Wirksamer Schutz vor den Fluten

Region  Beckensysteme halten bei Hochwassergefahr riesige Mengen Wasser zurück. Warum es trotzdem keine absolute Sicherheit gibt.

Von Reto Bosch
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So sah es 1978 in Obersulm-Willsbach aus: Die Sulm überschwemmte weite Teile des Ortes. Das soll sich nicht wiederholen. Foto: Archiv/Dirks

Immer wieder steigende Pegel bei Bächen und Flüssen gehören zu diesem Winter wie viel zu hohe Durchschnittstemperaturen. Während Neckar, Jagst oder Kocher im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stehen, geht von den kleinen Fließgewässern in der Region ebenfalls eine Gefahr aus.

Es gab Zeiten, da standen ganze Orte unter Wasser. Rund 90 Rückhaltebecken in Stadt- und Landkreis Heilbronn reduzieren inzwischen dieses Risiko - deutlich. Gewaltige Summen wurden investiert.

Kommunen arbeiten zusammen

Die Städte und Gemeinden haben sich in Zweckverbänden organisiert, um dem Hochwasser Einhalt gebieten zu können. Zum Beispiel im Zabergäu, an der Schozach, an der Sulm. Anfang der 70er Jahre stand Audi kurz davor, den Standort Neckarsulm aufzugeben - weil Überschwemmungen große Schäden angerichtet hatten. Land und Kommunen beschlossen, vernetzte Schutzsysteme aufzubauen. Das größte gruben die Bagger im Sulmtal in die Böden: 15 Becken, 36 Millionen Euro, in der Regel zu 70 Prozent vom Land gefördert.

Johannes Kübler hat dies alles von Beginn an miterlebt. Er verantwortet die Anlagen des Wasserverbands Sulm. In dessen Einzugsbereich leben rund 100 000 Menschen. "Die Becken haben die Region vor großem Schaden bewahrt", sagt er. Eine Einschätzung, die der Verbandsvorsitzende teilt. Stefan Thoma, Bürgermeister in Weinsberg, erklärt: "Die Investition hat sich gelohnt. Davon profitieren Gewerbe und Bürger."

Automatik orientiert sich an Pegelständen

Etwa 20 Mal pro Jahr schließen sich die Schieber der Becken. Meist automatisch, und zwar dann, wenn Pegel definierte Grenzwerte überschritten haben. Auf großen, ausgewiesenen Überflutungsflächen sammelt sich Wasser. Dies entlastet die Unterläufe der Bäche. Erst wenn der Zustrom geringer geworden ist, lässt Küblers fünfköpfige Mannschaft die Becken wieder leerlaufen. Bei den Mai-Unwettern 2016 pufferten die Becken im Sulmtal rund eine Million Kubikmeter Wasser. "

Ab Willsbach wäre sonst bis Neckarsulm und Audi Land unter gewesen", erklärt Johannes Kübler. Die dichte Bebauung in der Region stellt zudem ein großes Schadenspotenzial dar. Im Ernstfall müssen die Anlagen funktionieren. Deshalb verbringen die Angestellten des Wasserverbands einen erheblichen Teil ihrer Arbeitszeit damit, die Technik zu warten: Schieber, Steuerungen, Pegeltechnik. Das verursacht hohe Betriebkosten. Verbandsgeschäftsführerin Daniela Wenninger beziffert diese auf rund 540 000 Euro pro Jahr.

 

 

 

Das größte Rückhaltebecken ist der Breitenauer See bei Obersulm. Er wurde in den 70er Jahren gebaut, nicht um Badegästen Abkühlung und dem Weihnachtsmarkt eine prächtige Kulisse zu verschaffen. Ziel war, Wasserströme puffern zu können. Ein paar Zahlen: Insgesamt fasst er 2,4 Millionen Kubikmeter Wasser. Im Regelfall wird nur die Hälfte der Kapazität genutzt, bei Hochwassergefahr kann er also extrem große Wassermengen aufnehmen. Wasser, das von den nahen Löwensteiner Bergen herabfließt. Zum Netz gehören aber auch kleine Trockenbecken, in denen erst bei geschlossenem Schieber Wasser steht. Die Anlage Attichsbach in Bad Friedrichshall beispielsweise.

