Woodstock prägte in Heilbronn die Friedensbewegung

Region  Das legendäre Musikfestival heute vor 50 Jahren hat damals auch in der Region junge Menschen stark beeinflusst. Manch einer ist sich sicher: Ohne Woodstock wäre die Friedensbewegung in Heilbronn nicht so groß geworden.

Von unserer Redaktion
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Weder die Beatles noch die Rolling Stones waren dabei - dennoch gilt das Woodstock-Musikfestival von 1969 als ein Meilenstein der Popkultur. In dieser Woche ist das Weltereignis genau 50 Jahre her. Massen breiten sich auf dem Festivalgelände in Bethel (US-Bundesstaat New York) aus - junge Menschen in Batikhemden, im Indianerlook oder fransigen Gewändern, bunt geschminkt, langhaarig, barbusig. Joints gehen herum.

Das Line-up ist bis heute legendär: Crosby, Stills & Nash, Joan Baez, Canned Heat, Janis Joplin, Grateful Dead, Jefferson Airplane, The Who, Santana und viele andere. Besonders hängen blieben bei vielen Menschen zwei Szenen: Zum einen die Beatles-Coversion eines gelernten Installateurs aus Sheffield - Joe Cocker rührte mit „With a Little Help from My Friends“ die Massen. Und dann die Nationalhymne „The Star-spangled Banner“, gespielt von Jimi Hendrix auf der E-Gitarre.

Wie erinnern sich Menschen in der Region an das Rockfestival? 

 

Karl-Heinz Branz (73), Heilbronn

Vor wenigen Tagen ist ihm der Song wieder in den Sinn gekommen, jetzt, wo alle vom Mythos Woodstock sprechen. Zum Mythos ist das Festival erst später geworden, Woodstock an sich hat Karl-Heinz Branz gar nicht so sehr interessiert. Elektrisiert hat ihn – und ihm sich daher eingeprägt – der „Vietnam-Song“ von Country Joe McDonald, der damals hierzulande völlig unbekannt war. Und der buchstäblich, da im Programm gar nicht vorgesehen, in Woodstock auf die Bühne stolperte – und berühmt wurde mit seinem „I feel like I’m fixin’ to die“-Rag mit den Zeilen „Open up the pearly gates“.

„Der Song steht für Revolte und das, was ich bis heute darunter verstehe und für wichtig halte“, sagt der Heilbronner Rechtsanwalt. Mit Hasch und Happiness hatte der damals 23-jährige Jurastudent in Heidelberg nichts am Hut. „Ich wurde 1968 aus der Bundeswehr entlassen und kam in eine fremde Welt. Und hatte das Riesenglück, in einem Studentenwohnheim Menschen kennenzulernen, die sich für alles interessierten und von denen ich viel lernte und kennenlernte“. Eben auch Country Joe McDonald.


Harry Murso (74), Obersulm

„Das hat mich nicht beeinflusst“, verneint Harry Murso die Frage nach dem Woodstock-Festival 1969, dem Höhepunkt des „Sommers der Liebe“. Klar, kenne er die Lieder, aber damals sei er ein großer Beatles-Anhänger gewesen.

Über die Hippies habe er eher gelächelt, das sei nicht seine Welt gewesen, denkt der Obersulmer Alt-Bürgermeister an die Zeit vor 50 Jahren zurück. „So ein wilder Woodstocker bin ich nie gewesen“, meint der 74-Jährige. Er habe eine junge Familie gehabt, sei Berufsanfänger gewesen – „ich habe geschafft und getan. Da bin ich ein braves Gemeindeinspektorle gewesen“, ergänzt er schmunzelnd.

In Löwenstein, wo er damals wohnte, war keine Zeit für die Flower-Power-Bewegung. „Rückblickend war es schon ein epochaler Einschnitt, gesellschaftlich gesehen.“ Vieles Denken sei viel freier geworden. Manches sei damals schon sehr verstaubt gewesen. Ohne Woodstock, überlegt der 74-Jährige, wäre manche Bewegung nicht so vorwärts gekommen, zum Beispiel die Friedensbewegung.

 

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Frank Winkler (63), Forchtenberg

Frank Winkler hatte sein Erweckungserlebnis wenige Tage nach Woodstock. Im Auto seiner Mutter. „Sie ließ mich darin hocken, als sie in Neuenstein beim Bär Klamotten kaufte“, sagt der Sänger und Gitarrist der Hohenloher Mundartband Annâweech. Und weil dem damals 13-Jährigen langweilig war, drehte er an dem Becker-Radio herum. Bis er Ten Years After hörte. „Plötzlich war meine Musikwelt eine ganz andere.“ Der Mitschnitt des Festivals fesselte ihn so sehr, dass er sofort nach Hause wollte. „Mama, ich muss das aufnehmen“, bettelte er, als die ihre Einkäufe erledigt hatte. Gesagt, getan.

