Zwischen Kunst und Alltag

Heilbronn  Neue Kunst im Hagenbucher: Vor 30 Jahren wurde ein bemerkenswertes Kapitel zeitgenössischer Kunst in Heilbronn aufgeschlagen.

Von Claudia Ihlefeld

 

Vor 30 Jahren im Herbst wurde mit einer Tanz-Performance in einem ehemaligen Lager für Ölsaaten auf der Kraneninsel - dem Hagenbucher am Neckar - ein bemerkenswertes Kapitel zeitgenössischer Kunst in Heilbronn aufgeschlagen. Neue Kunst mit großem N wo heute die Experimenta steht?

"Ich wollte etwas hierher holen, was es draußen gibt": Im Oktober 1988 lud Mechthild Bauer-Babel die Documenta-Teilnehmerin Ilse Teipelke und Gabi Gooß ein zur ersten Aktion in dem trapezförmigen Gebäude - der Hagenbucher war aus seinem Dornröschenschlaf geküsst.

Vom Speicher in die Drei-Zimmer-Wohnung

Schnell etablierte sich die Neue Kunst im Hagenbucher, kurz NKH, zu einem bundesweit anerkannten Label: mit raumbezogenen Projekten, spröden Installationen und vergnüglichen Konzepten wie einer Beauty Farm oder einem Pommesgrill, der herzlich wenig zu tun hat mit den klassischen Bildträgern im Museum. Neue Kunst verwischt die Grenzen zum Alltag.

Seit drei Jahrzehnten gewinnt Bauer-Babel renommierte Künstler dafür, in Heilbronn zu arbeiten - an unterschiedlichen Orten. Bis 2008 war die NKH im 2. Stock des Speichergebäudes am Neckar zu Hause, zog dann unter gleichem Namen in die Dammstraße in einen leer stehenden Laden, um Projekte zu realisieren wie das der Berlinerin Sibylle Hofter, die eine Bildagentur auf Zeit eröffnete: ein Fotoprojekt in Kooperation mit unserer Zeitung, das Hofter in Flüchtlingsheime, Fabriken und an andere Orte der Region führte.

Seit 2015 hat die Neue Kunst im Hagenbucher wieder eine neue Adresse: Eine Drei-Zimmer-Wohnung in der Kleiststraße 17 bietet Raum für genreübergreifende Aktionen. Etwa für die Bühnenbildnerin Beatrix von Pilgrim, die die Wohnung als Gesamtkunstwerk inszeniert hat. Von "Verantwortung für die Stadt, in der ich lebe" spricht die streitbare Kunstermöglicherin Bauer-Babel, die in Stuttgart geboren und in Weinsberg und Heilbronn aufgewachsen ist, bevor sie Jura, Rechts- und Kunstsoziologie in Tübingen, Berlin und Hamburg studiert hat.

Viel Eigeninitiative und gutes Netzwerk

Mit 9200 Euro im Jahr fördert die Stadt Heilbronn die Neue Kunst im Hagenbucher - der Rest ist Eigeninitiative. So haben der Konzeptkünstler Christian Hasucha, Medienprofessor Mischa Kuball oder die Bildhauerin Karin Sander, deren Arbeiten im Museum of Modern Art in New York gezeigt werden, hier Spuren hinterlassen.

Diesen Mai ist Mechthild Bauer-Babel 80 Jahre alt geworden und spürt "die Notwendigkeit", in Heilbronn weiterhin Raum zu schaffen für die Auseinandersetzung mit Positionen der zeitgenössischen Kunst. Bauer-Babel, die sich ausdrücklich nicht als Galeristin versteht, pflegt den direkten Kontakt zu Künstlern und ist bundesweit gut vernetzt. "Ich frage auch die, bei denen ich denke, ich habe keine Chance, weil sie zu weit weg sind. Oder zu berühmt."

Wie sie auf die Neue Kunst im Hagenbucher gekommen ist? Zu ihrem 50. Geburtstag vor 30 Jahren hatte Mechthild Bauer-Babel die etwas andere Geschenkidee. Sie sammelte Geld für ein Buchprojekt für eine Kunstwoche, einen konkreten Ort dafür hatte sie noch nicht im Sinn. Auf ihrer Suche nach einem Raum stieß sie auf das markante Hagenbucher-Gebäude, das sich in einem "unmöglichen" Zustand befand. "Es herrschte ein unglaublicher Gestank. Das Lager der Firma Knorr war dabei, auszuziehen, man gab mir den Tipp, mich an das Liegenschaftsamt der Stadt zu wenden." Binnen weniger Stunden hatte Bauer-Babel die Erlaubnis, in diesem in Vergessenheit geratenen Denkmal der Heilbronner Industriegeschichte eine erste Performance zu organisieren. Der Hagenbucher war erwacht - mit Neuer Kunst.