Bewährungsstrafe im Chemie-Haus-Prozess

Eppingen  Das Landgericht Karlsruhe verurteilt den 46-jährigen Angeklagten im Chemie-Haus-Prozess wegen Diebstahls zu einer Freiheitsstrafe von 23 Monaten zur Bewährung. Über Jahre hinweg hatte der Mann tonnenweise teils gefährliche Chemikalien gestohlen und in einem Privathaus in Eppingen-Rohrbach gelagert.

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In diesem Haus in Eppingen-Rohrbach lagerten tonnenweise gestohlene, teils hochgiftige Chemikalien. Es ist bis heute nicht bewohnbar.

Foto: dpa

Am Ende waren sich Staatsanwalt, Verteidiger und Richter über die Strafe einig. Das Landgericht Karlsruhe folgte gestern beim Strafmaß den Anträgen in den Plädoyers und verhängte eine Bewährungsstrafe von 23 Monaten gegen einen 46-Jährigen wegen Diebstahl.

150 Kilo Zyankali waren im Keller gelagert

Der Chemisch-technische Assistent hatte zwischen 2009 und 2014 unzählige Male seinen Arbeitgeber, das Karlsruher Institut für Technologie bestohlen. Er ließ tonnenweise Chemikalien mitgehen, darunter hochgiftige, explosionsgefährliche, brandfördernde und umweltschädliche Stoffe. Das Diebesgut lagerte er in dem unbewohnten Haus seiner Großeltern in Eppingen-Rohrbach und in einem später angemieteten Gewölbekeller. Besonders entsetzt waren die Ermittler über die 150 Kilogramm Zyankali, die in drei Fässern lagerten. Diese Menge entspricht 750.000 tödlichen Dosen beim Menschen, sagte der Staatsanwalt in seinem Schlussvortrag.

Der Angeklagte habe seine Stellung in der Abteilung Beschaffung/Lagerhaltung ausgenutzt, sagte der Vorsitzende Richter Ralf Kraus. So habe er sogar in der hauseigenen Glasbläserei des KIT eine fingierte Bestellung aufgegeben. Den angefertigten Gegenstand nahm er einfach mit heim. Der Richter bezifferte den Gesamtwert des Diebesguts auf rund 55.000 Euro.

Das Haus sei zwar komplett mit den Chemikalien zugestellt gewesen, so der Richter. Allerdings seien die Stoffe laut Experten so gelagert gewesen, dass von ihnen ohne Fremdeinwirkung keine Gefahr ausging. Weil dies in der Bevölkerung aber nicht bekannt war, äußerte Ralf Kraus Verständnis für die Unruhe im Ort. "Zumal eine Grundschule und ein Kindergarten nicht weit weg waren." Als Motive nannte der Richter Sammelleidenschaft und Experimentierfreude. "Das ist zwar eigenartig, aber plausibel." Es habe keine Hinweise darauf gegeben, dass der 46-Jährige "irgendetwas Übles geplant hat". Einen Anschlag etwa. Auch sollten die Chemikalien nicht verkauft werden, so dass andere damit Straftaten verüben konnten.

Die lange Verfahrensdauer kommt dem Angeklagten zugute

Bei der Strafzumessung hätten die strafmildernden Umstände überwogen, erklärte Kraus. Die Taten würden lange zurückliegen. Auch die lange Verfahrensdauer, rund sechs Jahre, wirke sich zu Gunsten den Angeklagten aus. Außerdem seien ihm die Taten "durch unzureichende Bestandskontrolle" beim KIT erleichtert worden. Man könne "schlichtweg nicht nachvollziehen, dass da keine Verbrauchskontrolle, keine Inventur, nichts stattfand". Der 46-Jährige sei außerdem schon etwa sechs Monate in Untersuchungshaft gesessen. Der Vorsitzende Richter bescheinigte dem 46-Jährigen eine "positive Sozialprognose". Er sei Ersttäter.

Der Verteidiger erklärte in seinem Plädoyer, dass die Bewährungsstrafe womöglich für juristische Laien "viel zu günstig" erscheine. Angesichts der Menge der giftigen Chemikalien, mit der sein Mandant als Brunnenvergifter die Bewohner einer großen deutschen Stadt hätte töten können. Aber durch die lange Verfahrensdauer sei der Strafdruck wie Gletschereis in der Arktis geschmolzen. Außerdem habe es "reißerische Presseartikel" gegeben. So sei ein Video auf Youtube herumgegeistert, in dem eine Verbindung mit der US-Serie Breaking Bad hergestellt wurde, in der ein Chemie-Lehrer illegal Drogen herstellt. Diese Situation sei für den 46-Jährigen und seine hochbetagten Eltern schwierig gewesen.


Helmut Buchholz

Helmut Buchholz

Autor

Helmut Buchholz arbeitet seit 1999 bei der Heilbronner Stimme. Er kümmert sich im Stadtkreisressort um die Themen Gericht, Polizei und Soziales. Er leitet außerdem das Thementeam Migration.

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