 

„Bis dahin hörte ich nur deutsche Schlager oder Adriano Celentano.“ Danach fuhr Winkler voll auf Rock ab. Und kaufte sich Platte um Platte seiner Woodstock-Helden. Natürlich färbte diese Begeisterung auch auf sein Spiel bei Annâweech ab. Die Band wurde 1995 gegründet und hat neun CD’s veröffentlicht. Ende 2018 folgte ihre erste Schallplatte. Alles, was rockt, ist auf dieser Scheibe vertreten. Und Frank Winkler wirkt auf dem wilden Cover ziemlich Woodstock-like.


Norbert Winzek (58), Heilbronn

Als Woodstock stattfand, war er acht. Und dennoch sieht Norbert Winzek, Gaffenberg-Festival-Mitstreiter über viele Jahre, eine Parallele zu Heilbronn in der politischen Botschaft. „Was in den USA der Vietnam-Krieg war, das war bei uns die Stationierung der Mittelstreckenraketen“, zum Beispiel auch beim Protest gegen die Waldheide-Raketen. Und die Flower-Power-Bewegung jenseits des Atlantiks habe die Friedensbewegung in Deutschland und Heilbronn sicher auch entscheidend geprägt. Mit Woodstock habe er sich als Student erstmals intensiver beschäftigt. Die Songs der Stars nahm er auf Kassette auf.

Winzek fand es lustig, welche Massen an Fans 1969 vor Ort waren, welche Schlammmassen es gab und wie die Veranstalter improvisieren mussten. Joe Cocker fand er gut. Fürs Gaffenberg-Festival, das 1986 startete, wären Cocker oder andere Woodstock-Veteranen aber eine Nummer zu groß gewesen. Dennoch: Für Winzek hatte das Gaffenberg-Festival vom Flair her „einen Hauch von Woodstock“ – gerade am Anfang, als es „noch lange nicht so professionell war“.


Andreas Sommer (62), Heilbronn

Er war zwölf und der Sommer 1969 mit Mondlandung, Stonewall, Manson-Morden und Woodstock unglaublich spannend für Andreas Sommer. „In eben diesem Sommer habe ich begonnen, Zeitung zu lesen, mich für die Welt zu interessieren, einen Musikgeschmack zu entwickeln“, erinnert sich der langjährige Stimme-Ressortleiter Kultur. „Woodstock war ein Mosaikstein für das, was man Lebensgefühl nennt. Ein Traum von Freiheit, den man belächeln kann, der aber daran erinnert, dass ein paar Spinner ziemlich viel verändern können.“ 

Seine Familie war damals in Kärnten im Urlaub und bezog ihre Kenntnisse über den Weltenlauf aus der dortigen Lokalzeitung, ab und zu wurde die „Bild“ gekauft. „Auch wenn die Bedeutung von Woodstock heute von einigen in Abrede gestellt wird, hat das Ereignis Mode, Musik und Moralvorstellungen verändert.“ Keine Frage hat es ihn gefreut, dass beim Blacksheep-Festival in Bonfeld im Juni die britische Band Ten Years After ihr komplettes Woodstock-Programm gespielt und den Platz vor der Kornspeicherbühne in eine Freiluftdisco verwandelt hat.

 


Reini Schaaf (65), Bonfeld

Blick auf die zahlreichen Besucher des legendären Musikfestivals Woodstock. Zwischen Vietnam-Krieg und Bürgerrechtsbewegung trafen sich 1969 rund 400.000 Menschen auf diesem Feld im US-Bundesstaat New York und feierten drei Tage lang friedlich zu Weltklasse-Musik. Foto: dpa

„Ich war zu der Zeit 15 Jahre alt“, erzählt Reini Schaaf, Mitglied der Bonfelder Kulturinitiative Blacksheep. Doch sei Woodstock in dem Alter ein großes Gesprächsthema gewesen – ausgelöst durch den Film. Schaaf sah ihn in Heilbronn, „ich meine im Capitol. Da konnte man sogar rauchen. Da war natürlich Halli Galli.“ Klar habe ihn Woodstock beeinflusst: „Woodstock war ein Meilenstein der Musikgeschichte.“ Etwas, das es so zuvor noch nie gegeben hatte. Die Ausgelassenheit habe ihn beeindruckt. „Woodstock stand für die Aufbruchstimmung einer ganzen Generation: die 68er.“

Und natürlich hatte auch Reini Schaaf zu der Zeit lange Haare. „Ich war Musikfan“, sagt er, der bei dem Happening auf einem freien Feld in Upstate New York gerne live dabei gewesen wäre. „Sowas in der Art und in der Dimension hatte es vorher ja noch gar nie gegeben. Das Thema Open-Air war noch nicht verbreitet.“ Und dann seien da auch Bands dabei gewesen, die niemand kannte: „Man muss nur an Joe Cocker denken. Woodstock“, ist Reini Schaaf sicher, „hat die Jugend weltweit begeistert.“

 

 


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