Am Anfang waren die Grünen zu alternativ für Heilbronn

Region  Gegen GKN, gegen Atomraketen, für die Verkehrswende: Vier Aktivposten der Grünen in der Region blicken auf die 40 Jahre seit Gründung ihrer Partei zurück. Aus der Anti-Partei wurde ein politischer Vollsortimenter.

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Am Anfang waren die Grünen alternativ für Heilbronn

Im Juni 1980 zeigten sich die neu gegründeten Grünen in Heilbronn. Eine bunte Truppe, die offensichtlich viel Wert auf umweltfreundliche Fortbewegung legte.

Foto: HSt-Archiv

Die Voraussetzungen für die Gründung der Grünen in Heilbronn vor 40 Jahren waren nicht schlecht. Große Aufregerthemen der 70er und 80er Jahre fanden sich direkt vor der Haustür: Ein Kernkraftwerk war gebaut, ein zweites in Planung, die Amerikaner stationierten Raketen und dann stellte sich auch noch heraus, dass diese mit Atomsprengköpfen bestückt waren.

Dennoch war Heilbronn keine Hochburg grünen Gedankenguts. "Aber wir haben vieles angestoßen", sagt die Landtagsabgeordnete und Fraktionsvorsitzende im Heilbronner Gemeinderat, Susanne Bay.

Ein Wyhl-Gefühl will im Unterland nicht aufkommen

"Dass wir noch einmal so zusammensitzen", sagt Karl-Heinz Kimmerle zu Friederike Wilhelm beim Redaktionsbesuch in der Heilbronner Stimme. Über Jahrzehnte haben sie grüne Politik in der Region gemacht. Er als Stadtrat in Heilbronn, sie als Aktivistin und als Kreisrätin im Landkreis. Noch länger dabei ist Wolf Theilacker, der als Gründungsmitglied schon ab 1979 bei den Grünen war. "Ich war Lehrer und spielte kein Tennis, da kümmerte ich mich lieber um Themen, die mich interessierten."

Diese Themen spalteten zu jener Zeit die Gesellschaft. Bundesweit machten die Proteste gegen das geplante Atomkraftwerk Wyhl Schlagzeilen. Vom GKN in Neckarwestheim nahm außerhalb des Unterlands kaum jemand Notiz. "Wir haben ab 1977 versucht, das Wyhl-Gefühl nach Heilbronn zu holen", erzählt Theilacker.

Am Anfang waren die Grünen alternativ für Heilbronn

Die bunte Riege heute: Karl-Heinz Kimmerle (von links), Susanne Bay, Friederike Wilhelm und Wolf Theilacker 40 Jahre nach der Gründung der Partei.

Foto: Andreas Veigel

Etwa mit einer Demo im Jahr 1981: "Da haben wir zusammen mit den Bauern 8000 Leute auf die Straße bekommen", erinnert sich Wilhelm. Doch gerade von der Heilbronner Stimme sei das Thema damals noch nicht aufgegriffen worden, findet die 71-Jährige. "Es war ein Protest ohne Widerhall."

Als Lehrer von den Schülern gefordert

Dass sich unter den Grünen viele Lehrer finden - Wilhelm und Kimmerle unterrichteten wie Theilacker an Gymnasien in Lauffen und Heilbronn - erscheint den dreien logisch. "Allein durch die Schüler wurden wir gefordert. Das war wie Fridays for Future heute und teilweise hochanstrengend", sagt Theilacker.

Wenig Erfolg hatten die Grünen anfangs auch mit ihrem Widerstand gegen die Raketenstationierungen auf der Waldheide. "Dass wir da Atomsprengköpfe vermutet haben, wurde von vielen als reine Verschwörungstheorie abgetan." Erst als Redakteur Uwe Jacobi die wohlbegründeten Vermutungen in der Stimme aufgriff, habe langsam ein Umdenken stattgefunden. Der Aufschrei folgte mit dem Unfall 1985.

Mancher Aktivist stand unter Beobachtung

Nicht zu unterschätzen waren damals die persönlichen Konsequenzen für jene, die sich gegen Atomkraft oder Atomraketen engagierten, erzählen Friederike Wilhelm und Wolf Theilacker. Staatliche Ermittler spähten Aktivisten aus, verfolgten sie mit Kamera und Richtmikrofon. Mancher habe damals Angst um seinen Arbeitsplatz gehabt.

