Auftakt zur Traubenlese zwischen Hoffen und Bangen

Heilbronn  Fast überall in Württemberg beginnt diese Woche die Traubenlese. Nach den heftigen Sommerniederschlägen und einem großen Pilzdruck macht Wengertern nun teils Fäulnis zu schaffen - und die Kirschessigfliege.

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Gutschef Alexander Heinrich (zweiter von rechts) mit (von links) Karin Sprengart, Bernd Jaspers und Bianca Riedel bei der Acolon-Lese bei Sülzbach.

Foto: Gustav Döttling

Platzende Beeren, Turbo-Lese, Neidherbst, aber auch: keine Panik! Diese Woche kommt die Traubenlese in die Gänge. Die Meinungen über den Jahrgang 2021 gehen weiter auseinander als die Prognosen zum Wahlsonntag. Nach drei Traumjahren ist diesmal alles komplizierter.

Die Menge fällt sehr unterschiedlich aus, je nach Frost-, Pilz- und Hagelschäden. Der Weinbauverband Württemberg schätzt 95 bis 100 Liter pro Ar, das entspräche insgesamt gut 100 Millionen Liter, also 20 Prozent weniger als erlaubt. Andere fürchten größere Einbußen. Die Einschätzung der Weinqualität grenzt an Kaffeesatzleserei. Sie hängt vom Wetter der nächsten Tage ab. Bisher hinken die Zuckerwerte hinter den Vorjahren zurück.

Zungenspitze statt Oechslewaage

Wenn Kurt Freudenthaler die Traubenreife misst, braucht er kein Refraktometer. Der Kellermeister des Weinkonvents Dürrenzimmern verlässt sich auf die Zunge. "Ist die Haut hart und bitter, brauchen wir noch Zeit." Gleichzeitig stellt er mit Erschrecken fest: "Die Beeren erdrücken sich gegenseitig, platzen, faulen." Schuld daran seien die übermäßigen Sommerniederschläge, aber auch der Regen der Vorwoche. "Auch die Kirschessigfliege ist brutal eingefallen." Der Weinkonvent habe deshalb den Leseplan über den Haufen geworfen und am gestrigen Dienstag mit der Hauptlese begonnen.

Lesen Sie mehr zur Weinregion in unserem vergangenen Wochenthema "Heilbronn und der Wein".

Von einer "extrem differenzierten Lage und Lese" spricht Andreas Stutz aus Heilbronn, der auch Vorsitzender des Ecovin-Verbandes Württemberg ist. In Heilbronn sei es wegen der Kessellage zwei Grad wärmer, gleichzeitig habe es dort doppelt soviel geregnet wie etwa in Lauffen: "Mehr Schwüle, mehr Pilzdruck." Gleichzeitig hätten extreme Regengüsse die Pflanzenschutzmittel abgewaschen und nasser Untergrund "die Wengerter beim Spritzen in Lebensgefahr gebracht". Stutz berichtet von einem "Trollinger-Wengert am Weinsberger Sattel mit vollem Behang, 500 Meter entfernt hängen am Trappensee noch 30 Prozent". Zwar habe der Peronospora-Pilz auch konventionelle Winzer an die Grenze der Belastbarkeit gebracht, bei Ökos sei die Grenze aber überschritten, weil sie bestimmte Mittel nicht mehr spritzen dürfen und die Politik Ausnahmen verbiete.

Kocher- und Jagtsttal top

Reinhold Fritz von der Weinkellerei Hohenlohe spricht von einer gestaffelten Lese: Nach der Vorlese von Acolon und Dornfelder richte man nun das Augenmerk auf Burgundersorten, "die sich gegenseitig abdrücken, obwohl sie nicht ganz reif sind". Die Wetteraussichten stimmen ihn zuversichtlich.

"Wir brauchen halt Geduld," betont Fritz. Nach einer Herbstrundfahrt - die Kellerei erfasst Trauben aus 28 Teilorten - spricht er von "großen Unterschieden", von "brutalen Hagelschäden" bei Unterheimbach bis zu "wunderbaren Anlagen im Kocher- und Jagsttal". "Alles ist drin: von vollen Erträgen bis zu vollen Ausfällen", berichtet Bernd Gröner als Mitglied der Winzer vom Weinsberger Tal. Neben Pilzen habe dort "der Hagel zugeschlagen". Gröner ist froh, vor der Haustür mit Jochen Bayer aus Hößlinsülz einen verlässlichen Vollernter-Service zu haben: "Da bist du flexibler, günstiger, schlagkräftiger, wobei wir dieses Jahr besonders auf die Vorlese per Hand achten."

Optimismus im Zabergäu

Im Zabergäu sei man "auf einem ganz guten Weg", meint Thomas Eberbach als Kellermeister der Weingärtner Stromberg-Zabergäu. "Die aktuelle Trockenheit ist gut, die Fäulnis macht nicht weiter, und bei kühlen Nächten bekommen die Trauben Frucht und Aroma. Ich bin zuversichtlich, auch was die Premiumschiene betrifft."

 

 

Kilian Krauth

Kilian Krauth

Autor

Kilian Krauth kümmert sich um die Heilbronner Kommunalpolitik, um historische und kirchliche Themen sowie um den Weinbau der Region und weit darüber hinaus.

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