Zum Eisschwimmen in den Breitenauer See hüpfen

Obersulm/Löwenstein  Einige hartgesottene Schwimmer gehen auch bei 1,9 Grad ins Wasser. Vor jedem Badegang muss man sich überwinden. Denn der Körper wird taub vor Kälte.

Von Sabine Friedrich

Vor dem Baden dicke Eisschicht des Breitenauer Sees aufgeklopft

Quietscheente Henriette misst die Wassertemperatur: 1,9 Grad ist auf der Digitalanzeige abzulesen.

Henriette, die gelbe Quietscheente, zeigt es an: 1,9 Grad sind auf ihrem Display abzulesen. Das hält die sechs hartgesottenen Männer und die eine Frau nicht davon ab, ins Wasser zu steigen.

Zugegeben, am Samstag um die Mittagszeit ist es nichts mit dem wöchentlichen Training im Breitenauer See. Der ist zugefroren, etwa 10 Zentimeter dick dürfte der Eisbrocken sein, den die Ice Swimmer Breitenauer See mit dem Hammer losbrechen.

Größer und größer wird das Loch, denn schließlich sollen die sieben ja beweisen, dass sie sich trauen. Spaziergänger, die zu Schaulustigen werden, zücken ihre Smartphones.

"Das ist der Wahnsinn. Ihr seid ja verrückt. Meine Güte", staunt Margarete Staudt aus Eschenau über die Waghalsigkeit des Septetts. In der Gruppe erkennt sie ihren Nachbarn Jochen Plapp, der nach dem Eisbad in dicken Schichten Kleidung wieder "auftaut".

Kein Neoprenanzug

Überraschung Nummer eins: Ralf Schwemmer, Sprecher der Ice Swimmer, kommt mit seiner Gruppe mit leichtem Gepäck. Wo sind denn nur die Neoprenanzüge? Der Heilbronner winkt ab. Nein, nein, es wird nur in Badehose und Badeanzug geschwommen. So wie es bei den Wettkämpfen vorgeschrieben ist. Allerhöchstens eine Badekappe ist noch zugelassen - außerhalb des sportlichen Wettbewerbs auch eine Bommelstrickmütze, mit der Robin Varriale (29) seine Ohren warmhält. Ob das was nützt?

Hände und Füße werden zuerst kalt

Der dick eingepackte Zaungast an der Badebucht kann sich nicht vorstellen, wie eisig es im Wasserloch sein muss. Hartgesotten oder nicht, "Ooohs" und "Aaaahs" können die Schwimmer beim Einstieg nicht unterdrücken. "Der Körper ist komplett taub", beschreibt Erzieherin Nina Hammel (25), in diesem Jahr mit Bronze bei den Deutschen Meisterschaften dekoriert, wie es sich anfühlt.

"Hände und Füße werden zuerst kalt", ergänzt Matthias Leers. Wie lange hält man das aus? "Das ist Gefühlssache", sagt Zeitsoldat Varriale aus Heilbronn. Wenn die Saison im Herbst beginnt, habe der See 16 oder 17 Grad, erzählt Bauingenieur Schwemmer. Dann krault die Gruppe noch ganz um die Insel. Woche für Woche kühlt der See mehr und mehr ab, und bei 4 Grad, so meint Leers, sei eine halbe Stunde im Wasser die Grenze.

Wie neu geboren

Im Eisloch ist keine Bewegung möglich. Drum heißt es nach dem Fotoshooting schnell wieder raus, in die Badelatschen geschlüpft - "der Sand ist kalt", meint Varriale lachend - mit dem Handtuch abrubbeln und anziehen. Und sich mit einem Glühwein aufwärmen. Die Haut der Schwimmer ist knallrot. "Man fühlt sich wie neu geboren", sagt der 34-jährige Stefan Glatzel aus Neckarsulm. "Es stärkt mental, weil du dich jedes Mal überwinden und Ruhe in den Körper bringen musst. Das erfordert Disziplin", beschreibt Leers die Vorteile dieses eisigen Sports.

"Wir sind die Normalen" prangt der Slogan der Gruppe auf T-Shirts und Handtüchern. Extremsport, etwa Abenteuerläufe, ist für die Ice Swimmer normal. "Ich mache gern Dinge, die nicht jeder macht", ist Schwemmers Motivation. Demnächst wird es noch extremer, wenn es zum Gletscherschwimmen nach Hintertux geht. Das Wasser im See dort habe null Grad, sagt Schwemmer und grinst.


Infos über die Gruppe

Im Januar 2015 haben die Heilbronner Ralf Schwemmer und Matthias Leers die Ice Swimmer Breitenauer See ins Leben gerufen. Inzwischen treffen sich im Winter regelmäßig bis zu zehn Schwimmer zum Training sonntags um 10 Uhr. Bisher waren sie bei allen vier deutschen Meisterschaften im Eisschwimmen dabei. Kontaktadresse: ralfschwemmer@t-online.de 

 

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