ein Teil der Lieferung an Stadt und Landkreis wird zudem für die mobilen Impfteams für Pflegeheime sowie Mitarbeiter des SLK-Klinkums abgezweigt. Ein Sprecher des Sozialministeriums betont, es gebe einen Impfstoff-Mangel. „Bevor die Dosen nicht deutlich erhöht werden, bleibt die Situation unbefriedigend.“ Grund sei eine Produktionsdrosselung beim Hersteller Biontech. Auch Termine für die Zentralen Impfzentren seien „innerhalb von Minuten weg“.

Geduldspiel in Hohenlohe

Auch in Hohenlohe geriet die Terminvergabe am Dienstag teilweise zum Geduldspiel. Punkt acht Uhr hatte Uschi K. aus Öhringen den Telefonhörer am Ohr. Nach einer Stunde in der Warteschleife kam sie dann tatsächlich durch unter der 116 117. Doch nur, um dann von einem netten Menschen am Telefon zu hören, dass es für das Kreisimpfzentrum des Hohenlohekreises in Öhringen (KIZ) keine Termine gebe, weil noch kein Impfstoff da sei. Sie solle es am Nachmittag nochmal probieren, lautete die Empfehlung. Uschi K. sagt: „Das darf ich der 94 Jahre alten herzkranken Dame, für die ich den Termin machen wollte, gar nicht sagen. Die regt sich da nur auf“.

Das hat sich auch Frank Demsar. Der 81 Jahre alte Öhringer schimpft: „Hätte ich mein Unternehmen früher so geführt, gäbe es das Modehaus Frank längst nicht mehr.“ Bananenrepublik ist eine der harmloseren Beschimpfungen. Auch er hat am gestrigen Morgen viel Zeit am Telefon verbracht, um dann zu hören, dass er es vor Freitag gar nicht noch einmal probieren müsse. „Das ist unmöglich“, poltert er. Vielleicht waren die beiden Hohenloher zu früh dran?

Nein. Hans Osterritter hat um neun Uhr begonnen zu telefonieren. Doch auch er hat zu seiner großen Verärgerung nur oft die Ziffern eins, zwei und drei gedrückt,um dann zu hören, dass es keine Impftermine für Öhringen gebe. Dort wollte er sich am Freitag als 81-Jähriger gegen Corona impfen lassen. Nun versteht er die Welt nicht mehr.

Ursula Szczepurek hat ebenfalls gleich versucht, einen Termin zu machen. Nach 30 Minuten in der Warteschleife habe ihr ein überfordert wirkenden Herrn mitgeteilt, das es weder in Heilbronn, noch in Schwäbisch Hall oder Stuttgart Termine gebe. Wird dann tatsächlich in Öhringen geimpft am Freitag? Ja, heißt es beim Landratsamt. Dort weiß man: Online hat die Terminvergabe funktioniert. Warum die Hotline andere Auskünfte gab? Das entzieht sich der Kenntnis des Landratsamtes und konnte auch nicht geklärt werden. Die Zuständigkeit für die Servicenummer liege beim Land, heißt es.

Auch wie viele Dosen geliefert werden, wisse man tatsächlich erst nach erfolgter Lieferung. Bisher gebe es nur die Lieferzusage des Landes. Und die Empfehlung des Landessozialministeriums. Das habe dringend empfohlen, nicht mehr als 150 Termine pro Woche zu vergeben. „Angesichts der knappen Impfstoffversorgung werden wir den vom Sozialministerium vorgegebenen Rahmen nicht vollständig ausschöpfen“, erklärt Pressesprecher Sascha Sprenger. Für den 22. und 29. Januar seien je 110 Termine vergeben worden.

Davon seien 50 Termine pro Woche frei buchbar über das Internet oder die Hotline. Die Termine seien innerhalb weniger Minuten gebucht gewesen. Die restlichen Termine seien für die Mitarbeiter des Hohenloher Krankenhauses. Die Menge von 110 Impfungen können an einem Tag durchgeführt werden. Deshalb sei zunächst nur Freitag geöffnet. „Sobald wir den Impfstoff geliefert bekommen haben und weitere Termine vergeben könnten, werden diese umgehend freigeschaltet und gegebenenfalls auch die Öffnungstage auf die tatsächlich vorhandene Impfstoffmenge angepasst“, erklärt Sprenger. Es werde kein Impfstoff zurückgehalten. „Jede verfügbare Dose wird verimpft.“ Die Kapazität des Impfstoffe sei aber äußerst begrenzt.