Konzept weitgehend umgesetzt

Wirksamer Schutz vor den Fluten
Mehr als ein Paradies für Vögel: Der Breitenauer See, den Betriebsleiter Johannes Kübler verwaltet, dient dem Hochwasserschutz. Foto: Bosch

Etwa zehn Prozent aller Rückhaltebecken des Landes liegen in der Region Heilbronn. "Wir haben relativ früh angefangen", sagt Frank Hütter, Gewässerexperte im Landratsamt Heilbronn. Inzwischen sei das Schutzkonzept weitgehend umgesetzt. Es fehlten noch ein paar kleinere Becken. Entlang der großen Flüsse seien die entscheidenden Schutzvorrichtungen ebenfalls schon gebaut worden. Bekannt sind zum Beispiel die mobilen Schutzwände in Offenau.

Im Mai 2016 hatte es Audi erneut getroffen. Ein lokales Gewitter schüttete Sturzbäche über Neckarsulm aus. "Vor solchen lokalen Ereignissen kann man sich kaum schützen", erklärt Frank Hütter. Trotzdem will der Wasserverband Sulm die beiden letzten fehlenden Anlagen Amorbach und Hängelbach bauen.

Zwei weitere Becken sollen kommen

Kostenpunkt: mehr als drei Millionen Euro. Und im Gegensatz zu den anderen Becken will das Land diesmal kein Geld beisteuern, weil es nicht den Förderrichtlinien entspricht (wir berichteten). Sehr zum Unmut von Thoma. Die Mitgliedskommunen des Verbandes müssen nun entscheiden, ob sie die Investition im Alleingang finanzieren. Für den Ernstfall, wenn die Pegel wieder steigen.

 


 
Sünden der Vergangenheit

Kommentar: Sünden der Vergangenheit

Nicht selten bestraft Hochwasser Sünden der Vergangenheit. Wenn Baugebiete ausgewiesen werden, die nur einen Steinwurf von einem Gewässer entfernt liegen, muss man sich über vollgelaufene Keller nicht wundern. Viel zu spät wurde das Wasserrecht geändert und damit die Möglichkeit beschränkt, ausgerechnet dort zu bauen, wo sich Flüsse und Bäche ausbreiten müssen.

Das hilft aber jenen Privatpersonen und Firmen nicht weiter, die schon in gefährdeten Gebäuden leben und arbeiten. Die Entscheidung von Land und Kommunen, in Schutzsysteme zu investieren, war daher völlig richtig. Daran ändern auch die hohen Baukosten nichts. Entscheidend ist doch nur eines: Wie groß ist der Nutzen einer Investition?

Ohne Beckensysteme wären die Hochwasserschäden in der Region sehr viel höher ausgefallen als Land und Kommunen für die Anlagen ausgegeben haben. So wirkungsvoll die Schutzanlagen auch sind: absolute Sicherheit gibt es nicht. Die meisten Planungen gehen von einem Hochwasser aus, das statistisch gesehen alle 100 Jahre vorkommt. Aber natürlich kann es noch länger und noch stärker regnen. Dann stoßen die Becken an ihre Grenzen. Der Mai 2016 hat das eindrucksvoll gezeigt.

Regenfälle, zwar lokal begrenzt, aber von ungeheurer Ergiebigkeit, haben damals viele Schäden angerichtet. Erinnert sei nur an das Audi-Werk in Neckarsulm. Selbst wenn die jetzt geplanten Becken Amorbach und Hängelbach schon in Betrieb gewesen wären, hätten sie die Wassermassen nicht aufhalten können. Dazu kommt der Klimawandel, der das Problem weiter verschärft − eine Sünde der Vergangenheit und der Gegenwart.

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