Zukunftskongress in Obersulm: Weg vom Auto lautet das Credo

Obersulm  Mit namhaften Referenten versuchen Grüne, Linke und ÖDP einen Anstoß für die Mobilität der Zukunft zu geben. Häufig wird beklagt, dass die unterschiedlichen Verkehrsprobleme nicht "zusammen gedacht" werden.

Von Christian Gleichauf

Zukunftskongress in Obersulm: Weg vom Auto lautet das Credo

Auf dem Land sind Ruftaxis eine Alternative zu Linienbussen. Mit ihnen gelingt es, flexibel und kostensparend einen öffentlichen Nahverkehr anzubieten.

Foto: Archiv/Hettich

 

Wie bekommt man mehr Menschen in den öffentlichen Nahverkehr? Das war eine der zentralen Fragen des vierstündigen "Zukunftskongresses", den Grüne, Linke und ÖDP am Samstag in Willsbach abhielten.

Doch auch wenn Thomas Tuschhoff als Mitorganisator am Ende der Überzeugung war, dass die Konzepte alle auf dem Tisch liegen, man sie nur noch umsetzen müsse.

So klar war das den wenigen Besuchern in der Hofwiesenhalle nicht. Der Anspruch war hoch und entsprechend breit das Spektrum, das an diesem Nachmittag abgedeckt wurde. Mehrfach wurde von den Referenten betont, dass man die verschiedenen Aspekte im Verkehr mehr "zusammen denken" müsse - was in der Vergangenheit zu wenig passiert sei. Allzu oft blieb es bei der Beschreibung des Status quo.

Integrierte Ansätze in Heilbronn und Neckarsulm

Ein Beispiel, wie es künftig anders laufen könnte, präsentierte Neckarsulms Oberbürgermeister Steffen Hertwig. Mit dem Mobilitätspakt für den Raum Heilbronn/Neckarsulm würden "integrierte" Ansätze verfolgt, nicht nur die Straßen ausgebaut. Auch das betriebliche Mobilitätsmanagement gehöre dazu, der Ausbau der Radwege.

Wie schwierig es ist, gerade im Schienenverkehr etwas zu verändern, kam mehrfach zur Sprache. "Der ÖPNV befindet sich im Umbruch", sagte Geschäftsführer des Heilbronner, Hohenloher, Haller Nahverkehrs (HNV), Gerhard Gross. Nicht nur die Schülerzahlen sinken - und damit bricht einer der Pfeiler der Refinanzierung weg. Doch die unterschiedlichen Zuständigkeiten seien ein Problem. Bund, Land und Landkreise hätten unterschiedliche Interessen.

Zukunftskongress in Obersulm: Weg vom Auto lautet das Credo

Annähernd so viele Referenten und Beteiligte wie Besucher: Der Zukunftskongress Mobilität mit Daniel Renkonen (v.l.), Christoph Link, Rolf Klotz, Klaus Mandel, Steffen Hertwig, Armin Waldbüßer, Gerhard Gross und Dietmar Maier.

Foto: Mario Berger

 

Regionaldirektor Klaus Mandel schlug in dieselbe Kerbe: "Dinge, die zusammengehören, werden nicht zusammen gedacht." Der verkehrspolitische Sprecher der Grünen im Landtag, Daniel Renkonen, spricht von "rollendem Schrott" auf den Regionalzugstrecken und zählt letztlich vor allem die Probleme des ÖPNV auf. Die Heilbronner DGB-Vorsitzende Silke Ortwein ergänzte: "Manches ist mit der Stadtbahn schlechter geworden, obwohl man eine gute Idee hatte."

Es fehlt an Zuverlässigkeit

Mehrere Referenten gingen ausführlich darauf ein, was alles im Argen liegt bei Bus und Bahn. Die fehlende Zuverlässigkeit kam immer wieder zur Sprache. Der fehlende Komfort. Auf den Hinweis von Wolf Theilacker (Grüne Heilbronn), der sich mehr Mitsprachemöglichkeiten der Bürger wünschte, verwies der Verkehrsplaner und Stuttgarter VCD-Vorsitzende Christoph Link auf den sogenannten Bürgerbeirat. Aber: "Die Kompetenzen sind entscheidend."

Link warnte zudem vor der falschen Erwartung, dass sich einige Probleme in nächster Zeit von selbst lösen, "auch nicht mit der E-Motorisierung". Denn nur wenn man den Individualverkehr stärker beschränke, werde sich etwas verändern.

Der Betriebsratsvorsitzende des Audi-Werks Neckarsulm, Rolf Klotz, zitierte Henry Ford mit seinem bekannten Satz: "Wenn ich die Menschen gefragt hätte, was sie wollen, hätten sie gesagt: schnellere Pferde." Dennoch warnte er, man dürfe die Gewohnheiten der Menschen nicht unterschätzen. So könne man beispielsweise neue Gewerbestandorte mit weniger Parkplätzen planen. Doch bestehende Privilegien zu streichen, das sei schwer.

Besonders problematisch sieht Klotz die festen Taktzeiten beim ÖPNV in einer modernen Arbeitswelt. "Wir brauchen wieder Beschränkungen bei der Arbeitszeitflexibilität. Nur dann kann es mit Fahrgemeinschaften und dem ÖPNV funktionieren."

Offene Fragen bleiben 

In der Diskussion wurden zahlreiche weitere Aspekte zur Sprache gebracht. Was Mobilität kostet, welche Veränderung wie teuer ist und und wer sie bezahlen könnte - diese Fragen wurden gestellt. Sie blieben aber auch an diesem langen Nachmittag unbeantwortet.

 

Der Weg zur Arbeit ist nicht das einzige Problem

Dietmar Maier von der Nahverkehrsberatung Südwest zeigte, wie in seiner Heimatregion, dem Main-Tauber-Kreis, der öffentliche Nahverkehr mit neuen Buslinien und Ruftaxis optimiert wurde. Auch im ländlichen Raum könne man so eine Grundversorgung sicherstellen. Den Erfolg des E-Bikes beobachtet Maier gespannt, weil dies den Einzugsbereich von Bus und Bahn enorm erweitern könnte. Und er korrigierte mit einer Grafik einen verbreiteten Irrtum: Fahrten zur Arbeit machen nämlich nicht den Großteil der Autofahrten auf dem Land aus. Fahrten in der Freizeit, zum Einkauf und die Begleitung von Kindern und Partnern überwiegen.