Wo sind die Frauen in der Politik?

Region  Seit 100 Jahren dürfen Frauen in Deutschland wählen. Doch auch heute sind Frauen in keinem Parlament Deutschlands zum gleichen Anteil wie Männer vertreten.

Von Michelle Christin List

Wo sind die Frauen in der Politik?

"Die Bilder in unseren Köpfen müssen sich ändern", sagt Landtagspräsidentin Muhterem Aras bei der Veranstaltung auf dem Bildungscampus.

Foto: Andreas Veigel

Hochschule und Volkshochschule Heilbronn nutzten den Jahrestag, um bei einer gemeinsamen Veranstaltung auf dem Bildungscampus aktuelle Herausforderungen anzusprechen.

"Zum Glück ist der Frauenmangel nicht überall so eindeutig wie im Ministerium des Inneren", sagt Beate Rosenzweig halb im Spaß, halb im Ernst, als sie das Bild von Horst Seehofer mit seinen acht Staatssekretären zeigt. Die stellvertretende Leiterin des Studienhauses Wiesneck und Lehrbeauftragte am Seminar für Wissenschaftliche Politik der Universität Freiburg setzt sich unter anderem mit Geschlechterforschung auseinander.

Dass in keinem Parlament in Deutschland Frauen gleichberechtigt vertreten sind, ist für die Frauenbeauftragte der Stadt Heilbronn, Silvia Payer, schon schlimm genug. "Aber Baden-Württemberg bildet bei den weiblichen Abgeordneten im Landtag das Schlusslicht."

"Die Bilder in unseren Köpfen müssen sich ändern. Unsere Stimme muss lauter werden. Daran müssen wir gemeinsam arbeiten", ruft die baden-württembergische Landtagspräsidentin Muhterem Aras den rund 120 Frauen und der Handvoll Männern zu. "Noch heute gibt es in Baden-Württemberg 26 Gemeinderäte, in denen keine Frau sitzt."

Frauen stoßen immer wieder gegen unsichtbare Hindernisse

Überall sind die gläsernen Decken zu erkennen, über die Beate Rosenzweig in ihrem Vortrag spricht: Frauen stoßen immer wieder gegen diese unsichtbaren Hindernisse, die ihnen den Weg in Führungspositionen oder zu hervorgehobenen Ämtern versperren. So beträgt der Frauenanteil im Bundestag aktuell 31,3 Prozent. Besonders auffällig: Im Jahr 2013 sind es noch 37,3 Prozent gewesen. Rückschritt statt Fortschritt. Zu den Hindernissen gehöre zum Beispiel die verbreitete Annahme, dass Frauen in der Politik automatisch frauenfreundliche Politik machen, wie Rosenzweig erklärt.

Auch sie will die Anwesenden mobilisiseren: "Jubiläen sind dafür da, bestehende Deutungen zu hinterfragen. Nur so können wir die gläserne Decke von 30 Prozent durchbrechen."

"Trotz Bundeskanzlerin, trotz vieler Ministerinnen, trotz Frauen in Führungspositionen, zeigt sich der Nachholbedarf vor allem auf kommunaler Ebene", sagt Rosenzweig. So gebe es in Baden-Württemberg 10,2 Prozent Bürgermeisterinnen und 8,2 Prozent Oberbürgermeisterinnen.

Bestehende Geschlechterrollen machen es den Frauen schwer

Für die Unterrepräsentation der Frauen in der Politik gibt es Rosenzweig zufolge drei Gründe, welche sie als magisches Dreieck bezeichnet: "Frauen stört oftmals die Ellenbogen-Mentalität und das Machtgehabe. Außerdem fehlt die Vereinbarkeit von Beruf, Familie und Mandat." Durch die bestehenden Geschlechterrollen sei es für Frauen schwer, sich zu behaupten.

Immer wieder verbindet die Dozentin Zahlen und Fakten mit einem flammenden Plädoyer für mehr weibliches politisches Engagement. Dass Frauen auch heute noch stark auf ihr Äußeres reduziert würden, zeigten allein schon die Debatten um Merkels Kleidungsstil.

Zu hübsch für ein Technik-Studium?

Dieses Thema kennt auch Ruth Fleuchaus, Prorektorin der Hochschule Heilbronn. "Du siehst doch gar nicht so schlecht aus, warum studierst du Technik?", sei eine Frage, die sie nicht erst einmal gehört habe. So manche Studentin habe sich darüber beschwert, dass Professoren so etwas fragen. "Das zeigt, dass wir noch lange nicht am Ziel sind." Die Trennung zwischen typisch männlichen und typisch weiblichen Bereichen herrsche in vielen Köpfen noch heute vor. "Ob beim Beruf, beim Studium oder in der Politik."

 


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