Lucha: Wir haben zu wenig Impfstoff

„Wir verwalten hier weiterhin einen riesigen Mangel. Wir haben viel zu wenig Impfstoff“, bremste Gesundheitsminister Manne Lucha (Grüne) jede Euphorie. In Baden-Württemberg seien derzeit rund eine Million Menschen berechtigt, geimpft zu werden. Aber nur 7000 Menschen könnten geimpft werden. „Mehr Impfstoff haben wir nicht“, sagte Lucha der dpa. „Wir selber sind genauso enttäuscht und frustriert wie die Menschen, die sich jetzt vergeblich um einen Termin bemühen.“

Pfizer hatte wegen der Erweiterung seiner Kapazitäten im zentralen Werk in Belgien angekündigt, die Lieferungen des Corona-Impfstoffs reduzieren zu müssen. Nach Angaben des Ministerium sollte am Dienstag die mit den Herstellern Pfizer und Biontech vereinbarte Menge von 111.115 Dosen in 19 Boxen noch geliefert werden. In der Woche vom 25. Januar werden es aber nur noch 64.360 Impfdosen, bezogen auf die nun zugelassene Entnahme von sechs statt fünf Dosen aus einer Ampulle, wie aus einem Lieferplan von Biontech hervorgeht, der der Gesundheitsministerkonferenz der Länder vorgestellt wurde. In den ersten beiden Februarwochen erwartet das Land insgesamt weitere rund 193.000 Dosen.

Heißt unterm Strich: Es stehen zunächst in jedem KIZ nur 585 Impfdosen pro Woche für eine Erstimpfung zur Verfügung. „Und die werden auch noch einmal auf Impfungen im Zentrum selbst sowie auf Impfungen durch die Mobilen Impf-Teams in den Pflegeheimen verteilt“, sagte Ministeriumssprecher Markus Jox. Werde nicht mehr Impfstoff geliefert, koste es fast fünf Monate, bis auch der letzte Anspruchsberechtigte in der Personengruppe der Über-80-Jährigen und des medizinischen Personals einen Termin habe.

Der Impfstoff bleibe weiterhin ein knappes Gut, sagte der Ministeriumssprecher. „Das ist schade, weil unsere Infrastruktur eigentlich mehr zulässt. Wir können diese Lieferungen aber als Land nicht beeinflussen“, verteidigt er die Strategie des Ministeriums.

Kritik aus der Opposition

Denn die geriet auch am Dienstag von der Opposition schwer unter Beschuss: SPD-Fraktions- und Parteichef Andreas Stoch warf Lucha vor, den Schwarzen Peter den Impfzentren zuzuschieben. Dort beschwerten sich die Menschen, weil noch nicht genügend Impfstoff zur Verfügung stehe. „Und insbesondere die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auf den Corona-Intensivstationen konkurrieren in diesen Tagen mit den 800.000 noch nicht Geimpften aus der ersten Gruppe um eine Impfung“, sagte Stoch abschließend.

Lucha müsse sinnvoll priorisieren. Andere Bundesländer konzentrierten die Impfungen derzeit noch auf die Bewohner und das Personal in Pflegeheimen. Dort sei das Sterberisiko mit Abstand am größten. Wichtig seien auch die Beschäftigten im medizinischen Bereich, die tagtäglich in sehr engem Kontakt zu Corona-Kranken stünden.

Das fordert auch der gesundheitspolitische Sprecher der FDP-Fraktion, Jochen Haußmann. „Es ist ein Unding, diejenigen, die an vorderster Front stehen, auf allgemeine Verfahren mit langen Wegen zu verweisen“ sagte er. Das medizinische Personal müsse vor Ort in der Klinik geimpft werden können.

Die Gewerkschaft Verdi verlangt, Beschäftigte auf den betroffenen Stationen mit oberster Priorität zu impfen und den Krankenhäusern dafür die erforderlichen Impfdosen zur Verfügung zu stellen. „Die allermeisten warten sehnsüchtig auf ihren Impftermin. In vielen Kliniken im Land gibt es nur Wartelisten und keine Termine“, sagte Verdi-Gesundheitsexpertin Irene Gölz. „Und dass sie begleitend zu ihrer hochriskanten täglichen Arbeit nun auch noch pauschal als Impfmuffel dargestellt werden, stößt vielen bitter auf.“

Gesundheitsminister Lucha sagte bereits zu, an diesem Punkt anknüpfen zu wollen: „In den ersten Wochen haben wir uns stark auf die über 80-Jährigen konzentriert, in dieser Gruppe gibt es ja leider auch die meisten schweren Krankheitsverläufe und die meisten Todesfälle“, sagte er der dpa. „Wir werden jetzt auch einen stärkeren Fokus auf die Mitarbeitenden in Krankenhäusern und in der Pflege legen.“

Auf Kreisebene sollte eigentlich bereits ab dem 15. Januar 2021 geimpft werden. Ursprünglich waren nach den Berechnungen des Ministeriums für die KIZ täglich etwa 800 Impfungen geplant, in den neun Zentralen Impfzentren (ZIZ) und am Standort Mannheim jeweils weitere rund 1500 Menschen pro Tag.


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