Böckinger Mostbirnenweg ist eine genetische Schatzkiste

Region  Der Auftakt des Stimme-Lesersommers führt nach Böckingen. Hier kann man Kulturlandschaft kennenlernen und Most und Schnaps probieren. Biologe Jürgen Hetzler erklärt auf dem Weg, wie die Birne zu Most wird.

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Schätze und Schönheiten vor der Haustüre entdecken im Corona-Lesersommer: Im Freien ist Abstand halten gut möglich, zumal es in diesem Jahr mit kleineren Gruppen auf Tour geht. Zehn Teilnehmer sind beim Auftakt dabei und erleben mit Dr. Jürgen Hetzler, Biologe beim städtischen Grünflächenamt, einen lehrreichen, amüsanten und überraschenden Nachmittag. 2,5 Kilometer lang ist der Mostbirnenweg rund um den Böckinger Ziegeleipark, der als genetische Schatzkiste die Zukunft alter Birnensorten sichert. Der Mostbirnenweg ist der Bundesgartenschau zu verdanken. Er ist ein Begleitprojekt im Rahmen der Aktion Stadtgrün, mit der Bürger und Stadtteile bei der Buga eingebunden wurden.

Blick für Kulturlandschaft

Den Blick für die Kulturlandschaft schärfen, den Wert regionaler Produktion wertschätzen, Zusammenhänge von Umwelt und Natur kennenlernen: Das sind für Jürgen Hetzler weitere Schätze, die den kleinen Lehrpfad vor den Toren Alt-Böckingens so besonders machen.

Die alten Birnensorten tragen kuriose Namen: Klupperte, Große Rommelter, Geddelsbacher Mostbirne, Jeremias Runde Birne, Palmischbirne oder Stuttgarter Geißhirtle. Eine Schautafel am Birnenoval, dem Ausgangspunkt im Ziegeleipark beim Kiosk am See, informiert über zwölf fast vergessene Sorten. Sie sind dort als Hochstamm gepflanzt: "In 40 Jahren kann man im Birnenoval in einem Hain aus Mostbirnen auf dem Bänkchen sitzen", blickt Hetzler in die Zukunft. Der Blick in die Vergangenheit offenbart Böckingen als Wiege des Obstbaus. In einer Jungsteinzeit- Siedlung wurde vor 7000 Jahren der Böckinger Urapfel gefunden.

Gutes Klima für Obstbau

Weil der Westen von Heilbronn für Obstbau gutes Klima und gute Böden bietet, gibt es dort die große Vielfalt der Sorten. Jahre habe es gedauert, diese zu bestimmen, viele Namen waren nicht mehr bekannt. 100 Hektar Streuobstwiesen gab es einst alleine in Böckingen. Die daraus erwachsene Tradition, das Obst zu verarbeiten zu Saft, Most, Dörrobst oder Schnaps, hat an Bedeutung verloren. Aber nicht ganz. An der nächsten Station, unter einem mächtigen Birnbaumriesen, hat Jürgen Hetzler eine kulinarische Überraschung parat. Er packt eine Flasche seines köstlichen Birnenbrands aus.

Gerastet wird unter der 1920 gepflanzten Geddelsbacher Mostbirne. Sie ist mit das älteste Exemplar und dürfte in den kommenden Jahren absterben, altershalber. Erhebliche Sorge bereitet Jürgen Hetzler vor allem das erneute Ausbleiben von Regen. Selbst auf den Wasser speichernden Lössböden, die die Gemarkung so fruchtbar machen, zeigen jüngere Streuobstbäume Trockenschäden. Auch für Neuanpflanzungen sei die Lage erschwert.

Gut für Wildbienen

Biologe Hetzler zeigt unterwegs eine weitere Besonderheit. Der Mostbirnenweg führt entlang vorbildlicher Ackerrandstreifen. Auf der Veitshöchheimer Bienenweide, so heißt das Saatgut, blüht es von April bis November - Nahrungsgrundlage für selten gewordene Wildbienen, die an den Lösswänden im Ziegeleipark heimisch sind.

Mit Ernst Strecker und seinen Kollegen vom Obst- und Gartenbauverein wartet zum Anschluss eine zweite Überraschung. Der 82-Jährige hat köstlichen Birnenmost von 2018 und 2019 mitgebracht. Mit dem als Arme-Leute-Getränk in Verruf geratenen Most früherer Zeiten hat Streckers Obstwein nichts gemein. Geeignete Sorten, die richtige Reife, das Nachreifen zum Abbau von Gerbsäure bilden das Erfolgsrezept des erfahrenen Obstbaumeisters.

Gerne öfter dabei

Für Silvia Wabler aus Heilbronn, die seit acht Jahren fast jedes Mal Losglück hatte, ist der Lesersommer 2020 trotz des "Corona-verhangenen Kulturhimmels" ein interessantes Ereignis. Auch Sabine und Michael Schweiker aus Nordheim sind immer wieder gerne dabei. Für Martin Dörr aus Ingelfingen hat der Stimme-Lesersommer nur ein Manko: Er würde gerne viel öfter daran teilnehmen.

36 Hektar umfasst das Landschaftsschutzgebiet im Westen von Böckingen. Dadurch kann Obst- und Gartenbau seine besondere Rolle beibehalten. Das Gebiet wurde als das letzte in Heilbronn 1998 unter Schutz gestellt. Bei der Baumpflege des Mostbirnenwegs ist der Obst- und Gartenbauverein Böckingen aktiv dabei. Auch der Böckinger Landwirt Martin Störzbach hat eine wichtige Rolle. Ein Infoblatt zum Rundweg gibt es bei der Stadt.


Bärbel Kistner

Bärbel Kistner

Autorin

Bärbel Kistner schreibt seit 1999 im Stadtkreis-Ressort der Heilbronner Stimme über Stadtentwicklung und Wohnen, über Trends im Einzelhandel und den demografischen Wandel  

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