Das Etikett "Anti-Partei" von einst verwenden die vier heute noch ganz selbstverständlich. "Wir wollten ja keine klassische Partei sein", sagt Kimmerle. Grundsätze wie Rotation, Doppelspitze oder Trennung von Amt und Mandat entstanden aus dieser Haltung heraus.

Und natürlich gab es auch hier von Beginn an die Kämpfe zwischen dem Realo- und dem Fundi-Flügel. "Meine Überzeugungen waren immer eher fundamentalistisch, aber durch die Arbeit im Gemeinderat haben wir realpolitisch gehandelt", erzählt der 70-Jährige. So habe sich vieles abgeschliffen mit den Jahren.

Turbulenzen Anfang der 2000er

Dennoch ging es teils hoch her, meist sachbezogen. Doch einmal stand der Grünen-Kreisverband vor der Zerreißprobe. Der damalige Landtagskandidat Raphael Seitz wollte Anfang der 2000er einen Stadtverband Heilbronn gründen und stieß damit auf großen Widerstand. Zu klein sei die Partei damals für zwei Verbände gewesen, sind Kimmerle und Wilhelm noch heute überzeugt.

Die alte Garde setzte sich durch. Doch die Querelen resultierten in Stimmenverlusten bei der Kommunalwahl 2004. Mit den drei Stadträten Kimmerle, Theilacker und Uwe Ahrens waren die Grünen damals so stark wie die Republikaner. Heute sitzen acht Grüne im Gremium.

Neuer Fraktionschef gesucht

Am Anfang waren die Grünen alternativ für Heilbronn

Neun Tage nach der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl demonstrierten die Grünen in Heilbronn gegen Atomkraft.

Foto: Archiv/Kugler

Als Karl-Heinz Kimmerle 2004 den Fraktionsvorsitz der Grünen im Heilbronner Gemeinderat übernahm, machte er sich bald Gedanken über die Nachfolge. "Ich war mit ihm 2008 im Wahlkampf am Stand in Heilbronn gestanden, als Susanne Bay auf dem Rad vorbeifuhr. 'Die wär's!', haben wir gesagt", erinnert sich die ehemalige Grünen-Kreisrätin Friederike Wilhelm aus Cleebronn.

Bay hatte die Entwicklung der Grünen bis dahin von außen beobachtet. "Als ihr eure Haare Anfang der 80er habt wachsen lassen, hab" ich meine abgeschnitten", erzählt sie. Jahre später sprach Karl-Heinz Kimmerle sie an. Bay ließ sich für den Gemeinderat aufstellen und wurde gewählt. Zwei Jahre später wurde sie Fraktionsvorsitzende und 2016 dann Landtagsabgeordnete.

Nicht mehr nur Anti-Partei

Als solche erlebt Bay die Partei heute ganz anders als in den Anfangsjahren. "Wir sind inzwischen ein politischer Vollsortimenter", sagt die 55-Jährige. Trotzdem seien viele der Themen, um die es Anfang der 80er Jahre ging, heute hochaktuell. Waldsterben wurde zu Klimaschutz, der Einsatz für die öffentlichen Verkehrsmittel zur Verkehrswende. Wolf Theilacker hatte beispielsweise Ende der 70er Jahre eine Fahrraddemo in Heilbronn organisiert. "Die Autofahrer waren damals rücksichtslos in Heilbronn", kommentiert er.

Die Zahl der Mitglieder in Baden-Württemberg ist von 10.000 im Jahr 2018 auf nun 13.500 gestiegen. Dass die Grünen so gut dastehen, ist für die vier nicht selbstverständlich. "Nichts ist erfolgreicher als der Erfolg", sagt Wilhelm, "und umgekehrt gilt das genauso." 

 


Christian Gleichauf

Christian Gleichauf

Stv. Leiter der Stadtkreis-Redaktion

Über den Raum Heilbronn in all seinen Facetten schreibt Christian Gleichauf seit dem Jahr 2000. Der gebürtige Südbadener kam damals als Volontär zur Heilbronner Stimme. Nach Stationen in der Wirtschaftsredaktion, im Service und im Landkreis steht jetzt die Stadt Heilbronn ganz oben auf der Agenda. 

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